Geschichte Wie das Siegesdenkmal in Leipzig entstand und wieder verschwand

Mit Denkmälern tut sich Leipzig schwer, wie das gescheiterte Projekt des Freiheits- und Einheitsdenkmals zeigt. Da soll jetzt ein neuer Anlauf genommen werden. Allerdings gibt es auch den Vorschlag, das Geld lieber für den Wiederaufbau des Siegesdenkmals auf dem Leipziger Markt zu verwenden, das fordert die AfD. Ein Denkmal, das an den deutschen Sieg über Frankreich 1871 erinnerte und vor 75 Jahren abgerissen wurde.

Altes Rathaus mit Siegesdenkmal und Arkaden in Leipzig
Das Siegesdenkmal und das Alte Rauthaus auf dem Markt von Leipzig Bildrechte: imago/Arkivi

Spurlos verschwand das Leipziger Siegesdenkmal vom Leipziger Markt. Abgerissen wurde es von Juni bis Dezember 1946 auf Betreiben von SPD-Stadtbaurat Walther Beyer. In ihrem Heimatkundebuch "Leipzig in Geschichten und Bildern" beschreibt die "Kommission des Leipziger Lehrervereins" das Siegesdenkmal wie folgt: "Auf vielfach gestuftem Unterbau, herausgehoben aus dem Alltagsgetriebe der Straße, ziehen die Männer am Auge vorüber, die an Deutschlands Einigung hervorragenden Anteil hatten".

Auf einem sechs Meter hohen Sockel aus dunkelgrünem Granit steht die überlebensgroße Statue des Deutschen Kaisers Wilhelm I.
Das Siegesdenkmal auf dem Leipziger Markt Bildrechte: imago/Arkivi

Ähnlich schwülstig-pathetisch sind auch die Verse am Denkmal:

"Uns’rer Väter heißes Sehnen,
Deutschlands Einheit, ist erstritten.
Uns’re Brüder haben freudig
Für das Reich den Tod erlitten."

Sieg bei der Schlacht von Saint Privat

Im ersten Reichseinigungskrieg von 1866 stehen die Sachsen noch auf der Verliererseite, marschieren mit Österreich gegen Preußen. Was sie nicht abhält, fünf Jahre später mit Jubel und unter preußischer Führung gen Frankreich zu marschieren. Größter Erfolg der sächsischen Truppen: die Schlacht von Saint Privat am 18. August 1870. Was dem Preußen sein Sedan-Tag ist dem Sachsen fortan der Tag von Saint Privat. Auch das Leipziger Siegesdenkmal wird an einem 18. August eingeweiht: im Jahr 1888.

So hat die Stadt Leipzig mit treuem Bürgersinn ein Denkmal errichtet, welches nicht nur ihr selbst, sondern auch dem ganzen Deutschland zur Ehre gereicht.

Zitat aus der "Gartenlaube" 1888, Heft 33, S. 562

Weiter schreibt die "Gartenlaube": "Gekrönt wird es von der mächtigen Gestalt der Germania, die als Kriegerin nach erkämpftem Siege, als gewaffnete Schirmerin des Friedens erscheint."

"Germania" übersteht beide Weltkriege

Das Siegesdenkmal an der Nordseite des Rathauses überdauert die Einschmelzaktionen des Ersten und Zweiten Weltkrieges und auch die Bombenangriffe auf Leipzig. Weder die Amerikaner noch die Sowjets nehmen Anstoß am Siegesdenkmal. Irritiert fragt Hauptmann Kucharj von der sowjetischen Militäradministration, wer den Abriss angeordnet habe. Walther Beyer antwortet, die Abtragung geschehe "auf Wunsch der Sozialdemokratischen Partei, also vollkommen freiwillig". Das Siegesdenkmal verschwindet komplett. Die kupfergetriebene Germania, die Bronzefiguren der Fürsten und Soldaten, der Granitsockel sind spurlos verschwunden. Fast.

Das Siegesdenkmal vor der zerstörten Nordseite des Marktes in Leipzig
Siegesdenkmal vor der zerstörten Nordseite des Marktes in Leipzig kurz vor der Demontage. Bildrechte: imago/imagebroker

Denkmal für Heinrich Heine

Es gibt noch einen Stein, der viel Geschichte erzählt. Dr. Monika Kirst ist Kulturwissenschaftlerin und leitet den Geschichtsboden des Volkshauses Leipzig. Und im Garten des Volkshaus in der Karl-Liebknecht-Straße steht ein roter Granitstein. Darauf steht: "Heinrich Heine" und darunter nur eine einzige Zahl: 1947. Zum 150. Geburtstag Heines 1947 hat der Leipziger Gewerkschafter Erich Schilling den Stein aufstellen lassen. Er wollte damit, so schreibt er in seinen Lebenserinnerungen: "In einer Zeit politischer Zerrissenheit Deutschlands einen Appell an das gesamtdeutsche Kulturbewusstsein richten, damit der Gedanke des neutralen deutschen Einheitsstaates nicht weiter verblasst."

In Erich Schillings Erinnerungen findet Monika Kirst folgende Worte: "Das ist das Material vom abgebrochenen Siegesdenkmal auf dem Markt." Was hätte Heine wohl dazu gesagt, dass sein Stein von diesem Siegesdenkmal stammt." Dem Ironiker Heine hätte es sicher gefallen, und ein passender Vers wäre dem geschichtsbewussten Dichter auch eingefallen.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Stichtag | 09. Dezember 2021 | 06:40 Uhr

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