Baumwollspinnerei Leipziger Jahresausstellung: Warum sich der Besuch 2022 besonders lohnt

Auch 2022 lädt die Leipziger Jahresausstellung wieder dazu ein, neue Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern kennenzulernen, die aus Leipzig kommen oder eine Verbindung zur Stadt haben. Unter dem Titel "Lux" wirft die Ausstellung in der Baumwollspinnerei dieses Jahr das Licht auf Werke von insgesamt 39 Kunstschaffenden. Zu diesen zählen Kerstin Flake, Preisträgerin der Jahresausstellung, Stadtmaler Günther Thiele oder die sächsische Stipendiatin Laura Link, deren Gemälde für "Krawall" sorgt.

Geschichtete Blöcke aus festem Schaumstoff. 5 min
Bildrechte: Jana Mertens

Schön gebaut, in der nunmehr 28. Leipziger Jahresausstellung, ist jene Ecke hinten, in der die Kuratoren einem zeitgenössischen romantischen Geist zu seiner Manifestation verhelfen. Zunächst ahnungslos prallen die Besucher auf einen erhabenen Berg, nicht aus Eis, sondern aus Schaumstoff – in weiß, rosa und grau, den die Bildhauerin Jana Mertens aus Bau-und Schaumstoffplatten zusammengefügt und zurechtgesägt hat, was die Ränder als Verwerfungen von spitzkantigen Eisschollen erscheinen lässt.

"Die Plastik hat die Künstlerin in ein, zwei Tagen hier vor Ort geschaffen und der Ausstellung angepasst. Es gibt Ausgaben ihrer Berge, die sind bis zu fünf Meter hoch, hier sind es 'nur' rund 2 Meter in der Höhe", betont Rainer Schade, Vorsitzender des Leipziger Jahresausstellung e.V.

In Leipzig wird Caspar David Friedrich neu gedacht

Während man sich fragt, ob die hohe pyramidale Form an Caspar David Friedrichs "Eismeer" erinnert – immer wieder als Metapher für gesellschaftliche Hoffnungslosigkeit gedeutet – wird die Frage durch das dahinterhängende Großformat des Malers Clemens Tremmel beantwortet, der mit Öl auf Aluminium malt und sein Thema bei Caspar David Friedrich gefunden hat. Tremmel zeigt eine romantisch-karge Felslandschaft, mit der er das Erlebnis Landschaft – genau wie Friedrich – als Sehnsucht bewusst macht, in der technisierten Generation Internet, die an den Rändern von verlaufener Farbe und Spritzern angezeigt wird.

Eine Frau hält ein Hirschgeweih vors Gesicht.
"Lux/Licht" ist das Motto der Leipziger Jahresausstellung 2022. Bildrechte: Nadine Maria Rüfenacht

Das Aluminium als Maluntergrund blinkt, worüber sich Nicole Kegel, Kuratorin der Leipziger Jahresausstellung, besonders freut. Denn es trägt dem Motto der diesjährigen Schau, "lux" (übersetzt Licht), Rechnung. "Man hat eine sehr starke Lichtwirkung durch das Metall als Grundlage", erklärt Kegel, die das an die Aura einer Sonne erinnert.

Landschaften und Körper in kleinen und großen Formaten

Hektische Besucher und Besucherinnen verfallen in der romantischen Ecke der Schau in Betrachtung und Ruhe. Auch die mit einer Wildkamera von Nadin Maria Rüfenacht abgelichteten Tiergeweihe und nackten Menschenkörper tragen dazu bei, von der Fotografin in schaurig-rätselhaften Ritualen vereint und mit dem inszeniert, was an Lumen aus dem Restlichtverstärker einer Wildkamera kommt.

Surreale, teils nächtlich fragwürdige, Landschaften zeigt auch der Leipziger Maler Stan Gutglück, in Klein-Formaten in Serie, die er mit Filzstift malt. Es müssen nicht immer Großformate sein. Durchs Klein-Format bestärkt, kann man sich schließlich den "krawalligeren" Positionen der Jahresausstellung zuwenden.

Eine Kunstinstallation, bei der gelber Stoff von der Decke hängt.
Leipziger Jahresausstellung 2022: Medienkünstlerin Lea Petermann geht in ihrer Installation der Analogie von Schleimpilzen und Gesellschaft nach. Bildrechte: Lea Petermann

Viele unkonventionelle Leipziger Künstlerinnen

Zu den krawalligeren Positionen gehört etwa jenes große gelbe Etwas aus Textil und Gipskugeln, das knubbelige Tentakel meterhoch und breit im künstlichen Wind wackeln lässt, von der Medienkünstlerin Lea Petermann geschaffen. Sie interessiert sich für die Künstliche Intelligenz von Schleimpilzen, die wachsen können wie unsere Gesellschaft.

Shocking betreibt auch die Malerin Laura Link. Bekannt geworden für ihre Erkundung, nicht nur menschlicher Hautfalten, Fettpolster und Ödeme – die uns die Vertreibung aus dem Paradies eindringlich vor Augen führen – präsentiert sie in der Schau Großformatiges in Öl unter dem Titel "www.fettefickweiber.de". "Wir haben kurz überlegt, ob das noch jugendfrei ist", erklärt Nicole Kegel. "Es ist eine extrem großformatige Arbeit, 5 Meter in der Höhe und 8 Meter in der Breite, bestehend aus vier Teilen, die dann ein ganzes, ziemlich deftiges Ölgemälde, auf dem es trieft und tropft, ergeben", so die Kuratorin.

Collage aus Bildern von Zungen, Gaumen, langen Fingernägeln und einer nackter Körperteile.
Malerin Laura Link stellt Objekte und Körper in ihrer Malerei großformatig und auf ungewöhnliche Weise dar. Bildrechte: Laura Link

Malerei und Zeichenkunst aus Leipzig werden gehuldigt

Natürlich huldigt die 28. Leipziger Jahresausstellung der Malerei, der immer noch dominierenden Disziplin vor Ort. Schön, dass es Bilder des Stadtmalers Günther Thiele zu sehen gibt oder eine Neuauflage von Norbert Wagenbretts "Fischverkäuferin", die 1987/88 ein "Aufreger" war auf der zentralen Kunstausstellung der DDR, oder auch Claus Georg Stabes abstrahierte Formen. "Stabe ist kein Unbekannter, und er setzt die Linien so, dass ein Moiré-Effekt entsteht, nonfigurativ", so Rainer Schade, Vorsitzender des Leipziger Jahresausstellung e.V., der außerdem auf den Kugelschreibergeruch hinweist.

Malerei einer Fischverkäuferin.
Norbert Wagenbretts "Fischverkäuferin" ist in der Tradition des Verismus gemalt. Bildrechte: Norbert Wagenbrett

Es ist aber eine Fotografin, die dieses Jahr den mit 10.000 Euro dotierten Preis dieser – unterhaltsamen – Jahresausstellung errungen hat: Kerstin Flake für ihre Foto-Inszenierungen von Objekten, die ein seltsames Eigenleben führen, die zum Beispiel, entgegen jeder Schwerkraft, im Raum schweben – den Leipziger Fotograf Matthias Hoch jedoch nicht zu vergessen, der in der Schau seine menschenleeren, bühnenartigen Architektur-Räume zeigt, die teils gar zu Signets geraten.

Verwischte Fotografie eines grünen Stuhls, in dem Schwämme stecken.
Kerstin Flake hat den Preis der Leipziger Jahresausstellung 2022 gewonnen. Bildrechte: Kerstin Flake

Die Ausstellung 28. Leipziger Jahresausstellung "LUX"
24. Juni – 16. Juli 2022

Leipziger Baumwollspinnerei
Werkschauhalle/Halle 12
Spinnereistraße 7
04179 Leipzig

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Freitag: 13 bis 18 Uhr
Samstags: 12 bis 17 Uhr

Mehr zu Kunst aus und in Leipzig

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. Juni 2022 | 11:15 Uhr

Mehr MDR KULTUR