Kulturtipps Mauerfall 1989: Ausstellungen, Bücher und Filme zum 9. November

Eine Ausstellung zu DDR- und BRD-Design in der Kunsthalle im Lipsiusbau Dresden besuchen, den Roman "Die Verlassenen" des Leipziger Autors Matthias Jügler lesen oder den neuen Film "Lieber Thomas", ein Biopic über den Schriftsteller Thomas Brasch, im Kino ansehen – MDR KULTUR hat Ihnen jede Menge Kulturtipps anlässlich des 32. Jahrestags des Mauerfalls am 9. November versammelt.

Ausgelassen feiern Ost und West an und auf der Berliner Mauer am Brandenburger Tor Silvester 1989 (31.12.89).
Zahlreiche Ausstellungen, Bücher und Filme widmen sich der Aufarbeitung der deutschen Teilung, dem Mauerfall und der Nachwendezeit. Wir haben aktuelle Veranstaltungstipps sowie Literatur- und Filmempfehlungen für Sie. Bildrechte: dpa

AUSSTELLUNGEN

Kunsthalle im Lipsiusbau in Dresden: "Deutsches Design 1949-1989: Zwei Länder, eine Geschichte"

Von der Mitropa-Kanne bis zum einem als "Senftenberger Ei" bezeichneten Klappsessel – bei dieser Design-Ausstellung im Dresdner Lipsiusbau ist für das Publikum nicht immer gleich ersichtlich, welche Objekte aus dem Osten und welche aus dem Westen kommen. Zusammengetan haben sich dafür das Kunstgewerbemuseum der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und des Vitra Design Museums in Weil am Rhein – ganz getreu dem Anspruch einer Begegnung auf Augenhöhe.

Weitere Informationen

Die Ausstellung "Deutsches Design 1949-1989: Zwei Länder, eine Geschichte" ist noch bis zum 20. Februar 2022 in der Kunsthalle im Lipsiusbau in Dresden zu sehen.

Adresse:
Georg-Treu-Platz 1
01067 Dresden

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr

Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale): "Sittes Welt. Eine Retrospektive"

Willi Sitte: Selbstbildnis mit Pinseln, 1981, Öl auf Hartfaser, 125 x 80 cm, Privatbesitz
Zum Ende seiner Karriere begann Willi Sitte in Selbstporträts seine eigene Kunst zu hinterfragen. Bildrechte: Privatbesitz / Foto: Punctum/Bertram Kober / VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Der Künstler Willi Sitte eckte schon immer an: In den 50er-Jahren kam er nach dem Krieg von Italien nach Halle und setzte seine Malerkarriere fort. Obwohl sich Sitte früh für den Sozialismus und die SED engagierte, wurde er von den Funktionären wegen seiner Nähe zur Moderne abgelehnt. Später orientierte er sich am gewünschten Realismus der Parteiführung und wurde selbst zu einem führenden Kulturfunktionär. Nach der Wiedervereinigung wurde ihm diese Machtposition vorgeworfen. Eine Retrospektive zu seinem 80. Geburtstag in Nürnburg wurde deswegen abgesagt.

Willi Sitte ist also nicht nur im Hinblick auf die deutsch-deutsche Geschichte eine vielsagende Künstlerpersönlichkeit. Das Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale) zeigt nun das Gesamtwerk des Malers – in einem Umfang, wie es seit 35 Jahren nicht mehr zu sehen war. Die Retrospektive folgt dem Werdegang des Künstlers und zeigt auch Bilder, die erst nach dem Mauerfall entstanden sind und eine neue Seite von Willi Sitte zeigen.

Weitere Informationen

"Willi Sitte: Die Retrospektive" ist bis 9. Januar 2022 im Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale) zu sehen.

Adresse:
Friedemann-Bach-Platz 5
06108 Halle

Öffnungszeiten:
Donnerstag bis Dienstag von 10 bis 18 Uhr
Mittwochs geschlossen

Gedenkstätte Marienborn: "Die DDR-​Grenzübergangsstelle Marienborn. Schauplatz des Ost-​West-​Konflikts im geteilten Deutschland"

Luftaufnahme der Gedenkstätte Deutsch-Deutsche Teilung in Marienborn
In der Gedenkstätte Marienborn können Besucherinnen und Besucher der Grenzpolitik der DDR nachspüren. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auf dem etwa 30 Hektar großen ehemaligen Kontrollareal bei Marienborn können Besucherinnen und Besucher die historischen Abfertigungsbereiche für die in die DDR einreisenden Autos, den Zollbereich sowie die Wechselstube der DDR-Staatsbank und den Kommandantenturm der Grenztruppen besichtigen. Zur Gedenkstätte gehören zudem weitere historische Funktionsgebäude wie das Heizhaus, die Trafostation, die Veterinärkontrolle und ein Garagenkomplex. Seit dem 17. Juli 2020 ist die neue Dauerausstellung mit dem Titel "Die DDR-​Grenzübergangsstelle Marienborn. Schauplatz des Ost-​West-​Konflikts im geteilten Deutschland" im Besucherzentrum der Gedenkstätte geöffnet.

Weitere Informationen

"Die DDR-​Grenzübergangsstelle Marienborn. Schauplatz des Ost-​West-​Konflikts im geteilten Deutschland" – Dauerausstellung der Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn

Adresse:
An der Bundesautobahn 2
39365 Marienborn

Öffnungszeiten:
Das Außengelände und die neue Dauerausstellung sind täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Auch Führungen sind möglich.
Der Eintritt ist kostenlos.

BÜCHER

Jan Wenzel: "Das Jahr 1990 freilegen"

Eine Doppelseite aus dem Buch 'Das Jahr 1990 freilegen'
Jan Wenzel versammelt in seinem Band Dokumente über die Wendezeit. Bildrechte: Spector Books

Das Jahr 1989 hat sich in die Erinnerung der meisten Menschen eingebrannt. Dabei ist das Jahr 1990 das eigentliche Jahr der Veränderungen, in dem ein Wandel von einem System zu einem anderen stattfand. Dieser besonderen Stimmung wollte Jan Wenzel in seinem Buch "Das Jahr 1990 freilegen" nachspüren. "Auf fast 600 großformatigen Seiten, von denen keine der anderen gleicht, saugt uns diese suggestive Text-Bild-Montage förmlich mit Haut und Haaren in die Vergangenheit – und ist doch hoch aktuell", meint MDR KULTUR-Literaturkritiker Nils Kahlefendt.

Weitere Informationen

Jan Wenzel: "Das Jahr 1990 freilegen"
Spector Books Leipzig
592 Seiten
ISBN: 9783959053198

Grit Lemke: "Kinder von Hoy. Freiheit, Glück und Terror"

Die "Gundermann-Revier" Regisseurin Grit Lemke
In "Kinder von Hoy" erinnert sich Grit Lemke mit Menschen ihrer Generation an die Jugend in Hoyerswerda. Bildrechte: MDR/Joachim Blobel

Grit Lemke ist vielen als Regisseurin des Films "Gundermann Revier" bekannt. Aufgewachsen ist die Künstlerin in Hoyerswerda. Für ihren dokumentarischen Roman "Kinder von Hoy" hat sie mit zahlreichen Menschen gesprochen. Gemeinsam erinnern sie sich an ihr Aufwachsen in der sächsischen Stadt. In ihrem Buch "Kinder von Hoy" bricht Lemke mit Klischees, etwa dass für Kinder in den Plattenbauten der DDR alles ganz schrecklich gewesen sein müsse. Überall – ob in Suhl, in Riesa oder in Dessau – bedeutete es Freiheit, durch die noch unfertigen Viertel zu ziehen. Aber die Autorin beschreibt auch die Ernüchterung, die später einsetzte und die letztlich in die berüchtigten rassistischen Ausschreitungen mündete, die Lemke auch in dem Film "Hoyerswerda '91" mit aufarbeitete. "Kinder von Hoy" ist eines der besten Bücher, die über den Osten geschrieben wurden, sagt MDR KULTUR-Literaturkritiker Matthias Schmidt.

Weitere Informationen

Grit Lemke: "Kinder von Hoy. Freiheit, Glück und Terror"
Suhrkamp Verlag
255 Seiten
ISBN: 978-3-518-47172-2

"Hoyerswerda '91. Eine Stadt, die Gewalt und ihre Aufarbeitung"
Ein Film von Christian Hans Schulz und Nils Werner
45 Minuten, MDR 2021

Matthias Jügler: "Die Verlassenen"

Der Roman "Die Verlassenen" von Matthias Jügler erzählt, wie die DDR in den Biografien der Generation nachwirkt, die sie nur als Kind erlebt hat. Johannes, der Ich-Erzähler des Romans, wurde 1981 geboren und hat seine Mutter verloren, als er fünf war. Sein Vater verlässt ihn 1994. Auf der Suche nach den Gründen entdeckt er, dass die Mutter von einem Stasi-IM vor ein Auto gestoßen wurde. Trotz seiner Kürze bietet der Roman auf 170 Seiten viele Spuren: Hat die Stasi auch Johannes' Vater umgebracht? Ist das Gefühl des Verlassen-Seins am Scheitern von Johannes' Beziehung Schuld? Kann er nach der Begegnung mit dem Stasi-IM in Norwegen ein neues Leben beginnen?

Weitere Informationen

Matthias Jügler: "Die Verlassenen"
Penguin Verlag 2021
176 Seiten, gebunden
ISBN: 978-332860-161-6

Brigitte Reimann: "Post vom schwarzen Schaf. Geschwisterbriefe"

DDR-Schriftstellerin Brigitte Reimann starb 1973 mit 39 Jahren früh an den Folgen ihrer Krebserkrankung. Ihr Schaffen wirkt jedoch bis heute. Bekannt wurde sie mit dem Roman "Franziska Linkerhand", aber Reimann schrieb auch immer viele Briefe an ihre Familie. Mehr als 45 Jahre später ist nun der Briefwechsel mit den Geschwistern erschienen. In den ausgewählten Briefen streitet die überzeugte DDR-Bürgerin mit ihrem Bruder, der mit seiner jungen Familie nach Hamburg geflohen war, über die Fehler des sozialistischen Staates – vielleicht ein Sinnbild für den Kalten Krieg. Aber auch die Sorgen im kleinen Staat spielen in den Briefen mit der jüngeren Schwester Dorothea eine Rolle. Ein spannendes Zeitdokument der Deutschen Teilung.

Weitere Informationen

Brigitte Reimann: "Post vom schwarzen Schaf. Geschwisterbriefe"
Herausgegeben von Heide Hampel und Angela Drescher
Aufbau Verlag
416 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-351-03736-9

Kati Naumann: "Wo wir Kinder waren"

Arbeiterinnen der Spielzeugfabrik in Sonneberg in den beim Ankleiden von Puppen, ca. 1950
Das Spielzeug der Sonneberger Hersteller hat eine lange Tradition. Bildrechte: IMAGO / United Archives

Kuscheltiere und Puppen der Vereinigte Spielwarenwerke Sonneberg waren nicht nur in der DDR weit verbreitet. Auch im Ausland waren die Spielwaren aufgrund ihrer hohen Qualität sehr beliebt. Nach der Wiedervereinigung hat die Firma dennoch nicht überlebt: Die Produktion wurde ins Ausland verlagert und die Qualität konnte wegen schlechter Finanzierung nicht mithalten. Doch die Geschichte des Spielzeug-Herstellers reicht noch weiter zurück.

Die Autorin Kati Naumann geht dieser Geschichte nach und hat lange recherchiert. In ihrem Roman "Wo wir Kinder waren" lässt sie auch die Nachkommen der Gründerfamilie fiktiv in der Geschichte graben. Torsten Unger von MDR Thüringen war begeistert: "Durch den erzählerischen Trick, dass die Nachfahren durch das Stammhaus gehen, um es zu entrümpeln, heben wir als Leser mit Schicht für Schicht von der Historie und entdecken ein interessantes Stück Thüringer Industiegeschichte."

Weitere Informationen

Kati Naumann: "Wo wir Kinder waren"
HarperCollins
496 Seiten
ISBN: 978-3-749-95000-3

FILME

"Lieber Thomas": Biopic über Dichter Thomas Brasch

Als Thomas Brasch sich bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises für seine Ausbildung in der DDR bedankte, war das ein Skandal. Der Dichter und Filmemacher reiste 1976 im Zuge der Debatte um die Ausbürgerung Wolf Biermanns aus und lebte in Westberlin. Der Regisseur Andreas Kleinert hat dem Dichter mit "Lieber Thomas" ein Porträt zum 20. Todestag gewidmet. In dem Spielfilm übernimmt Albrecht Schuch, der in Jena aufgewachsen ist und als europäischer "Shooting Star" ausgezeichnet wurde, die Rolle des Schriftstellers.

Weitere Informationen

Der Film "Lieber Thomas" startet am 11. November 2021 in den Kinos.
Regie: Andreas Kleinert
Mit: Albrecht Schuch, Jella Haase, Peter Kremer
Deutschland, 2021

"Kinder der Mauer": ARD-Schwerpunkt mit Doku und Podcast

Die Mauer hat lange Schatten geworfen und das Leben vieler Menschen massiv und nachhaltig beeinflusst. Im Schwerpunkt "Kinder der Mauer", der unter anderem aus einer Dokumentation und einer Podcast-Reihe besteht, erzählen Menschen, was die Grenze für ihr Leben bedeutete. Dabei geht es um zerrissene Familien und zerstörte Existenzen.

Mehr zum Schwerpunkt

Dokumentarfilm "Wir Kinder der Mauer" von Kristin Siebert und Christian von Brockhausen

Video-Reihe "Wir Kinder der Mauer - Tod in der Ostsee":
Folge 1: Republikflucht
Folge 2: Die Unfall-Lüge
Folge 3: Die Schwester im Westen
Folge 4: Spurensuche

Radio-Feature: "Wir Kinder der Mauer"
Länge: 54 Minuten

Podcastreihe "Wir Kinder der Mauer" in sechs Folgen:
Folge 1: Rudi Thurow – Ein Grenzsoldat auf der Flucht
Folge 2: Beatrice Hoffmann – Einmal Thüringen, immer Thüringen
Folge 3: Mamo und Dorothee Adugna – Hoch die internationale Solidarität?
Folge 4: Katrin Eder – aus Liebe zu einem Mann und zum Sozialismus in den Osten
Folge 5: Peter Drauschke – Auf der Suche nach kommunistischen Idealen
Folge 6: Markus Pragal – ein Grenzgänger zwischen Ost und West

"Charité": Fernsehserie zeigt Klinik-Alltag zu DDR-Zeiten

Die Anthologie-Serie "Charité" erzählt die Geschichte des Berliner Krankenhaus Charité und widmet sich in jeder Staffel einer Epoche. Die dritte Staffel erzählt von den 60er-Jahren, als die Mauer gerade errichtet wurde. Die Episoden beziehen sich immer wieder auf politische und zeitgeschichtliche Umstände: so wird beispielsweise der erste Mauertote obduziert. Außerdem gibt es zahlreiche historisch verbürgte Personen, wie die Kinderärztin Dr. Ingeborg Rapoport. Eine sehenswerte Staffel, urteilt Filmkritikerin Anna Wollner.

Weitere Informationen

Die dritte Staffel von "Charité" besteht aus sechs Folgen
Gemeinsame Produktion von Ufa Fiction und MDR
Regie: Christine Hartmann
Unter anderem mit: Nina Gummich, Nina Kunzendorf, Philipp Hochmair, Uwe Ochsenknecht, Max Wagner, Franz Hartwig

Alle Folgen und die früheren Staffeln sind in der ARD Mediathek verfügbar.

MUSIK

Wie klingt die Wende – eine Playlist

Hatte die Wende einen besonderen Klang? Gab es einen Soundtrack für die Jahre '88, '89 und '90? Musik, die all das wilde politische Treiben nicht nur begleitete, sondern womöglich sogar mitbestimmte? – Es soll Menschen geben, die glauben tatsächlich, dass "Wind Of Change" oder gar "Looking For Freedom" die Mauer eingerissen hätten. Welche Musik den Menschen in den letzten Atemzügen eines untergehenden Landes tatsächlich am meisten aus der Seele sprach, war eine ganz individuelle Entscheidung. MDR KULTUR-Musikredakteur Hendryk Proske hat seine persönliche Top Ten dieser Zeit zusammengestellt.

Mehr über DDR- und Wende-Geschichte

Geschichte

Eine Frau mit Pferdeschwanz und Sonnenbrille mit einem großen Hammer an der Berliner Mauer 10 min
Bildrechte: IMAGO/LOOKsfilm/MDR

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. November 2021 | 08:40 Uhr