"Gegen das Warten" Kunst für Hühner: So entstand die Chemnitzer Sonderausstellung

Die Chemnitzer Rebel Art Gallery hat seine Wurzeln in der Sprayer- und Urban Art-Szene der sächsischen Metropole. Gegründet wurde sie von Guido Günther, der sie immer noch leitet. Im Lockdown entstand hier ein Projekt, das viel Aufmerksamkeit auf sich zog: Die Ausstellung "Gegen das Warten" wird exklusiv Hühnern gezeigt. Im Interview spricht der Galerist über die Idee dahinter, den Austausch mit den Tieren und die Pandemie.

Rebel Art Stallery, Hühner, Ausstellung, Gegen das Warten
Blick in die Ausstellung mit Publikum Bildrechte: Rebel-Art Galerie, Jan Thau

MDR KULTUR: Es sieht inzwischen so aus, als könnten Galerien demnächst unter Auflagen wieder öffnen.

Guido Günther: Mit "Click & Meet": Irgendwie rufst Du an und machst einen Termin aus. Das finde ich eine gute Sache. Aber diese Ausstellung ist für Hühner das nützt uns das nichts. Aber im nächsten Projekt ist es schön, dass der Mensch wieder zusammenrücken kann.

Wie war das Jahr bis jetzt?

Es war halt kein Jahr, wir haben gar nichts gemacht. Ich habe mal die Rechnungen der letzten drei Monate ausgedruckt – da hatte ich drei. Es ist Winter und zu kalt, um draußen etwas zu machen. Die Galerien und Läden waren geschlossen. Das hat uns schon getroffen. Aber wir hatten Zeit für neue Ideen und das hat uns gut getan.

Rebel Art Stallery, Hühner, Ausstellung, Gegen das Warten 4 min
Bildrechte: Rebel-Art Galerie, Jan Thau

Normalerweise hat man ein Ziel oder eine Idee, mit der man produziert. Man will das anderen zeigen, will gelobt oder kritisiert werden, um dann wieder dagegen argumentieren zu können. Man sucht diesen Austausch, das ist die Motivation unserer Arbeit. Natürlich geht es um die Malerei an sich, aber auch um die Präsentation, sich zu messen mit dem Anspruch, das gemacht zu haben, was am coolsten ist. Das mit den Hühnern war für uns einfach der Grund, wieder etwas zu machen. Da gibt es wieder Austausch, auch wenn keiner weiß, wie dieses Publikum reagiert. Es war auch ein Versuch.

Ist das aus Langeweile im Lockdown geboren?

Nein, das ist schon eine Mischung aus verzweifelten Überlegungen heraus: Wir wollten ein Projekt und das gab es halt nicht. Die Hühner sind unsere Nachbarn bei einem Projekt im Striegistal und wir dachten: Wir laufen da zwar jeden Tag vorbei. Wir haben uns auch die Zeit genommen, die kennen zu lernen. Aber die wissen gar nicht, was wir machen. Wir wollten denen also etwas zeigen – und auch anderen Hühnern – was die interessieren könnte. Es ist eine neue Zielgruppe: das Huhn, das wir als Freund und Partner respektieren. Das war die Idee, auf Augenhöhe zu sagen: "Hey du Huhn, du bist ein cooler Typ. Du legst uns jeden Tag ein Ei, wir haben dich echt lieb dafür. Guck, das machen wir. Wie gefällt dir das?"

Rebel Art Stallery, Hühner, Ausstellung, Gegen das Warten
Blick in die Rebel Art Stallery Bildrechte: Rebel-Art Galerie, Jan Thau

Wie haben sich die Hühner von dem üblichen Publikum einer Vernissage unterschieden?

Es waren schon Ähnlichkeiten zu erkennen. Ausstellungspublikum verhält sich eben wie Ausstellungspublikum. Es ist interessiert – mal mehr, mal weniger – und will auch die Gegebenheiten nutzen: Sekt und Kanapees. Das haben die Hühner auch gemacht, aber die haben sich auch die Bilder angeschaut. Also es gab schon Parallelen, vielleicht weil wir alle Lebewesen sind.

Rebel Art Stallery, Kunstwerke, Ausstellung, Gegen das Warten,Hühner
In der Ausstellung geht es auch um Vergänglichkeit. Bildrechte: Rebel-Art Galerie, Jan Thau

Kunst kann schön sein, Kunst kann auch provozieren. Wir haben intensiv darüber nachgedacht, wie wir Kunst für diese Zielgruppe produzieren können. Einzelne Künstler hatten natürlich auch den Anspruch, in einer gewissen Form zu provozieren, in dem auch die Vergänglichkeit mit erfasst wurde. Jan Thaus wunderbare Fotoserie stellt in gewisser Weise die Realität dar. Damit muss man als Huhn auch mal konfrontiert werden, auch wenn es nicht schön ist. So ist es bei uns Menschen auch.

 Wie war der Austausch mit dem nichtgeflügelten Publikum?

Wir haben die Eröffnung mit den Hühner auch live im Netz gestreamt. Damit sich Freunde und Besucher unserer Galerie nicht ganz ausgeladen fühlen, sondern mit einem Huhn oder einem Hahn ihr Wahl der Ausstellung beiwohnen konnten. Wir haben dann später eine Dokumentation gemacht, um unsere Gedanken zu erklären. Die wurde auch angeschaut – von Menschen, vermute ich.

Gab es dann auch Rückmeldungen?

Es wurde in den sozialen Medien kommentiert und wir wurden auch angeschrieben. Es gab den Austausch und der war meist positiv. Wir haben uns auch über Reaktionen gefreut wie: "Ich habe meine Frau für verrückt erklärt, als ich den Hühnerstall tapezieren sollte. Aber wenn ich das sehe, wird mir klar, dass so ein Huhn auch ein Kunstgespür hat." Eine Frau war ganz begeistert von diesen Hühnergöttern und hatte die Idee, ihren Hühnern die Religion ein bisschen näher zu bringen und einen Schrein zu errichten mit der Arbeit von Simon "Mont Blond" Rosenow.

Rebel Art Stallery, Kunstwerke, Ausstellung, Gegen das Warten,Hühner
Dagmar Ranft-Schinke: Das Turbohuhn Bildrechte: Rebel-Art Galerie, Jan Thau

Wir hatten auch Anfragen von Menschen, die die Ausstellung mit Hühnerkostümen besuchen wollen. Mit "Click & Meet" ist so etwas sicherlich möglich. Aber geht nur mit Verkleidung, das darf uns nicht auffallen. Denn die Ausstellung ist für Hühner.

Hinterlässt diese Pandemie auch Spuren?

Rebel Art Stallery, Kunstwerke, Ausstellung, Gegen das Warten,Hühner
Foto-Serie von Jan Thau Bildrechte: Rebel-Art Galerie, Jan Thau

Da bin ich mir sicher. Viele Leute haben das Internet als Einkaufsmöglichkeit erstmals entdeckt und werden das auch weiter nutzen. Da muss man sich den denen Bedingungen anpassen und etwas tun – und sei es für Hühner.

Also so eine Pandemie ist auch eine Chance, weil es auch Zeit gab es etwas zu tun. Ich arbeite schon immer auch viel draußen, das kam mir jetzt zu Gute. Aber wenn ich eine Idee habe, dann male ich das auf eine Leinwand, nur weil ich das will. Also da habe ich schon produziert. Aber es gab auch ein halbes Jahr, in dem man nicht wusste, warum. Ich bin zu keiner Messe gefahren und konnte meine Sachen zeigen. Da ist der Motor weg: Warum mache ich das noch? Für wen? Wie lange kann ich das noch machen, wenn ich nichts verkaufe? Die innere Motivation schwindet einfach.

Die Ausstellung heißt "Gegen das Warten". Wir haben lange gewartet, dass wieder etwas möglich ist. Wir hatten Zeit und wollten etwas machen. Wir wollten die Zeit füllen und den Austausch wieder herstellen mit dem Betrachter – ob Mensch oder Huhn. Wir wissen nicht, wie es weitergeht. Aber was unheimlich nervt, ist dieses Meckern. Es ist echt total beschissen, was da passiert und unheimlich viele Menschen sterben. Man versteht ja auch die Gesamtsituation und die politische Lage mehr oder weniger. Wir sitzen alle in einem Boot und es ist für alle schwer. Dann will ich nicht der sein, der sich am Ende der Schlange anstellt und weiter auf diese Gesamtsituation schimpft, sondern eine Alternative bieten.

Das Gespräch führte Dennis Wagner für MDR KULTUR.

Weitere Informationen Die Ausstellung "Gegen das Warten" wurde bis zum 5. April verlängert.
Menschliche Interessenten können die Bilder durch die Schaufenster ansehen.

Rebel Art Galerie
Brühl 67
09111 Chemnitz

Kunst im Lockdown

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 11. März 2021 | 22:10 Uhr

Meistgelesen bei MDR KULTUR

Abonnieren