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Entdeckungen zum 550. GeburtstagCranachs Spuren in Torgau: Wiedergekehrte Altarbilder und zahllose Engel

von Grit Krause, MDR KULTUR

Stand: 06. Oktober 2022, 14:27 Uhr

Lucas Cranach der Ältere gilt als einer der bedeutendsten Maler der Renaissance, als der produktivste und wirtschaftlich erfolgreichste Künstler seiner Zeit. Vor 550 Jahren wurde er in Kronach geboren, wirkte aber später vor allem in Orten wie Wittenberg, Weimar – und Torgau. Hier war er ab 1505 als Hofmaler tätig und hatte mit seiner Werkstatt großen Anteil daran, dass Schloss Hartenfels unter Johann Friedrich von Sachsen zu einer der imposantesten Renaissanceanlagen Europas wurde. Originale von Cranach sind noch heute in der Stadt zu sehen!

Besuch im Stadt- und Kulturgeschichtlichen Museum in Torgau: Jürgen Herzog, Vorsitzender des örtlichen Geschichtsvereins, der das Museum betreibt, führt in einen kleinen Raum, eine ehemalige Klosterkapelle. Dort hängen sie: zwei farbprächtige Altartafeln von Lucas Cranach dem Älteren – die Prunkstücke des Hauses. Sie sind Relikte eines Triptychons, das um 1515 entstanden sein soll. Dort bildeten sie Vorder- und Rückseite eines Seitenflügels und zeigen den Bischof Nikolaus von Myra und den Pestheiligen Rochus. Beide Bilder gehören seit dem 19. Jahrhundert zum Bestand des Torgauer Museums.

Dass die Altartafeln hier hängen – oder besser wieder hier hängen –, ist ein Glücksfall. Denn bis in die 2000er-Jahre galten sie als verschollen. In den letzten Kriegstagen 1945 waren sie, man weiß nicht von wem, gestohlen worden. Damals war die Stadt menschenleer. Alle Einwohner waren aufgefordert worden, Torgau zu verlassen – auch der zu dieser Zeit vierjährige Jürgen Herzog: "Die Bestände des Museums waren in Kisten verpackt im Schloss aufbewahrt, und während dieser Zeit der völlig leeren Stadt ist das Museum fast vollständig beklaut worden und diese Tafeln waren weg."

Überraschende Rückkehr nach Torgau

Zur Überraschung aller tauchte 2008 der Heilige Nikolaus bei einer Auktion in Luzern auf und mit finanzieller Unterstützung der Ernst-von-Siemens-Stiftung konnte Jürgen Herzog die Altartafel für den Geschichtsverein ersteigern. Die Rückseite allerdings, die Darstellung des Heiligen Rochus, blieb verschwunden.

Die beiden Altarbilder von Lucas Cranach dem Älteren wurden im Zweiten Weltkrieg aus Torgau gestohlen. Bildrechte: dpa

"Nun bekam ich im vergangenen Jahr von der Stiftung für Kultur, Geschichte und Kunst aus Winterthur die Nachricht, dass diese Tafel sich im Bestand der Stiftung befindet", erzählt Herzog. "Im Ergebnis hat der Stiftungsvorstand erklärt, das Gemälde gehört nach Torgau und wir schenken es dem Torgauer Geschichtsverein." So kann man seit Juli 2022 nun beide Altartafeln wiedervereint im Torgauer Stadtmuseum bewundern.

Torgau präsentiert originale Wandmalereien

Doch Lucas Cranach hat in der einstigen Residenzstadt der Wettiner noch weitaus mehr Spuren hinterlassen: Schließlich war er ab 1505 Hofmaler am kursächsischen Hof. Unter Johann Friedrich von Sachsen avancierte Schloss Hartenfels ab 1532 zu einer der imposantesten Renaissanceanlagen Europas. Und daran hat auch die Cranach-Werkstatt ihren Anteil, in der bisweilen über 40 Gesellen für den Meister malten: Außenfassaden, dekorative Wandmalereien, aber auch Gemälde. Spuren der glanzvollen Tage sind noch zu erkennen. "Das ist das Besondere in Torgau", erläutert Lydia Klöppel. "Wir haben hier noch originale Wandmalereien aus der Cranach-Werkstatt."

Lydia Klöppel, die die Ausstellungen in Schloss Hartenfels in Torgau verantwortet, verweist auf die frisch restaurierten Cranach-Friese in der sogenannten Spiegelstube und in der Tafelstube auf ein Doppelportal mit einem blassen Skulpturenschmuck, der aber durch eine Lichtinstallation wieder in den ursprünglichen leuchtenden Farben beeindruckt.

In der Torgauer Stadtkirche ist noch ein originales Werk von Lucas Cranach d.Ä. zu sehen. Bildrechte: Torgauer Geschichtsverein e.V.

Erinnerungen an alten Glanz

Auf der Cranach-Tour durch Torgau steuert Jürgen Herzog bereits die nächste Station an: die Stadtkirche St. Marien. Auch dort steht der Rest eines Altars, ein ausdrucksstarkes Gemälde, das um 1505 von der Hand des Meisters selbst gemalt wurde: "Dieses Gemälde mit den 14 Notheiligen, ebenfalls Pestheilige, ist übrig geblieben und soll dann Predella gewesen sein. Also ist es mit Sicherheit auch ein recht großer Altar gewesen, von dem wir nur noch diese Tafel haben. Die ist auch auf der Rückseite bemalt. Da haben wir noch den Christus der Beweinung mit den zwei Engeln."

Engel sind es auch, die man an einer Decke im Ringenhain-Haus finden kann. Dort hatte sich das Stadtoberhaupt Paul Ringenhain, reich und selbstbewusst wie er war, um 1600 ein Domizil errichtet, bei dem Cranach-Malereien Pate gestanden haben sollen. "Hier haben wir unsere Engelstube", erklärt Herzog, "40 Engel in Wolken und der Bürgermeister Paul Ringenhain hat sich das wohl im Schloss abgeguckt." Wo sie aber längst nicht mehr zu finden sind. Doch Dank dieser Kopie bekommen Interessierte zumindest einen Eindruck von den Cranach-Originalen im Torgauer Schloss Hartenfels.

Die sogenannte Engelsstube soll inspiriert sein von einer Cranach-Arbeit auf Schloss Hartenfels. Bildrechte: Torgauer Geschichtsverein e.V.

Redaktionelle Bearbeitung: Thilo Sauer

Kunst in Sachsen

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 06. Oktober 2022 | 18:05 Uhr