Neue Dauer- und Sonderausstellung Feininger-Galerie Quedlinburg zeigt Meisterwerke der Kunstgeschichte

Die Lyonel-Feininger-Galerie in Quedlinburg öffnet mit einem Paukenschlag: neben der neuen Dauerausstellung "Lyonel Feininger. Meister der Moderne" und einer Ausstellung für Kinder wird eine außergewöhnliche Grafik-Ausstellung gezeigt. Diese spannt einen Bogen über mehr als 350 Jahre Kunstgeschichte und zeigt Meisterwerke von Rembrandt bis Richter. Neue Mitmachstationen und Audioguides im Museum laden zum Staunen, Lernen und Entdecken ein – vor allem aber wird fulminanter Kunstgenuss geboten.

Ölgemälde "Stiller Tag am Meer" von Lyonel Feininger. 4 min
Lyonel Feiningers Ölgemälde "Stiller Tag am Meer" ist Teil der neuen Dauerausstellung in der nach ihm benannten Galerie – und erstmals in Quedlinburg zu sehen. Bildrechte: Privatbesitz, © VG Bild-Kunst, Bonn 2022
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Die neue Dauerausstellung in der Quedlinburger Feininger-Galerie lädt zum Entdecken (moderner) Kunst von Rembrandt bis Gerhard Richter ein. Zeitgemäßer Kunstgenuss, meint Sandra Meyer.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 13.05.2022 18:00Uhr 04:10 min

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Die Feininger-Galerie präsentiert sich mit frischem Design und neuen Leihgaben, aber auch einer neuen Auswahl des umfangreichen Sammlungsbestands. Lyonel Feiningers Spitzenwerk, das Selbstbildnis von 1910, hängt nun exponiert auf grüner Wand zwischen den Kontinenten einer Weltkarte. Diese zeigt, an welchen Orten Feininger gelebt, gearbeitet und wohin er wichtige Reisen unternommen habe, erklärt Leiterin Glora Köpnick.

Lyonel Feininger "Selbstbildnis mit Tonpfeife", 1910 Öl auf Leinwand, 61,5 x 51 cm Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Lyonel-Feininger-Galerie, Sammlung Dr. Hermann Klumpp
Lyonel Feiningers Selbstbildnis hat in der neuen Dauerausstellung einen besonderen Platz. Bildrechte: Punctum/Bertram Kober/VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Wer die Jubiläumsschau "Becoming Feininger" 2021 gesehen hat, wird Einiges wiederentdecken, und dennoch scheint alles Neu. Die Vielfalt der Gemälde, die lebendige Inszenierung, das medial verpackte Hintergrundwissen. Zudem gibt es einen ansprechenden Audioguide – damit hat sich die Feininger-Galerie in der Welterbestadt Quedlinburg zeitgemäß aufgestellt.

Lyonel Feininger als Maler gewürdigt

In der überarbeiteten Dauerausstellung werden die Druckgrafiken von Lyonel Feininger exemplarisch betrachtet – vor allem wird er als Maler gewürdigt, mit einer ungewöhnlichen Anzahl von Gemälden. Denn es gibt gleich vier neue Dauerleihgaben. Im Zentrum und erstmals zu sehen ist "Stiller Tag am Meer". Das Besondere: Auch der Rahmen ist original von Feininger gestaltet – und damit sehr selten. 

Ölgemälde "Stiller Tag am Meer" von Lyonel Feininger.
Feiningers Ölgemälde "Stiller Tag am Meer" ist erstmals in der Feininger-Galerie in Quedlinburg zu sehen. Bildrechte: Privatbesitz, © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Glora Köpnick erklärt: "Wenn wir an Feininger denken, denken wir an einen Maler, der wirklich einen ganz eigenartigen Stil entwickelt hat, der von geometrischen Formen, von einem Feingefühl der Farbe geprägt ist, der sich für Schiffe begeistert hat". All das komme in diesem Gemälde zusammen: "Es ist eine Meereslandschaft mit kleinen Segelbooten, die weiß aufgebläht, ganz ruhig auf dem Wasser daherschippern, und es lädt ein, fast kontemplativ möchte ich sagen, in das Werk Feiningers einzusteigen."

Ausstellung lädt zum Mitmachen ein

In der Ausstellung gibt es viele Details zu entdecken, bei denen die Galerie Anregungen der Besucher und Besucherinnen aufgenommen hat. Wenn Feininger als berühmter Karikaturist gezeigt wird, sieht man die Ausgaben der Satirezeitschrift "Lustige Blätter" zwar nicht im Original, dafür aber als Mitmachstation inszeniert.

Auf Tafeln, die der Besucher in die Hand nehmen und umdrehen kann, finden sich auf der Vorderseite das Motiv, das Feininger als Cover gestaltet hat und auf der Rückseite erklärende, einführende Texte. "Ich hoffe, die Barrieren sind nicht zu groß, sondern man darf die Dinge in die Hand nehmen. Hier sind wirklich die Besucher zum Mitmachen eingeladen", sagt Leiterin Glora Köpnick.

Edvard Munchs Lithographie "Madonna" hängt zwischen kleineren Grafiken an einer Wand.
Die Lyonel-Feininger-Galerie lädt mit Mitmachstationen zum Sehen, Hören und Entdecken ein. Bildrechte: Foto: Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Sich von Feiningers vielseitigem Werk überraschen lassen

Auch Lyonel Feiningers Zeit am Bauhaus wird thematisiert, als Illustrator – die Kathedrale als Titelblatt des Manifestes ist nicht nur im Original, sondern auch groß aufgezogen zu sehen –, seine Zeit als Lehrer, aber auch als Musikliebhaber. Ein Notenblatt zeigt eine eigens von ihm komponierte Fuge, die man dann auch hören kann.

Exquisit präsentiert sich auch das Spielzeug, das Feininger für seine Kinder geschnitzt und bemalt hat. Teile der sogenannten "Stadt am Ende der Welt". Und abschließend wird sein Spätwerk im Exil in Amerika gezeigt, was ebenfalls nur durch zwei weitere Dauerleihgaben möglich wurde.

Grafiken von Lyonel Feininger in unterschiedlichen Größen hängen an einer Wand.
Lyonel Feiningers Illustrationen sind im Original zu sehen – "Die Kathedrale" wird im Großformat gezeigt. Bildrechte: Foto: Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Sonderausstellung zeigt grafische Meisterwerke

Es lohnt sich, nach Quedlinburg zu fahren: Neben der neuen Dauerausstellung ist die Ausstellung "Von Rembrandt bis Richter - Meisterwerke aus der grafischen Sammlung des Landesmuseums Oldenburg" zu sehen. Die Feininger-Galerie Quedlinburg, die sich selbst als Museum für grafische Kunst bezeichnet, offeriert mit der neuen Sonderschau einen Ritt durch 350 Jahre Kunstgeschichte.

Die 70 ausgestellten Werke sind eben keine Gemälde, sondern Grafiken. Kleine Formen, aber große Namen sind hier vertreten, schwärmt Leiterin Köpnick – und nennt als Beispiele Johann Heinrich Tischbein oder Ernst Ludwig Kirchner.

Radierung "Kleine Flucht nach Ägypten" von Rembrandt.
Die Sonderausstellung in der Feininger-Galerie zeigt Meisterwerke der Grafischen Sammlung des Landesmuseums Oldenburg – wie die "Kleine Flucht nach Ägypten" von Rembrandt. Bildrechte: Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg, Foto: Sven Adelaide

Werke von Rembrandt, Edvard Munch und Paul Klee

In den ausgestellten Grafiken der Sonderausstellung kann man die unterschiedlichsten Techniken erkennen. Die grandiose Radierung "Kleine Flucht nach Ägypten" von Rembrandt ist gerade mal 10 Zentimeter hoch, aber absolut detailreich. Vom 17. und 18. Jahrhundert geht es dann zur Stilwende um 1900.

Ein Meisterwerk dort ist die Lithografie "Madonna" von Edvard Munch: "Man sieht eine Madonna, einen merkwürdigen kleinen Embryo, der in der Ecke sitzt und Spermien, die um das Bild herumflitzen. Es ist ein ganz seltsames Bild und entsteht ja kurz um die Jahrhundertwende. Ein auch in seiner Größe und seiner Farbkraft wahnsinnig schönes Blatt", so Leiterin Glora Köpnick.

Foto: Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, © VG Bild-Kunst, Bonn 2022
Edvard Munch in Sachsen-Anhalt: seine Lithografie "Madonna" ist in der Sonderausstellung der Feininger-Galerie zu sehen. Bildrechte: Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Lehrreiche Ausstellung – auch für Kunst-Fans mit Expertise

Auch die in Dresden gegründete Künstlervereinigung "Brücke" ist stark vertreten. Ein regelrechtes Farbenmeer präsentiert sich im Aquarell "Strand mit Körben von Karl Schmidt-Rottluff". So werden verschiedene Facetten der Moderne beleuchtet: Eine fast romantisierende Federlithographie mit rotem Herzchen von Paul Klee oder "Verstörender Blick auf ein Neugeborenes" von Otto Dix.

Nach 1945 war im Westen die Abstraktion tonangebend, aber es setzten sich auch aus der DDR geflohene Künstler durch, deren Grafiken in der Sonderausstellung in Quedlingburg zu sehen sind – etwa von Gerhard Richter, der dieses Jahr seinen 90. Geburtstag gefeiert hat.

In dieser Schau kann man sich selbst testen, sein bereits vorhandenes Kunstwissen abrufen, aber auch einfach dazulernen. Und gekoppelt mit der neuen Dauerausstellung Feininger "Meister der Moderne" bietet das Welterbestädtchen Quedlinburg gerade wahrlich fulminanten Kunstgenuss.

Buntes Aquarell-Bild "Strand mit Körben" von Karl-Schmidt-Rotluff.
Die Feininger Galerie zeigt verschiedene Facetten der Moderne - etwa Schmidt-Rottluffs farbenprächtiges Bild "Strand mit Körben". Bildrechte: Foto: Sven Adelaide, © Karl und Emy Schmidt-Rottluff Stiftung, VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Angaben zu den Ausstellungen

Lyonel-Feininger-Galerie
Museum für grafische Künste
Schlossberg 11
06484 Quedlinburg

Öffnungszeiten:
Mittwoch bis Montag 10 bis 18 Uhr
Dienstag: geschlossen

"Lyonel Feininger. Meister der Moderne"
Neue Dauerausstellung ab 3. April 2022

"Von Rembrandt bis Richter. Meisterwerke aus der Grafischen Sammlung des Landesmuseums Oldenburg"
3. April bis 31. Juli 2022

"Form, Farbe, Feininger"
Eine Mitmachausstellung für Kinder ab 3. April 2022

Die offizielle Eröffnung der Ausstellungen findet am 2. April von 17:30 Uhr bis 18:30 Uhr statt. Coronabedingt haben nur geladene Gäste Zutritt. Im Anschluss steht das Haus allen Interessierten zur Besichtigung offen.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. April 2022 | 07:10 Uhr

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