150. Geburtstag von Lyonel Feininger Lyonel Feiningers Halle-Zyklus – Die Stadt durch die Augen eines Künstlers sehen

Der Halle-Zyklus des Malers Lyonel Feininger ist kunstgeschichtlich herausragend. Über Jahre hat er sich in die Stadt vertieft uns sie in seinem persönlichen Malstil, dem Prismaismus gemalt. Was die entstandenen Bilder so besonders macht und wie es überhaupt zu ihnen kam, erzählt Thomas Bauer-Friedrich, der Direktor des Kunstmuseums Moritzburg, im Gespräch mit MDR KULTUR.

Die Halle-Serie von Lyonel Feininger mit den Bildern (l-r) Roter Turm II (1930), Roter Turm I (1930), Marienkirche I (1929), Marienkirche mit dem Pfeil (1930), Marktkirche zur Abendstunde (1930) und Am Trödel (1929) betrachtet eine Frau in der Ausstellung €žMeister Moderne. 9 min
Bildrechte: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Peter Endig

Den berühmten Maler Lyonel Feininger hat vieles mit Mitteldeutschland verbunden, ganz besonders jedoch Halle, wo er nicht nur vor Ort gearbeitet hat, sondern auch seine legendären Halle-Bilder geschaffen hat. Einige davon gehören zum Bestand des Kunstmuseums Moritzburg, der Platz, an dem er sie damals in einem Atelier gemalt hat.

Zeichenblock und Fotoapparat

Lyonel Feininger - Marktkirche in Halle
Lyonel Feininger: Marktkirche in Halle Bildrechte: imago/United Archives International

Thomas Bauer-Friedrich ist heute Direktor des Kunstmuseums Moritzburg und kennt den Entstehungsweg und die Wirkkraft der Bilder Feiningers sehr gut und hat sie im MDR KULTUR-Gespräch beschrieben. Feininger habe sich damals zur Stadterkundung mit Zeichenblock und Fotoapparat auf die Pirsch begeben und nach reizvollen Perspektiven auf die Gebäude gesucht, sagt Bauer-Friedrich, dabei haben ihn die großen Architekturen der Stadt fasziniert: die fünf Türme und der Dom. Diese hielt er in seinem berühmten Malerstil, dem Prismaismus fest. Der Prismaismus vereint die klassische Moderne, das Expressive und das abstrakt-kubistische, so der Museumsdirektor.

Wir reden immer noch über gegenständliche Kunst, über figurative Darstellungen – aber doch sehr stark reduziert, formal quasi reduziert auf Flächen, auf Farben. Licht spielt eine ganz zentrale Rolle, das Licht, das quasi die Architektur, wenn man so will, auch herauskristallisiert aus den mitunter auch dunkle nächtlichen Aufnahmen.

Thomas Bauer-Friedrich über Feiningers Malstil

Die Arbeit "Der Dom in Halle" (1931) von Lyonel Feininger ist am 06.09.2017 im Kunstmuseum Moritzburg in Halle/Saale (Sachsen-Anhalt) zu sehen.
"Der Dom in Halle" (1931) von Lyonel Feininger Bildrechte: dpa

In den Stadtansichten Feiningers spielt der Mensch kaum eine Rolle, so Bauer-Friedrich, es ist die Architektur als solche, die er ins Bild setzt.

Halle – für Feininger die schönste Stadt

Lyonel Feininger
Lyonel Charles Adrian Feininger wurde am  17. Juli 1871 in New York geboren Bildrechte: dpa

Am 1. Mai 1929 kam der Künstler nach Halle und hat den berühmten Satz geprägt: "Halle ist the most delightful Town", also die schönste Stadt damals für ihn, die ihn inspirierte, so Bauer-Friedrich. Er habe die Stadt im Frühjahr zunächst fotografisch und zeichnerisch erkundet und hat dann in seinem Ferienort an der polnische Ostseeküste 29 relativ großformatigen Zeichnungen entworfen.

Dann kehrte er im Herbst 1929 nach Halle zurück und hat bis ca. 1931 seine Gemälde komplett fertiggestellt. Im Torturm der Moritzburg befand sich dazu sein Atelier, laut Bauer-Friedrich wird dieser geschichtsträchtige Raum heute als Depotraum genutzt, doch man habe auch Ideen, ihn anders zu nutzen. Man könnte beispielsweise heutige Künstler in diesem Raum kreativ tätig werden lassen – doch das ist "wie bei allen Sachen in einem denkmalgeschützten Objekt alles nicht ganz einfach."

Feininger-Infotafel in Halle
In Halle sind heute die Feininger-Bilder an den Perspektivpunkten ihrer Entstehung zu sehen. Bildrechte: MDR/Hanna Romanowsky

Feininger liebte auch die Landschaft

In der Lyonel-Feininger-Galerie in Quedlinburg (SA) schauen sich Besucher in der Ausstellung «Bauhaus am Schlossberg. 6 min
Bildrechte: dpa

Eine neue Schau im Bauhaus-Museum in Weimar thematisiert die Begeisterung des Künstlers Feininger für Landschaft und Kirchen im Weimarer Umland. Ein Beitrag von Ulrike Thielmann.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 16.07.2021 18:00Uhr 05:45 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Von den Nazis beschlagnahmt

Die fertigen Kunstwerke des Halle-Zyklus hatte die Stadt für das damals städtische Kunstmuseum angekauft.

Lyonel Feininger "Marienkirche mit dem Pfeil", 1930 Öl auf Leinwand, 100 x 80 cm Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale)
Lyonel Feininger "Marienkirche mit dem Pfeil" (1930) Bildrechte: Punctum/Bertram Kober/VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Zunächst sind sie jedoch nicht in der Entstehungsstadt gezeigt worden, sondern reisten nach Essen und nach Berlin zu großen Feininger-Präsentationen. 1932 kehrten sie jedoch wieder nach Halle zurück und wurden dort auch gezeigt.

Doch dann beginne auch schon die Leidensgeschichte, die Verlustgeschichte mit dem Jahr 1933, so Bauer-Friedrich, mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten habe auch Feiningers Kunst als "entartet" gegolten, was dazu führte, dass 1937 alles beschlagnahmt wurde und sich heute nur noch drei Werke in der Moritzburg-Sammlung befinden.

Der Direktor des Hauses betont jedoch, dass er eher froh ist, dass sich überhaupt drei der Werke im heutigen Bestand befinden.

Obsession für Halle

Das Besondere an Feiningers Halle-Zyklus sei, dass er sich so konzentriert über zwei, drei Jahre mit der Stadt Halle beschäftigt habe, die "Exzessivität, mit der Feininger sich dieser Stadt gewidmet hat." Einen solch fokussierter Blick auf eine Stadt sei selten in der Kunstgeschichte:

Der neue Direktor des Landeskunstmuseums Moritzburg Thomas Bauer-Friedrich steht am 06.03.2014 neben dem Gemälde «Marienkirche mit dem Pfeil» (1930) von Lyonel Feininger (1871-1956) in dem Kunstmuseum Moritzburg in Halle (Sachsen-Anhalt).
Thomas Bauer-Friedrich Bildrechte: dpa

Am ehesten ist er vergleichbar mit Canaletto und seine Obsession für Dresden, also die berühmten Dresdener Ansichten. Ansonsten gibt es eigentlich einen solchen konzentrierten Blick auf eine Stadt in der Kunstgeschichte in der Form relativ selten.

Thomas Bauer-Friedrich

Noch mehr zu Lyonel Feininger

Buchcover - Andreas Platthaus: "Lyonel Feininger" 6 min
Bildrechte: Rowohlt Verlag

Der FAZ-Journalist Andreas Platthaus hat eine Biografie über Lyonel Feininger geschrieben, sie ist im Rowohlt Verlag erschienen. Ulrike Thielmann hat sie gelesen.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 16.07.2021 18:00Uhr 05:46 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Mehr Kunst und Kultur aus Halle

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. Juli 2021 | 18:40 Uhr

Abonnieren

Kultur

Katrin Schumacher mit Audio
MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei