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Ein Bild aus der Serie "Flächenland", für die die Fotografin Stephanie Kiwitt durch Sachsen-Anhalt gereist ist Bildrechte: Stephanie Kiwitt

Kunstmuseum Kloster Unser Lieben FrauenFotoausstellung in Magdeburg zeigt die spektakuläre Banalität des Alltags

von Sandra Meyer, MDR KULTUR-Landeskorrespondentin Sachsen-Anhalt

Stand: 01. Juli 2022, 04:00 Uhr

Die Fotoausstellung "Das Land" im Kunstmuseum Kloster Unser Lieben Frauen Magdeburg zeigt den Alltag, wie man ihn eigentlich täglich sieht – und doch noch nie gesehen hat: Die Bilder von Stephanie Kiwitt aus Halle und Jens Klein sowie Matthias Zielfeld aus Leipzig halten unspektakuläre Szenen fest – etwa auf der Straße oder beim Einkaufen. Genau das macht sie zu etwas Besonderem.

Eine einsame Landstraße, die im Nebel endet, eine verwahrloste Dorfhaltestelle oder ein mit Zeitungen verklebtes Schaufenster – die Fotografien von Stephanie Kiwitt, die seit kurzem in Halle lebt, lesen sich wie die Untersuchung einer Landschaft. Und das war auch ihre Herangehensweise, sie wollte ihr neues Lebensumfeld erkunden, wie sie erzählt: "Ein Foto ist ja immer nur ein Ausschnitt von etwas, das heißt, es kann eigentlich nicht genug Ausschnitte geben, also es geht nicht um das Einzelbild und schon gar nicht um das schöne Einzelbild, sondern es geht um ein Sich-Fortbewegen und ein Sich-Annähern an. Und das ist auch das, was man in der Arbeit 'Flächenland' sieht."

Stephanie Kiwitt will in ihren Bildern Sachsen-Anhalt mit allen Widerspruchen zeigen. Bildrechte: Stephanie Kiwitt

Fotografische Reise durch Sachsen-Anhalt

Mit Flächenland meint Kiwitt Sachsen-Anhalt, das sie in den vergangenen zwei Jahren bereist hat. Für die Fotografin ein Land im Transformationsprozess, mit all seinen Widersprüchen. Und die finden sich auch in ihrer zweiten Fotoserie. Dort lichtet sie Fassaden ab, also gebauten Raum, wie sie sagt: "Was ich versucht habe fotografisch festzuhalten, ist diese permanente Veränderung: Etwas wird abgebaut, etwas wird drangebaut, etwas wird abgeflext oder ein Fachwerk-Balken wird gemalt statt als Original als Fachwerk gebaut. Das heißt, das sind eben verschiedene Zeitschichten, die man da sehen kann."

In der Serie "fortlaufend" zeigt Stephanie Kiwitt Fassaden. Auch diese Bilder sind in der Magdeburger Ausstellung zu sehen. Bildrechte: Stephanie Kiwitt

Dafür sei gerade das Medium Fotografie perfekt geeignet, findet Uwe Gellner, der die Ausstellung im Kunstmuseum Magdeburg unter dem Titel "Das Land" zusammengestellt hat. "'Das Land' ist im Grunde genommen eine Wortklammer für diese Ausstellung, weil sich jeder – egal, wo er lebt – mit diesem Wort identifizieren kann und sofort sein Land sieht, ob er nun in Thüringen oder Sachsen oder sonst wo, spielt gar nicht die entscheidende Rolle", sagt der Kurator. Der Unterschied bestehe darin, wer diese Aufnahmen mache.

In der heutigen mediatisierten Welt würden wir ständig Bilder von unserem Umfeld machen, sagt Gellner. Die Ausstellung verschiebe den Fokus: "Fast nichts auf diesen Bildern ist uns unvertraut. Und trotzdem existieren diese Bilder erst, seitdem sie aufgenommen wurden", erklärt Gellner. "Das ist vielleicht das Hochbesondere: Sie schildern eigentlich das, was jeder kennt, aber keiner ins Bild fasst."

Fotograf Zielfeld rückt Alltagsbanalitäten in den Fokus

So auch bei den Bildessays von Matthias Zielfeld. Seit zehn Jahren gibt er die Publikation "Das Heft Deutschland" heraus. Auch er bricht mit unseren Sehgewohnheiten, fotografiert an Baustellen oder in einer Aldi-Filiale in Leipzig. Damit wolle er unser Bild von Deutschland immer wieder zur Disposition stellen, erklärt der Fotograf: "Zum Beispiel im Zehner-Heft, aufgenommen 2011, da bin ich einfach in der Stadt unterwegs gewesen, in der Innenstadt in Leipzig und habe die Menschen bei ihren Gängen fotografiert – beim Einkaufen, Behördengänge, touristisch unterwegs – und habe versucht, das zu fotografieren, was jeder kennt und jeder sieht, um zu schauen, ob mir die Fotografie hilft, noch einmal anders zu verstehen, was unser Alltag ist."

Matthias Zielfeld zeigt Menschen im Alltag – zum Beispiel beim Einkaufen. Bildrechte: Matthias Zielfeld

Heißt: Im Ablichten von Alltagsbanalitäten testet Zielfeld das Klima sozialer Räume und sozialen Verhaltens aus – mit durchaus skurrilen Ergebnissen. Denn vermeintliche Nebensächlichkeiten haben offensichtlich eine riesige Bedeutung, wie der Fotograf sagt. "Das Nebensächliche wäre das Autofahren, wäre das Einkaufen. Wenn man sich aber die Zeit anguckt, mit der wir mit diesen Nebensächlichkeiten zubringen, dann wird vielleicht jemand, der vom Mars kommt, der Feststellung sein, dass wir in erster Linie Autofahrer und Einkäufer sind  – so."

Im Jahr 2011 war Zielfeld mit seiner Kamera etwa in einer Leipziger Aldi-Filiale unterwegs. Bildrechte: Matthias Zielfeld

Eine wenig schmeichelhafte Erkenntnis, über die man erst mal lachen mag, die einem aber – wie manch weitere Frage, die sich aus den Fotografien ergibt – wirkmächtig im Gedächtnis bleibt.

Über die Ausstellung "Das Land" in Magdeburg"Das Land. Fotografie"
28. Juni bis 25. September 2022

Adresse:
Kunstmuseum Magdeburg Kloster Unser Lieben Frauen
Regierungsstraße 4-6
39104 Magdeburg

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Freitag: 10 bis 17 Uhr
Samstag und Sonntag: 10 bis 18 Uhr
montags geschlossen

Eintritt:
Erwachsene 6 Euro (ermäßigt 3 Euro)
Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre frei

Die Kirche sowie das Obere Tonnengewölbe mit der Sammlung Zeitgenössische Kunst sind für Besucherinnen und Besucher bis voraussichtlich Herbst 2022 geschlossen. Grund ist die Sanierung der Gebäudeteile.

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 04. Juli 2022 | 08:40 Uhr