Sonderausstellungen Blick aus der Vergangenheit: Kulturhistorisches Museum Magdeburg zeigt gesammelte Porträts

Seit den Anfängen des Kulturhistorischen Museums Magdeburg im 19. Jahrhundert lagern viele Porträts von Bürgern und Bürgerinnen aus jener Zeit in den Sammlungen. Etwa 100 dieser Gemälde und Zeichnungen werden jetzt in der Sonderausstellung "Magdeburger Gesichter des 19. Jahrhunderts" zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert. Ergänzt werden die Bilder durch Fotografien in "Der junge Blick – Gesichter des 21. Jahrhunderts".

Ene Frau liest anderen Frauen, Mädchen und Jungen aus einem Buch vor.
Carl Siegs Porträt von Louise Hagemann, geb. Bonte, verwitwte Sieg und Enkel Bildrechte: Kulturhistorischen Museum

Irgendwie faszinierend: Ein eigentlich leerer Raum ist doch voller Menschen – aber alle hängen nur als Porträts an der Wand. 100 Bildnisse zeigen Magdeburger Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts, Werke aus der eigenen Sammlung, ergänzt durch wenige Leihgaben. "Das 19. Jahrhundert war die Blütezeit der bürgerlichen Porträt-Kultur und Magdeburg war in der Zeit endlich mal wieder ein Boomtown", erklärt Gabriele Köster, Leiterin des Kulturhistorischen Museums Magdeburg. Innerhalb des 19. Jahrhunderts ist die Bevölkerung von 30.000 auf 200.000 Einwohner gewachsen, darunter auch mehr als 100 Millionäre. "Dieser enorme Aufschwung hat dazu geführt, dass Magdeburg da mitgemacht hat, in diesem Porträt-Zeitalter", so Köster.

Blick in die Magdeburger Geschichte

Wer etwas auf sich hielt, ließ sich porträtieren, damit er dann einen Platz im Rathaus, in der Kaufmannschaft oder im Logenhaus bekam – ob Bürgermeister, Pädagoge, Prediger, Apotheker oder Bäckermeister. Aus heutiger Sicht hat man allerdings den Eindruck, als sähen die würdigen Herren alle gleich aus: schwarze Anzüge, auf einem Stuhl sitzend schräg nach vorne blickend. Es ging nicht darum den Charakter einer Person darzustellen, sondern um Repräsentation, was sich allerdings auch nur das Bürgertum leisten konnte. "Das Schöne ist, dass die Bürger immer Bezug nehmen auf ihre Stadt", begeistert sich Gabriele Köster. Auf vielen Familienporträts ist im Hintergrund der Magdeburger Dom zu sehen. Ein Kaufmann hat den Bildausschnitt hinter sich so gewählt, dass man den Packhof sieht, der gerade neu errichtet wurde. "So erfährt man in dieser Porträtausstellung sehr viel über die Stadt und wie die Menschen in ihr agierten", fasst Köster zusammen.

Mann
Carl Siegs Porträt von Wilhelm Anton von Klewitz Bildrechte: Kulturhistorischen Museum

Porträts dienten in diesem Fall auch zur Kommunikation, denn sie wurden auch als Erinnerungsbilder an Freunde oder Verwandte geschickt. Aber natürlich nicht als Foto. Damals musste man noch einen Maler beauftragen und dafür auch viele Stunden Modell sitzen, erzählt die Museumsleiterin: "Das war in Magdeburg zu Anfang des Jahrhunderts noch gar nicht so einfach. Da war man noch darauf angewiesen, dass ein Wandermaler mal vorbeikam und dann hier gastierte und die anfallenden Porträts erledigt hat und dann wieder weiterzog zur nächsten Stadt. Erst ab den 1820er-Jahren gibt es dann Künstler, die wirklich sich hier niederlassen."

Sehr deutlich wird auch das damalige Geschlechterverhältnis: So sieht man fast ausschließlich Männer in ihrem beruflichen Zusammenhang, die wenigen Frauen werden in ihren Familien gezeigt. Sie sollten schön sein und über ihren Schmuck und die Gewänder den Reichtum zeigen. Und wer genau schaut, entdeckt auch witzige Details an den Kopfbedeckungen, sagt Kuratorin Karin Kanter: "Man kann ganze Studien über Häubchenformen hier anstellen und man kann sehen, es gab eine enorme Variationsbreite."

Richard Wagner privat

Richard Wagner
Lithografie von Richard Wagner Bildrechte: Kulturhistorischen Museum

Auch eine besondere Lithografie fasziniert: Sie zeigt Richard Wagner, der zwei Spielzeiten in Magdeburg verbrachte und hier seine erste Oper komponierte. Die Aufführung hatte allerdings wenig Erfolg. Vielleicht lässt sich so erklären, dass er sich hier noch als junger Mann mit einem Nachtrock hat zeichnen lassen. Zu Beginn hat er den Druck auch gerne verschenkt. "Das ist eine sehr private, intime Stimmung, in der diese Zeichnung entstanden sein muss. Dass er diese wählt, weist darauf hin, dass er vielleicht noch gar nicht so viel Bilder hatte, die er zu vervielfältigen als Vorlage nutzen konnte", vermutet Karin Kanter.

Passend zu diesem Porträt gibt es auch einen originalen Brief aus dem Jahr 1843, in dem Wagner ankündigt einem Magdeburger nach geschlagenen acht Jahren endlich seine Schulden zurückzubezahlen. Auch das: ein schönes Schmankerl in der Schau. Wie auch der Bezug ins Heute, denn neben den historischen Porträts haben Jugendliche einer Theatergruppe Magdeburger aus der heutigen Zeit fotografiert. Da hat sich übrigens das Geschlechterverhältnis umgedreht, man sieht wesentlich mehr Frauen als Männer.

Junge mit Mütze
Eines der "Gesichter des 21. Jahrhunderts" Bildrechte: Kulturhistorischen Museum

Mehr Informationen Die Sonderausstellung „Magdeburger Gesichter des 19. Jahrhunderts“ und „Der junge Blick – Gesichter des 21. Jahrhunderts“ ist vom 30. Oktober 2020 bis 11. April 2021 im Kulturhistorischen Museum in Magdeburg zu sehen.

Otto-von-Guericke Straße 68 -73
39104 Magdeburg

Öffnungszeiten:
Di bis Fr, von 10-17 Uhr
Sa und So, von 10-18 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 29. Oktober 2020 | 13:10 Uhr