Ausstellung "Susan Meiselas – Mediations" Kunstmuseum Magdeburg zeigt Fotos, die Geschichte geschrieben haben

Susan Meiselas fotografierte Stripperinen, Opfer häuslicher Gewalt, dokumentierte Bürgerkriege und den Genozid an der kurdischen Bevölkerung im Nordirak unter dem Regime von Saddam Hussein. Die Bilder der US-amerikanischen Magnum-Fotografin zählen zu den Ikonen der Fotografiegeschichte. Ihr bekanntestes Foto ist wohl der Molotow-Mann, abgelichtet 1979 in Nicaragua. Nach Stationen in Metropolen wie Paris, Barcelona und Wien sind ihre Fotografien ab dem 18. Oktober 2022 im Kunstmusem Kloster Unser Lieben Frauen in Magdeburg zu sehen, in der Ausstellung "Susan Meiselas – Mediations".

Sandinistas at the walls of the National Guard headquarters: 'Molotov Man', Estelí, Nicaragua, July 16th, 1979 4 min
Bildrechte: Susan Meiselas/Magnum Photos

Triggerwarnung: Eine der im Artikel verwendeten Fotografien von Susan Meiselas zeigt Opfer von Gewalt.

Das Kunstmuseum Kloster Unser Lieben Frauen stellt mit der Retrospektive "Susan Meiselas. Mediations" das in über 50 Jahren entstandene Werk der Magnum-Fotografin vor. Nachdem die Schau bereits in Paris, Wien und unlängst in Berlin gezeigt wurde, ist sie nun auch in Magdeburg zu sehen.

Von den Anfängen bis heute sieht man frühe Porträts ihrer direkten Umgebung, intime Aufnahmen von Stripperinnen bis zu ikonisch gewordenen Bildern aus Krisen- und Konflikt-Gebieten. Dabei geht es Meiselas nicht nur um die Fotografien, sondern alle Arbeiten sind mit einer umfassenden Recherche verbunden und werden als Installationen mit Briefen, Videos oder Dokumenten ausgestellt – auch um ihre Rezeption zu verdeutlichen.

Ein Mann hält einen brennenden Molotow-Cocktail in der einen Hand und in der anderen ein Gewehr.
Das wohl berühmteste Foto von Susan Meiselas, der Molotow-Mann, ein Sandinista am Hauptqurtier der Nationalgarde in Nicaragua 1979. Auch dieses Foto ist in der Ausstellung im Kunstmuseum Magdeburg zu sehen. Bildrechte: Susan Meiselas/Magnum Photos

Magdeburger Ausstellung zeigt Fotos im Kontext ihrer Entstehung – und was aus den Fotos wurde

Wie auch bei dem wohl berühmtesten Foto, dem Molotow-Mann. Ein zorniger junger Mann, in der einen Hand ein Gewehr, in der anderen ein schon gezündeter Molotow-Cocktail, den er im Begriff ist, ins feindliche Lager zu schleudern.

Das Foto, das Meiselas 1979 in Nicaragua aufgenommen hat, ist über die Jahrzehnte zu einer Medien-Ikone geworden. Massenhaft reproduziert, hat es sich als Kultbild der Revolution im kollektiven Gedächtnis verankert – gleichsam hängt es als Kunstwerk im Museum.

Weiße Handabdrücke an einer blutroten Tür
Auch dies ein Foto von Susan Meiselas: Die weißen Handabdrücke an einer blutroten Tür sind ein Zeichen, das ein Todesschwadron an der Tür eines erschlagenen Opfers hinterlassen hat. Bildrechte: Susan Meiselas/Magnum Photos

Eine Diskrepanz, die die Künstlerin in ihrer Ausstellung selbst zum Thema macht, denn es geht ihr auch darum, die Fotografien in ihren Kontexten zu vermitteln, wie sie selbst erzählt: "Ich versuche, den Prozess des Entstehens mitzuteilen. Die Frage, was wird aus meiner Arbeit; was natürlich weit über meine Erwartungen hinausgeht. In Bezug auf Nicaragua gehe ich nicht nur den Menschen nach, die auf dem Foto zu sehen sind – der Molotow-Mann – sondern ich gehe auch den Images nach, die aus diesen Bildern gemacht wurden, in Magazinen, in Filmen, in verschiedenen Kontexten. Ich lade den Zuschauer ein nachzudenken, über das Entstehen eines Fotos und über die Mechanismen der Fotografie allgemein."

Ein Foto zu machen, birgt eine ganze Fülle von Konsequenzen.

Susan Meiselas, Fotografin

Tatsächlich wird Meiselas mit ihrer Berichterstattung aus Nicaragua international bekannt. Als eine von wenigen Frauen wurde sie schon 1976 Mitglied der renommierten Fotoagentur Magnum. Ihre Arbeiten hängen heute in den großen Museen der Welt.

Zwei junge Frauen in Jeans und weißen T-Shirts schauen in die Kamera
Die Stripperinnen Debbie und Renee, aufgenommen von Susan Meiselas 1972 in Rockland, Maine, USA. Bildrechte: Susan Meiselas/Magnum Photos

Meiselas richtet den Blick immer auf den einzelnen Menschen

Doch blieb sie ihrer Herangehensweise von Beginn an treu, immer den Blick auf den einzelnen Menschen zu richten, erzählt Museums-Chefin Annegret Laabs: "Sie beginnt in den 70er-Jahren, ihr Umfeld zu fotografieren. Die Straße, in der sie lebt, die Personen in dem Haus, aus dem sie kommt, interessieren sie – und ihre familiären Hintergründe. Sie geht auf die Straße und fotografiert die heranwachsenden Mädchen über Jahre hinweg in ihren Communitys. Wie sie miteinander agieren, wie sie erwachsen werden und sich verändern. Das ist das, wo sie als Fotografin beginnt – um dann später an Orte zu gehen, wo soziale Konflikte größer werden. Also vom kleinen sozialen Konflikt in der Familie bis hin zu den großen Konflikten der Welt."

Denn Meiselas gelingt es, ihren Protagonisten unglaublich nahe zu kommen. So lesen sich ihre Arbeiten auch eher als fotografische Essays. Wenn sie zum Beispiel mit sehr intimen Aufnahmen Striptease-Tänzerinnen auf Jahrmärkten zeigt – die sie dann aber selbst zu Wort kommen lässt.

Eine Frau trinkt aus einer Büchse, eine andere sitzt daneben und hat ihren Kopf auf die Hand gestützt
Susan Meiselas zeigt die Menschen häufig sehr nah, was eine Intimität mit den Betrachtern schafft. Bildrechte: Susan Meiselas/Magnum Photos

Keine klassische Fotoausstellung

Bei einem weiteren Projekt engagiert sich Meiselas gegen häusliche Gewalt und stellt ihre Bilder aus einem Frauenhaus Polizei-Protokollen der Misshandelten gegenüber. Museums-Chefin Laabs sagt zu der Schau: "Wir sehen keine klassische Fotoausstellung, weil wir bei Susan Meiselas immer das Bild vom Menschen haben, was sie gemacht hat. Und wir haben aber auch eine ganze Menge Dokumente zu diesem Bild. Sie hat sich diesen Menschen immer genähert – mit Briefen, Interviews, Filmbeiträgen. Wir haben sehr viel Material, in das man eintauchen kann, das immer zum Bild dazugehört."

Viele der Arbeiten von Meiselas ziehen sich deshalb auch über Jahrzehnte. Seien es die wirkmächtigen Fotoreportagen aus dem Bürgerkrieg in El Salvador, vor allem aber ihre Recherche zu Kurdistan. Seit 1991 dokumentiert sie den Genozid an der kurdischen Bevölkerung im Nordirak unter dem Regime von Saddam Hussein.

Drei tote Menschen, teilweise mit Erde beschmutzt, auf einer Person liegt ein großer Zweig mit grünen Blättern
Die Leichen der ermordeten Maryknoll-Nonnen, 1980 in El Salvador. Susan Meiselas Fotos und Fotoreportagen dokumentierten auch den Bürgerkrieg in El Salvador. Bildrechte: Annegret Laabs, Kunstmuseum Magdeburg

Laabs erläutert: "Bis heute macht sie Workshops mit Kurden, überall in der Welt, um auf ihre Situation hinzuweisen. Sie sammelt die Familiengeschichten, um diesem Volk wieder eine Geschichte zu geben, die man dem Volk genommen hat."

Es ist eine fast überbordende Fülle an Material, das Meiselas in den vergangenen 50 Jahren zusammengetragen hat: rund 250 Fotografien, Briefe, Dokumente, die nicht nur eindringlich auf die sozialen und politischen Missstände dieser Welt verweisen, sondern auch Einblick in die Arbeit einer hoch empathischen und gleichsam kompromisslosen Fotografin geben. Dass man die Schau nach Paris, Wien und Berlin nun auch in Magdeburg sehen kann, ist beachtlich – und das sollte man unbedingt nutzen.

Zwei Mädchen vor einem Haus schauen sich an
Dee and Lisa 1976 in New York. Das Foto von Susan Meiselas ist bis zum 29. Januar 2023 im Kunstmuseum Magdeburg zu sehen. Bildrechte: Annegret Laabs, Kunstmuseum Magdeburg

Informationen zur Ausstellung "Susan Meiselas – Mediations"
18. Oktober bis 29. Januar 2023

Kunstmuseum Magdeburg Kloster Unser Lieben Frauen
Regierungsstr. 4-6
39104 Magdeburg

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Freitag, 10 bis 17 Uhr
Samstag und Sonntag, 10 bis 18 Uhr

Eintritt:
8 Euro, ermäßigt 4 Euro
Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre haben freien Eintritt

Redaktionelle Bearbeitung: op

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. Oktober 2022 | 07:40 Uhr

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