"Waldeinsamkeit" Filmkunst im Magdeburger Kunstmuseum: Gesellschaftskritik mit britischem Humor

In Magdeburg stellte sich der britische Videokünstler John Smith 2005 zum ersten Mal seinem Publikum in einer Einzelausstellung vor. Seine Kurz- und Experimentalfilme sind seitdem in zahlreichen Ausstellungen auf der ganzen Welt gezeigt worden und wurden mehrfach ausgezeichnet. Die neue Schau "Waldeinsamkeit – Filme des 21. Jahrhunderts" im Magdeburger Kunstmuseum versammelt 19 Kurz- und Experimentalfilme, über die Gesellschaft, die Pandemie und die Mehrdeutigkeit unserer Medienwelt. Darüber hinaus dienst die Ausstellung auch als Kulisse für ein Theaterstück des Erfolgsautors Nick Hornby.

Ein Mann mit kurzem, etwas wildem, dunkelgrauen Haaren hält sich eine Kamera for das Gesicht und schaut damit aus dem Bild raus. 4 min
2005 bekam der Filmkünstler John Smith seine erste Solo-Ausstellung – in Magdeburg. Bildrechte: John Smith

Es mutet schon merkwürdig an, wenn man die Filme von John Smith anschaut und den Ausstellungstitel "Waldeinsamkeit" liest: Denn einem romantischen Spaziergang durch die Natur gleicht diese Schau nicht, sondern vielmehr einem Ritt durch politische Abgründe und Absurditäten der medialen Wirklichkeit.

Das Wort Waldeinsamkeit findet sich als Lehnwort auch in der deutschen Sprache. Es gilt in seiner umfassenden Bedeutung als übersetzbar und steht gleichzeitig für etwas typisch Deutsches: die Beziehung zum Wald. Angesichts von Pandemie und Lockdowns hat die Vorstellung, wie sich Deutsche in die Wälder zurückziehen, wieder neuen Auftrieb bekommen. "Er fand das ironisch passend, für seine Ausstellung in Deutschland diesen Titel zu wählen", erklärt Annegret Laabs, Direktorin des Magdeburger Kunstmuseums, die Idee von John Smith.

Filmkunst über die Abgründe des Alltags

Die Diskrepanz zwischen Bedeutung des Titels und dem Inhalt der Ausstellung war dem britischen Künstler nicht nur bewusst, sondern auch wichtig: "John ist jemand, der sich sehr in seiner Zeit bewegt, der sich immer auch der politischen Situation annimmt, aber mit dem typisch englischen, ironischen Hintergrund", so Laabs weiter. "Dieses Hinweisen auf etwas, was wir so nicht gesehen haben, weil wir im Alltag nicht genau hinschauen – er schaut genau hin."

So spürt John Smith in seinen filmischen Erzählungen skurrile Abgründe des Alltags auf: Man sieht die Großaufnahme von einem Kruzifix, hört aber poppiges Gedudel und harte Schläge im Hintergrund. Ein Schwenk nach unten offenbart: Unter dem Kreuz stehen zwei Jahrmarktmaschinen, mit deren Punchingballs junge Männer ihre Kräfte messen.

Humor und aktueller Schrecken

Humor sei ihm wichtig, sagt Smith, weil es eine politische Auseinandersetzung zugänglicher mache: "Ich bin nicht darauf aus, witzige Filme zu machen. Aber ich bin sehr interessiert an Zweideutigkeit, an Vielschichtigkeit; dass es möglich ist, die Welt auf ganz verschiedene Weise zu betrachten: je nachdem, wer wir sind und in welchen Kontexten wir Informationen aufnehmen. Um auf die Politik zu kommen: Wir wissen nicht wirklich genau, was gerade in Russland und der Ukraine passiert – wir haben eine Ahnung, aber wir wissen nichts sicher."

Tatsächlich gewinnen die Filme des heute 70-Jährigen gerade mit Blick auf den Krieg in der Ukraine eine unglaubliche Aktualität und Wirkmacht. Seine Auseinandersetzung mit den sozialen Medien und der Diskrepanz zwischen Fakt und Fiktion lassen uns schaudern, konfrontieren uns aber auch mit der eigenen Geschichte. Zum Beispiel beim Film "White Hole", der auf seinem Besuch in Leipzig zur Zeit der Wende basiert. Die Kamera fährt auf einen Tunnel zu und aus dem Off zitiert Smith den von ihm damals oft gehörten Spruch vom "Tunnel am Ende des Lichts".

Schauspieler Michael Ruchter in "NippleJesus" vom Theater Magdeburg.
Bildrechte: Nilz Boehme

Theatestück "NippleJesus" von Nick Hornby in Ausstellung Die Ausstellung dient als Kulisse eines Theaterstücks, das am 25. März Premiere feiert: Der Monolog "NippleJesus" des britischen Erfolgsautors Nick Hornby. Eine Inszenierung, die humorvoll das Verhältnis von Kunst, Religion und Provokation befragt.
Eine Kooperation des Kunstmuseums mit dem Theater Magdeburg

Termine:
25.03. - 19:30 Uhr
26.03. - 19.30 Uhr, 03.04. - 18 Uhr, 14.04. - 19.30 Uhr, 23.04. - 19.30 Uhr

"Das ist dann wirklich der Tunnel am Ende des Lichts. Wenn man die ganze Zeit gedacht hat, man durchschreitet das Licht und dann geht es doch ganz weit runter", zeigt sich Annegret Laabs begeistert. "Das ist ein Film, in dem er darüber spricht oder nachdenkt, was in einer Welt passiert, wo ständig Hoffnung ist, die dann immer wieder enttäuscht wird? Das ist ein sehr interessantes Stück Gegenwartskultur, was er dort verarbeitet."

Zahlreiche alltäglich wirkende Menschen wurden zu einem Gruppenbild montiert.
Nicht nur im Film "Who are we" beschäftigt sich John Smith mit der Gesellschaft. Bildrechte: John Smith

Magdeburger Ausstellung mit Nachhall

Meist findet der Experimentalfilmer seine Motive also in persönlichen Erfahrungen und bringt sich selbst mit ein. So auch in seinem neusten Film "Covid Messages": Der britische Premierminister Boris Johnson und andere Regierungsmitglieder treten vor die Mikrofone, um die Corona-Maßnahmen zu verkünden. Auch dieser Film gerät durch die von Smith eingesetzten Verschiebungen der Betrachtung zu einer bitterbösen Satire

Durch eine filmische Überblendung scheinen zwei Händen den Kopf des britischen Premiers Boris Johnson zu halten.
"Covid Messages" gehört zu den neuesten Filmen des Künstlers und beschäftigt sich mit der politischen Kommunikation in der Pandemie. Bildrechte: John Smith

"Mitnehmen kann man aus dieser Ausstellung einen neuen Blick auf die Welt, einen detaillierten Blick in unsere Umwelt und unsere Umgebung", resümiert Museumsdirektorin Laabs. "Es ist viel Englisches in diesen Filmen. Aber ich denke, wir können es auch auf unsere Situation beziehen, weil wir durch seine Filmarbeiten lernen, hinzuschauen, ganz genau zu überlegen, was da eigentlich passiert und darüber nachzudenken." Das ist spannend, braucht aber auch Zeit. Die sollte man bei dieser Film- und Videoausstellung unbedingt einplanen.

Weitere Informationen Die Ausstellung "Waldeinsamkeit" im Magdeburger Kunstmuseum im Kloster Unser Lieben Frauen ist noch bis 6. Juni 2022 zu sehen.

Adresse:
Regierungsstraße 4-6
39104 Magdeburg

Öffnugnszeiten:
Dienstag bis Freitag, von 10 bis 17 Uhr
Sonnabend und Sonntag, von 10 bis 18 Uhr
montags geschlossen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. März 2022 | 16:40 Uhr

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