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Interview"Dresden war seine Stadt": Was den Maler Otto Dix nach Sachsen zog

Stand: 02. Dezember 2021, 11:54 Uhr

In Dresden ist eine Straße nach ihm benannt und seine Geburtsstadt Gera gab sich sogar den Beinamen Otto-Dix-Stadt. Am 2. Dezember vor 130 Jahren wurde der weltweit geschätzte Maler Otto Dix geboren. Seine Bilder sind in Sachsen im Chemnitzer Gunzenhauser Museum, im Freitaler Museum und natürlich bei den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) zu sehen: Der Stadt, zu der Dix zeit seines Lebens eine besondere Beziehung hatte, erzählt Birgit Dalbajewa, Otto-Dix-Spezialistin und Oberkonservatorin der Galerie Neue Meister, im Interview.

MDR SACHSEN: Ist Otto Dix für Sie ein Lebensbegleiter?

Birgit Dalbajewa: Ja, für jemanden, der im Albertinum die Sammlung des 20. Jahrhunderts betreut ist Dix natürlich einer der wichtigsten Künstler überhaupt. Sein Triptychon, das im Albertinum hängt, ist ein Bild, das man weder als Besucher vergisst, noch als Wissenschaftler je in diesem Sinne fertig bearbeiten kann.

Wenn man auf seine Arbeiten schaut: Zur Ruhe kommt man aber bei ihm nicht.

Birgit Dalbajewa Bildrechte: Birgit Dalbajewa

Dalbajewa: Zur Ruhe lässt Dix den Betrachter ganz gewiss nicht kommen. Dix baut in seinen Bildern Gegensätze auf und ist damit auch hochaktuell. Der Betrachter muss bei Dix selber entscheiden: Will Dix jetzt mit einem Haufen verstümmelter Leichen, die er darstellt, nach dem Ersten Weltkrieg – will er damit ein Friedensbild malen? Oder weidet sich vielleicht der Maler selbst an diesem Grauen, das man, wie er sagt, mit eigenen Augen gesehen haben muss?

Dix hat nach dem Ersten Weltkrieg gesagt, um etwas vom Menschen zu verstehen, muss man dieses Grauen selbst gesehen haben. Und das macht seine Bilder so aktuell, dass nicht der moralische Zeigefinger hochgehoben ist und schon eine fertige Botschaft gezeigt wird, sondern Gegensätze. Und dass man da entscheiden muss, was der Betrachter aus den Bildern entnimmt.

"Der Krieg - Das Dresdner Triptychon" von Otto Dix ist im Dresdner Albertinum zu sehen. Bildrechte: IMAGO / Sylvio Dittrich

Würden Sie sagen, er selbst war auch ein Ruheloser, alles, was ihn beschäftigte, musste er loswerden?

Dalbajewa: Ja, Dix war ein Augenmensch. Dix hat, wo er ging und stand, gezeichnet. Also zum Beispiel hat er im Ersten Weltkrieg im Schützengraben Zeichenmaterial und Karton dabeigehabt und hat Granatexplosionen gezeichnet.

Dresden war seine Stadt.

Birgit Dalbajewa | Oberkonservatorin der Galerie Neue Meister

Otto Dix' Geburtstag jährt sich am 2. Dezember 2021 zum 130. Mal. Bildrechte: IMAGO / Artokoloro

Und später hat er die Typen, die auf der Prager Straße saßen – Dresden war seine Stadt – die hat er beobachtet, festgehalten, und je krasser, desto lieber war ihm das. Insofern ja, Dix hat sich immer nach der Großstadt gesehnt, auch nachdem er 1933 dann an den Bodensee übersiedelte, weil er in Dresden entlassen war.

Als Rektor. Wie kam es ohnehin zu der besonderen Dresden-Beziehung von Dix?

Dalbajewa: Dix kam zunächst an die Kunstgewerbeschule nach Dresden vor dem Ersten Weltkrieg. Nach dem Ersten Weltkrieg kam er zurück nach Dresden, an die Kunstakademie. Er war eigentlich zu alt, zu erfahren, zu reif, um nochmal Student zu sein. Aber er bekam in Zeiten, wo die Künstler wirklich Not litten, ein Atelier und konnte so noch einmal als Akademie-Student alles um sich herum durcheinanderbringen.

Entweder ich werde berühmt – oder berüchtigt.

Otto Dix | Maler

Er hat damals formuliert: "Entweder ich werde berühmt – oder berüchtigt" – und das hat er geschafft. Er ist sowohl in dieser Zeit berüchtigt gewesen: Er hat Prozesse bekommen für seine wirklich aufreizenden Bilder mit auf hässliche Weise Nackten, könnte man sagen. Und er hat die Professorenwürde in Dresden erhalten. 1927 wurde er zum Professor berufen und war einer der wichtigsten Professoren in den 20er-Jahren an der Kunstakademie überhaupt.

Von 1927 an bis 1933 lehrte Otto Dix an der Kunstakademie in Dresden. Bildrechte: IMAGO / Future Image

Sie hatten es vorhin schon mal angeschnitten: Wirkt er so aktuell, weil wir gerade in einer Zeit der besonders hart vortretenden Widersprüche in der Gesellschaft sind?

Dalbajewa: Ich denke ja. Dix ist ja gerade jetzt auch in den Vereinigten Staaten in den Museen entdeckt wurden. Es gab in Schweden, in vielen anderen europäischen Ländern, in den letzten Jahren Dix-Ausstellungen. Und ich glaube, dass das damit zu tun hat, dass er es liebt, Gegensatz zueinander zu bringen. Wenn man zum Beispiel unser Bild "Frau mit Kind" betrachtet, das ist eine Madonna auf bestimmte Weise, es ist edel gemalt, aber die Arbeiterfrau steht in einer Ecke eines dunklen Mietshauses, von der Putz abbröckelt.

Er zeigt die Ikonografie einer Madonna und malt eine Frau, an der ein Arzt ablesen kann, was für Krankheiten sie hat: Das Kind auf ihrem Arm ist rachitisch. Diese Dinge, schöne Kunst, Ikonografie, Bekanntes zusammenzubringen mit dem, was man auf den Straßen sieht, was niemand thematisieren will, das ist Dix und das macht ihn so aktuell.

Das Interview führte Andreas Berger für MDR SACHSEN.

Große Künstler in Dresden

Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 30. November 2021 | 20:05 Uhr