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KunstwerkMarc Fromm oder: Die Monumentalisierung der Schaufenster-Kunst

Holzkunstwerk

Marc Fromm und sein Monumentalkunstwerk "Die Laborantin"

von Andreas Höll, MDR KULTUR-Kunstredakteur

Stand: 18. Dezember 2020, 04:00 Uhr

Fast vier Meter hoch ist Marc Fromms spektakuläre Holzfigur "Die Laborantin", die derzeit in der Kunststiftung Sachsen-Anhalt in Halle zu sehen ist. Und das trotz des coronabedingten Ausstellungsverbots, denn das monumentale Kunstwerk wird rund um die Uhr beleuchtet und kann so auch von der Straße aus betrachtet werden. Geschaffen wurde sie eigentlich mit einer Maske im Gesicht. Der Hallesche Künstler hat MDR KULTUR erzählt, warum er diese letztlich entfernte.

Sie sieht aus wie eine der Schönheiten von Botticelli - die monumentale Frauenfigur mit den prächtigen Locken. Doch das engelsgleiche Wesen mit dem klassisch geschnittenen Gesicht trägt eine graublaue Schürze. Und Marc Fromm hat ihr den Titel "Die Laborantin" gegeben.

Diese Laborantin war ursprünglich für ein medizinisches Untersuchungslabor in Leipzig angedacht, mit Mundschutz. Der Mundschutz, den hab ich jetzt als banalen Kunstgriff weggelassen. In den Coronazeiten wollte ich der Skulptur keinen Mundschutz geben.

Marc Fromm

Die Schau in dem Leipziger Labor musste wegen Corona abgesagt werden und wegen der Pandemie trägt nun die Schönheit auch keine Alltagsmaske.

Im Atelier von Marc Fromm Bildrechte: Andreas Höll

Schönheit aus Lindenholz

Die schöne Laborantin mit der kunstvollen Mähne hat der Künstler in einem höchst aufwendigen Verfahren aus Lindenholz geschnitzt. Diese handwerkliche Meisterschaft erinnert zugleich an die großen Bildhauer der Vergangenheit.

Marc Fromm Bildrechte: Marco Warmuth

Die Kollegen aus dem Mittelalter – Tilman Riemenschneider, Veit Stoß und so weiter – haben auch Lindenholz geschnitzt, weil es einfach weich ist, reißarm und die Oberfläche lässt sich sehr gut bearbeiten.

Marc Fromm

Rund ein halbes Jahr hat Marc Fromm an dieser gewaltigen Holzskulptur gearbeitet. Dieser intensive Arbeitsprozess hat auch seine Spuren hinterlassen – und da kommt auch das Thema der Verletzung und der Vergänglichkeit ins Spiel.

Die schöne Anmutung auf dem ersten Blick wird auf dem zweiten Blick irritiert durch die Löcher, die sich über ihren Körper verteilen. Sie ist von innen so ausgehöhlt worden, dass teilweise ich die Oberfläche verletzt habe. Diese Oberfläche gibt dieser ganzen Frau nicht nur was Zerbrechliches, auch was Schwebendes im Raum.

Marc Fromm

"Die Laborantin" in voller Größe, daneben der Künstler Marc Fromm Bildrechte: Marco Warmuth

Geschnitzte Frauenbilder

Die Laborantin schwebt im Raum und wirkt wie aus einer anderen Sphäre. Und so ist sie gleichsam auch das Gegenbild zu anderen Frauenfiguren, die Marc Fromm in den letzten Jahren geschaffen hat. Auch da hat er sich von der Arbeitswelt inspirieren lassen, doch die Frauen, die er da porträtiert hat, waren bei weitem handfester. Wie zum Beispiel eine Verkäuferin in einem Fleischerladen, zu der Fromm sagt: "Die Metzgerin ist die Frau, bei der ich morgens oder in der Mittagspause ab und zu auch mir meine Verpflegung hole. Eine nette, freundliche Frau an ihrer Metzgertheke. Deswegen hab ich sie gefragt und hab sie einfach auch auf eine große Lindenholztafel geschnitzt mit ihrer langen, großen Fleischtheke."

Marc Fromm: Metzgerin 2017, Lindenholz 175x260cm Bildrechte: Matthias Ritzmann

Die Metzgerin aus Halle oder eine vietnamesische Näherin in ihrer Änderungsschneiderei, Marc Fromm hat diese Arbeitswelten in aufwändig geschnitzten Holztafeln festgehalten. Und zugleich sind es soziologische Studien aus dem 21. Jahrhundert, die präzise den Zeitgeist widerspiegeln. Dazu gehört auch eine Plastiktüte von OBI, die ebenfalls liebevoll geschnitzt wurde.

"Die Näherin" von Marc Fromm Bildrechte: Marco Warmuth

Kunst im Schaufenster

All diese Holztafeln und Skulpturen laden dazu ein, sich ihnen zu nähern und die Sinnlichkeit des Materials aus der Nähe zu erleben. Doch in Pandemie-Zeiten geht das nicht und deshalb wird nun das neue Kunstwerk im Schaufenster der Kunststiftung präsentiert.

Die Kunst wird im Schaufenster präsentiert. Das ist eigentlich eine ganz spannende Sache aus der Vergangenheit. Schaufenster sind nicht mehr in der Innenstadt das Prägende, der Orientierungsspender. Heute sind das natürlich Monitore, Handys, Laptops. Früher noch, da waren das in den Kirchen die Flügelaltäre, die die Schaufenster in die Welt waren, die eigentlich da die Welt erklärt haben.

Marc Fromm

Von den Flügelaltären des Mittelalters über die Schaufenster des Konsum-Zeitalters bis zu den Oberflächen der Monitore, das alles schwingt mit bei dieser Präsentation der monumentalen Holzskulptur. Und zugleich hat sie etwas Engelhaftes – und das kündet von heilen Welten in diesen unseligen Corona-Zeiten.

Die Rückseite der "Laborantin" Bildrechte: Andreas Höll

Mehr InformationenMarc Fromms Skulptur "Die Laborantin" ist bis zum 11. Januar in der Kunststiftung Halle zu sehen.

Neuwerk 11
06108 Halle (Saale)

Das Schaufenster ist rund um die Uhr beleuchtet und das Werk kann jederzeit betrachtet werden.

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 18. Dezember 2020 | 08:40 Uhr