800. Jubiläum Wie im thüringischen Mühlhausen eine Kirche Kultur macht

Kirche, Veranstaltungsort, Gedenkstätte und Museum - die Mühlhäuser Marienkirche hat sich in den vergangenen Jahren als wichtige kulturelle Anlaufstelle etabliert. Anlässlich des Jubiläumsjahres 2021 stehen deshalb allerlei Veranstaltungen auf der Agenda. Von Filmvorführungen über Orgelkonzerte bis hin zu Licht-Installationen – im zweitgrößten Gotteshaus Thüringens wird kulturell einiges geboten.

Seit dem Jahr 2018 zeigen die Mühlhäuser Museen in einem Kooperationsprojekt mit der Klassik Stiftung Weimar in der Marienkirche die Ausstellung „Von Einhörnern und Drachentötern - Mittelalterliche Kunst aus Thüringen“.
Bildrechte: Mühlhäuser Museen, Tino Sieland

Alle fünf Jahre findet in der Mühlhäuser Marienkirche eine ganz besondere Zeremonie statt: In dem imposanten Gebäude wird dann die Ratswechselkantate "Gott ist mein König" von Johann Sebastian Bach aufgeführt. Dazu zieht der neu gewählte Stadtrat in die Kirche ein. Es folgt ein feierlicher Einzug über das Südportal, das normalerweise verschlossen bleibe, wie Oberbürgermeister Johannes Bruns erklärt. Die Zeremonie sei eine "feierliche Dokumentation von Demokratie" und der "Bedeutung des Stadtrates", so Bruns.

Eine geschichtsträchtige Zeremonie

Auf dem Stahlstich der Marienkirche, der etwa um das Jahr 1840 entstand, fehlt noch der heute das Stadtbild Mühlhausens prägende neogotische Turm.
Auf dem Stahlstich der Marienkirche, der etwa um 1840 entstand, fehlt noch der heute das Stadtbild Mühlhausens prägende neogotische Turm Bildrechte: Mühlhäuser Museen, Tino Sieland

Johann Sebastian Bach hat die Ratswechselkantate eigens für die Zeremonie geschrieben, deren Tradition bis ins 13. Jahrhundert zurückreicht. Lange Jahre war die Kulisse dafür jedoch nicht ganz so imposant wie heute. Denn der fast 87 Meter hohe Turm kam erst vor rund 120 Jahren dazu, erklärt Thomas T. Müller, Direktor der Mühlhäuser Museen. Wie in vielen anderen Gemeinden auch hätten zunächst die finanziellen Mittel zum Ausbau des Turms gefehlt. Ende des 19. Jahrhunderts habe die Mühlhäuser Bevölkerung jedoch damit begonnen, das nötige Geld für dessen Fertigstellung zu sammeln, erzählt Thomas T. Müller: "Dann hat man gesagt: Wenn man einen Turm baut, dann baut man ihn gleich richtig. Das ist großartig gelungen."

Wie die Kirche zur Müntzer-Gedenkstätte wurde

Blick von der Stadtmauer zur Kirche St. Marien.
Blick von der Stadtmauer auf die Mühlhäuser Marienkirche Bildrechte: imago/imagebroker

Der Turm im neogotischen Stil fügt sich geschickt ins gotische Ensemble ein. Vor allem die südliche Querhausfassade der Kirche erlangte kunsthistorische Bekanntheit: Oben schwebt Christus in der Mandorla, unterhalb sind die Heiligen Drei Könige und Maria zu entdecken. Bis zur Reformation war die Kirche katholisch geweiht und wurde dann evangelisch. Als Mühlhausen im 16. Jahrhundert zu einem Zentrum des Bauernkriegs wurde, war Thomas Müntzer hier Pfarrer und sprach von der Kanzel zu den Aufständischen. Deshalb ist die Kirche heute eine Müntzer-Gedenkstätte.

Vor fast 50 Jahren, zu DDR-Zeiten, bekam sie diesen Titel. Damals war die Kirchgemeinde nicht mehr in der Lage, sich um das riesige Bauwerk zu kümmern. So kam der damalige Pfarrer auf eine clevere Idee, wie Thomas T. Müller erzählt: "Der Pfarrer hatte mitbekommen, dass 1975 ein großes Jubiläum für den Bauernkrieg anstand. 450 Jahre deutscher Bauernkrieg sollten gefeiert werden. Die DDR hat das ganz groß auf ihre Agenda geschrieben. Also hat er die entsprechenden Stellen angeschrieben und gesagt 'ihr wollt doch nicht, dass die Predigtkirche Thomas Müntzers untergeht!'" So kam es zu dem ungewöhnlichen Schritt: Kurz nachdem der Staat in Leipzig die Universitätskirche gesprengt hatte, übernahm er in Mühlhausen die Verantwortung für die Marienkirche.

Die Mühlhäuser Marienkirche als Museum

Heute ist die Stadt Mühlhausen Besitzerin des Bauwerks. Die Mühlhäuser Museen kümmern sich um alles, was in der Kirche ausgestellt wird. Direktor Müller zeigt unter anderem Schriften Thomas Müntzers – dazu gibt es seit ein paar Jahren eine Kooperation mit der Klassik Stiftung Weimar: Aus deren Sammlung werden Werke mittelalterlicher Kirchenkunst zwischen den hohen Säulen der Marienkirche gezeigt. Die historischen Altäre und Skulpturengruppen fügen sich wunderbar in den Innenraum ein.

Die mittelalterliche Kunst der aktuellen Sonderausstellung fügt sich passgenau in das 800-jährige Bauwerk ein.
Die mittelalterliche Kunst der aktuellen Sonderausstellung fügt sich passgenau in das 800-jährige Bauwerk ein. Bildrechte: Mühlhäuser Museen, Tino Sieland

Für das Jubiläumsjahr sind zahlreiche kulturelle Veranstaltungen geplant

Im nun anbrechenden Jubiläumsjahr soll dieser Ort verstärkt für Veranstaltungen genutzt werden, sofern es coronabedingt möglich ist. So soll etwa der Stummfilm "Der Glöckner von Notre Dame" mit Orgelbegleitung gezeigt werden und zur Museumsnacht soll es eine Licht-Inszenierung geben. Zum Auftakt des Jubiläumsjahres läuten in ganz Mühlhausen zu Ehren von St. Marien über zehn Minuten hinweg die Glocken, kündigt Oberbürgermeister Bruns an. Da die Kirche – derzeit wie andere Museen auch – geschlossen ist, muss sie sich eben nach außen hin Gehör verschaffen.

Mehr Kultur in Corona-Zeiten

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. Februar 2021 | 12:10 Uhr