Grünes Gewölbe Festnahmen nach Juwelendiebstahl: Marion Ackermann im Gespräch

Wie stehen die Chancen, dass die beim Dresdner Juwelendiebstahl entwendeten Kunstschätze gefunden werden und ins Grüne Gewölbe zurückkehren? Nach einem Großeinsatz der Polizei in Berlin mit Festnahmen im Clan-Milieu scheint es dafür wieder Hoffnungen zu geben. Dazu im Interview ist die Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Marion Ackermann.

Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, steht vor der bei einem Einbruch beschädigten Vitrine im Juwelenzimmer im Historischen Grünen Gewölbe im Dresdner Schloss der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD). Die seit dem Juwelendiebstahl im November 2019 geschlossene kurfürstlich-königliche Schatzkammer soll bald wieder für Besucher zugänglich sein.
Marion Ackermann im Grünen Gewölbe. Sie ist die Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Wie ist jetzt, was die gesamte Fahndung angeht, der Stand?

Marion Ackermann: Es ist großartig, dass man die Tatverdächtigen fassen konnte. Und dass man jetzt dadurch weiß, in welchem Kontext diese Tat erfolgt ist. Wenn von Clan-Kriminalität die Rede ist, stehen vermutlich wirtschaftliche Interessen oder Reputation innerhalb der Clans im Vordergrund – nicht unbedingt der Mythos von irgendeinem reichen kunstliebenden Menschen, der im Hintergrund Aufträge erteilt. Man kann konkreter erfassen, was genau passiert ist. Das bringt uns vielleicht wieder näher zu der Frage: Findet man Spuren der Juwelengarnituren?

Wie viel Hoffnung spüren Sie gerade auf einer Skala von eins bis zehn?

Acht, würde ich sagen. Dagegen spricht, dass wir wissen, was in Berlin passiert ist, dass eben die Goldmünze eingeschmolzen worden ist. Aber andererseits ist das bei den Juwelengarnituren nicht so einfach. Man kann sie leicht auseinandernehmen. Aber es ist eben doch ein ganz anderer Fall. Dass sie so ganz spurlos verschwinden, kann ich mir nicht vorstellen.

Dann würde ich sagen, dass man jetzt, da man vermutlich die Täter gefasst hat oder einen Teil der Täter, eine Möglichkeit hat – durch die Auswertung all des Materials, das man in Beschlag genommen hat, aber natürlich auch durch die Verhöre und so weiter – sicher auch in den nächsten Wochen weiterzukommen. Wenn man jetzt nichts findet, hat man die Möglichkeit, durch die Auswertung voranzukommen. Von daher sehe ich doch noch gute Chancen.

Besteht die Möglichkeit, in Museumskreisen die Augen offen zu halten? Ist Ihre Branche gerade besonders sensibel?

Schon vor einem Jahr, also direkt nach dem Einbruch, haben wir am ersten Tag, so könnte man sagen, einen sogenannten Täter-Appell ausgesprochen. Wir haben genau beschrieben, wo die Grenzen der Verwertbarkeit liegen, also die Diamanten eben nicht den heutigen entsprechen und so weiter.

Und am zweiten Tag, als wir nach der Tatortbesichtigung die Abbildungen hatten der Stücke, die gestohlen worden sind, haben wir das in alle Netzwerke, die es gibt, gespeist und geschleust (...). Diese extreme Wachheit und Aufmerksamkeit, man hat sich in einem ganzen Jahr immer mehr gesteigert. Ich halte es für unmöglich, dass es seriöse Käufer gibt für die Juwelengarnituren. Denn die Provenienz muss ja immer bei jedem Kauf vorher geklärt werden. Und die Provenienz in dem Fall ist zu prominent und zu eindeutig.

Ende Mai wurde das Grüne Gewölbe wiedereröffnet und Sie haben dabei den Tatort zum Teil der Ausstellung gemacht. Mit welcher Idee eigentlich?

Mit der Idee, dass man zumindest in diesem unmittelbaren Moment einen Raum hat für die eigene Imagination. Einen Raum, um das Geschehene auch erzählen zu können und zu verarbeiten. Ich habe eigentlich nicht vor, es so zu machen wie zum Beispiel in Boston in der Isabella Stewart Gardner Galerie, wo noch Jahrzehnte nach dem Diebstahl von vielen Gemälden die Rahmen einfach leer gezeigt werden.

Noch gehen wir davon aus, dass wir die Werke oder Teile zurückbekommen. Und falls man an irgendeinem Zeitpunkt sich eingestehen muss, dass es noch nicht so weit ist, muss man Lösungen finden, wie man damit umgehen kann. Aber ich würde es nicht dauerhaft als Leerstelle lassen. Das ist temporär für mich in dieser Unmittelbarkeit auch der Verlusterfahrung.

Das Gespräch führte Carsten Tesch für MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. November 2020 | 08:10 Uhr