Pro & Contra Gehört Max Pechstein in Zwickau abgehängt?

Aus heutiger Perspektive sei der Mann nicht auszuhalten, meint unsere Kunstkritikerin, wenn sie über Max Pechstein nachdenkt. In der Südsee fand der "Brücke"-Maler aus Zwickau vor rund 100 Jahren sein Künstlerglück. Eingeborene saßen ihm nackt Modell, während er im weißen Tropenanzug auftrat. Zuhause wurde der Expressionist mit seinen Gemälden aus dem vermeintlichen Paradies zum Star. Gehören seine Bilder – etwa in den Kunstsammlungen Zwickau – nun abgehängt? Als typischer Fall "kultureller Aneignung", über deren Verwerflichkeit gerade allerorten heiß diskutiert wird?

Akt-Gemälde mit drei Frauen 5 min
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Brücke-Künstler Max Pechstein unternahm eine lange Expedition in die Kolonie Palau – ist seine künstlerische Auseinandersetzung mit einer fremden Kultur heute noch angemessen? Ulrike Thielmann mit einem Pro und Contra.

MDR KULTUR - Das Radio Do 23.06.2022 15:30Uhr 04:39 min

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Ist Max Pechstein ein begnadeter Maler? Oder war er mindestens ein selbstverliebter Chauvi? Und trat er mit dem Habitus eines Kolonialherren auf während seines 31/2 -monatigen Aufenthalts auf den westpazifischen Palau-Inseln, die von 1899 bis 1914 deutsche Kolonie waren? Wohl alles trifft zu. Max Pechstein kann man eigentlich nicht mehr ausstellen. Aus heutiger Perspektive ist der Mann – und somit auch der Maler – nicht auszuhalten.

Eingeborene saßen kostengünstig Modell

Akt-Gemälde mit drei Frauen
"Drei Palauerinnen nach dem Bad": Das Gemälde aus dem Jahr 1949 schenkten die Enkel Pechsteins dem Zwickauer Museum. Bildrechte: dpa

Auf allen, wenigen, Fotos, die man von ihm aus seiner Zeit auf den Palau-Inseln kennt, trug er einen weißen Tropenanzug. Eingeborene saßen ihm kostengünstig Modell, sein Bild "Ronmay", das eine Häuptlingstochter mit Hibiskusblüte zeigt, befeuert bis heute Spekulationen über sexuelle Kontakte.

Menschen begutachten einen Holzbalken.
Der Palau-Balken des Dresdner Völkerkundemuseums inspirierte Pechstein zu seiner Reise. Bildrechte: dpa

Verbürgt ist die Geschichte vom "Palau-Balken" im Dresdner Völkerkundemuseum, dem er und seine "Brücke"-Kollegen Kirchner und Heckel um 1910 begegneten, und der bei Pechstein den Wunsch zur Reise ausgelöst haben soll.  Die Holzschnitzereien der fremden Kultur faszinierten die Maler.

Gemälde einer Insel mit Palmen
Max Pechstein an seinem Sehnsuchtsort: Chogealls (Palau), 1917 Bildrechte: Kunstsammlungen Zwickau/Pechstein – Hamburg/Preetz 2022 /Foto-Atelier LORENZ,Zschorlau

Als weißer Patriarch in der Kolonie

Wieviel von Palaus Formensprache floss wohl in Pechsteins Bilder ein? Der "Palau-Balken" besitzt zudem eine erotische Komponente, war er doch angebracht in einem Palauer Männerklubhaus, einer Art Eros- und Paarschulungszentrum für dorffremde junge Mädchen, was Pechsteins Phantasie beflügelte. Die Dresdener Ethnologin Marion Melk-Koch erklärt: "Auf diesen Balken sind mythische Geschichten zu sehen. Und dieser Balken hier zeigt die Geschichte von neun Dämonen. Auf der Rückseite ist dann die Geschichte eines Mannes zu sehen – das ist auch das, was ganz häufig in der Literatur wieder publiziert ist: Das ist der Mann mit dem großen Penis."

Historisches mikronesisches Versammlungshaus, am Boden Feuerstelle, darüber mit traditionelle Malerei von Jagdszene mit Krokodil verzierte Dachbalken von Palmendach
Beispiel für ein historisches mikronesisches Versammlungshaus mit verzierten Dachbalken Bildrechte: IMAGO/imagebroker

Max Pechstein suchte die Nähe zu den Indigenen auf Palau. Um sie zu studieren, ging er mit ihnen auf die Jagd und zum Fischfang. Alleingelassen langweilte sich seine Ehefrau Lotte. Pechstein war also ein weißer Patriarch, der vom deutschen Imperialismus in der Südsee profitierte und seinen Traum vom Paradies auf Kosten der Kolonisierten lebte. Diesen Traum träumte er bis an sein Lebensende und stilisierte ihn in seinen Bildern zu einem Mythos vom Paradies unter Palmen.

Aufstieg zum Kunststar mit Südsee-Klischees

Gemälde mit Menschen auf einem Kanu
Max Pechstein: Im Kanu (Auslegerboot), 1917, Öl auf Leinwand Bildrechte: Kunstsammlungen Zwickau/Pechstein – Hamburg/Preetz 2022 /Foto-Atelier LORENZ,Zschorlau

Dadurch stieg er zum Kunststar auf. Europa liebte Anfang des letzten Jahrhunderts Exotismen. Die Klischees wirken bis heute, tauchen unsere Sicht etwa auf die westpazifischen Inseln in satte Farben, die man auch aus Pechsteins Bildern kennt. Das Max-Pechstein-Museum in Zwickau schätzt sich glücklich, drei expressionistische Südsee-Gemälde des Malers ausstellen zu können. Annika Weise, Kuratorin des Hauses, beschreibt sie so:

"Wir sehen idyllische Landschaften, wir sehen die indigene Bevölkerung bei ihren alltäglichen Ritualen, bei Tänzen, auf der Jagd, im Boot. Pechstein nutzt Farben wie Grün, Blau, erdige Töne, um eine gewisse Authentizität zu vermitteln. Und, entsprechend seinem Vorhaben, die Kunst natürlich auch später zu verkaufen und in Anbetracht der Klientel, die diese Kunst später erwerben sollte, bleibt er dem europäischen Kunstgeschmack natürlich treu, den man heute auch als Klischee-verhaftet wahrnehmen kann."

Max Pechstein kann man natürlich sehr wohl ausstellen!

Der Maler hat seinen Platz in der Kunstgeschichte verdient. Er ist ein Wegbereiter der Moderne, eine Schlüsselfigur des Expressionismus, mit wiedererkennbarem Malstil. Man darf Pechsteins Kunst nicht verbergen, bei allen Vorbehalten gegenüber seiner Person, sagt auch Annika Weise: "Er hat das Erlebnis gesucht, die Atmosphäre, das Miteinander vor Ort und hat daraus dann abstrahiert, subjektiviert, gefiltert", so die Kuratorin.

Natürlich spielt da unbewusst auch das Klischee vom 'primitiven Wilden' eine Rolle, aber es waren keine Dokumentationen, es ist Kunst.

Annika Weise Kuratorin Zwickauer Kunstsammlungen

Nicht "canceln", sondern konfrontieren

In einer Gesellschaft, die aus, sogenannter "woker" Achtsamkeit und Moral lieber "cancelt" als sich konfrontieren zu lassen, wird vermeintlich unerträgliche Kunst immer wichtiger. Pechstein malte die Südsee als Zufluchtsort vor der Zivilisation. Was schon damals nicht mehr stimmte. Die Verbindung zwischen Expressionismus und indigener Kunst gehört indessen zum kunsthistorischen Kanon. Die Geschichte zeigt aber auch:

Ohne kulturellen Transfer ging es nie in der Entwicklung der Menschheit. Er lässt sich nicht stoppen. Wobei 'kultureller Transfer' und 'kulturelle Aneignung' gerne im Eifer der Debatte miteinander verwechselt werden.

Ulrike Thielmann MDR KULTUR-Kunstkritikerin

 

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. Juni 2022 | 16:10 Uhr

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