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Andreas Gurskys Werk "Politik II". Gurskys Bilder warten bereits auf Besucher – sobald diese wieder ins Leipziger Museum der bildenden Künste kommen dürfen. Bildrechte: Andreas Gursky, VG BILD-KUNST, Bonn

Museen wollen öffnen

Museen in der Pandemie – Laboratorien der Zukunft

von Andreas Lueg, MDR KULTUR

Stand: 12. Februar 2021, 04:00 Uhr

In einem offenen Brief an die Kulturstaatsministerin forderten Museen die Öffnung ihrer Häuser. Sie seien sichere Orte, in denen Hygienemaßnahmen strikt befolgt würden. Gerade jetzt in Corona-Zeiten könnten sie "Rettungsinseln" sein. Viele von ihnen haben zwar Online-Formate entwickelt, doch es zeichnet sich ab: Museen müssen sich nach Corona neu erfinden und ihre Relevanz unter Beweis stellen. Die Pandemie als Laboratorium der Zukunft – die alten Meister werden sich umgucken.

Gespenstische Leere, Bilder und Skulpturen, die im Halbdunkel auf Besucher und auf bessere Zeiten warten: So sieht das Leipziger Museum der bildenden Künste im Lockdown aus. Dabei haben Museen hervorragende Klimatechnik, Aufsichtspersonal und viel Platz für optimales Besucher-Management. Sie seien Corona-sicher – und das probate Mittel gegen die pandemische Entwicklung der Einsamkeit, findet Stefan Weppelmann, Direktor des MdbK Leipzig.

Gesundheit hat eben viele Aspekte, und auch die seelische Gesundheit gehört dazu. Die Räume der Museen können Heilungsprozesse anstoßen, können Hilfe sein. Wo können wir die Idee des Gemeinsamen in unserem Land leben? Wo, wenn nicht in den Museen?

Stefan Weppelmann, Direktor des MdbK Leipzig

Als neuer Direktor des MdbK übernahm Stefan Weppelmann ein von Corona und der Politik stillgelegtes Haus. Dabei seien die den Corona-Regeln perfekt anpassbaren Museen sicher, schrieb er jetzt mit Kollginnen und Kollegen in einem Brief nach Berlin. Die Bitte an die Politik: Aufmachen bitte! "Wir bereiten unsere Wiedereröffnung vor", sagt Weppelmann: "Die große Ausstellung für Andreas Gursky ist startklar, aber noch verhängt – wegen Lichtschutz!"

Schwierige Situation ohne Planungssicherheit

Elke Buhr, Chefredakteurin des Monopol-Magazins, weiß um die Lage der Museen. Die Situation sei für die Museen extrem deprimierend, weil sie keine Planungssicherheit hätten. "Die haben teilweise Ausstellungen eröffnet, die bislang nie gesehen wurden, von niemandem. Aber es ist natürlich auch gesellschaftlich schlimm, wenn man denkt: Ok, wir hätten hier was, das man den Leuten anbieten kann. Die Leute brauchen jetzt Kunst und Kultur, man merkt es ihnen an, sie dürsten danach, aber wir können es ihnen nicht geben."

Doch die Journalistin Elke Buhr sieht im Angebot der Museen, die kulturelle Grundversorgung wieder in Gang zu bringen, auch die Hinwendung zu neuen Vermittlungsformen. Weltweit präsentieren große Museen ihre Sammlungen inzwischen auch digital. Sie veranstalten Online-Workshops oder bieten virtuelle Führungen an. Diese Entwicklung begann schon vor Corona – die Pandemie beschleunigt sie deutlich. Es gehe den Museen auch darum, neue Publikumsschichten zu erschließen.

Die Museen gehören allen, und sie wollen für alle da sein. Und das ist jetzt der Moment, wo man sich nochmal ganz neu überlegen kann: Wie machen wir das eigentlich?

Elke Buhr, Chefredakteurin des Monopol-Magazins

Massenaufläufe vor der Mona Lisa sind passé

Um einen Blick auf die Mona Lisa erhaschen zu könne, standen Besucher des Louvre bisher stundenlang an. Bildrechte: imago/Aton Chile

Eigentlich laute die Regel: "Never touch a running system", merkt Stefan Weppelmann an. Denn: "Leute kommen, Einnahmen stimmen, Programm wird wohl schon auch stimmen, dann machen wir halt einfach mal. Aber das reicht nicht mehr." Die massenhafte Versammlung von Kunsttouristen vor Kultobjekten wie der Mona Lisa wird es so künftig kaum mehr geben können.

Der Pariser Louvre experimentiert mit Virtual Reality, die Technik erlaubt Besuchern einen völlig neuen, manchmal desillusionierenden Blick auf Leonardos Meisterwerk. Es stellt sich die Frage: Warum standen Menschen bisher stundenlang Schlange, um dann nicht mal eine Minute vor dem Ziel ihrer Sehnsucht verharren zu dürfen?

Digitale Angebote sind Zusatz, kein Ersatz

"Wenn das Virtuelle mehr als Peepshow oder Surrogat für echte Begegnung mit der Kunst sein soll, darf das Publikum im Internet nicht nur Informationsempfänger bleiben", glaubt Stefan Weppelmann. Es reiche nicht, das Internet zu benutzen, um Informationen wie Öffnungszeiten zu verkünden. "Sondern wir müssen versuchen, auch über die Inhalte Möglichkeiten der Partizipation zu schaffen, mit unserem Publikum."

Das Frankfurter Städel-Museum beteiligt die Zuschauer im Video-Podcast an der Suche nach einer früheren Ikone der Sammlung: Van Goghs "Bildnis des Dr. Gachet" wurde von den Nazis als "entartet" beschlagnahmt und verschwand 1990 nach einer Versteigerung endgültig. Doch ersetzt das Online-Detektivspiel die Anschauung? "Das wird parallel laufen in der Zukunft", meint Elke Buhr: "Es gibt auf der einen Seite die physische Präsenz im Museum, von der wir jetzt erst wissen, wie wichtig das eigentlich ist. Und auf der anderen Seite die digitalen Angebote, nicht als Ersatz, sondern als einen Zusatz."

Live kann ein Bild wie ein "Faustschlag" wirken

Der Maler Max Beckmann wollte "diese gespensterhafte Welt zu einer Realität des Bildes" bringen. Er verstand seine Kunst als existenzielle Grenzerfahrung. "Die Größe eines solchen Werks können Sie nur im Museum erleben", erläutert Stefan Weppelmann anhand des Beckmann-Gemäldes "Große Buhne": "Sie können die Kraft des Pinselduktus nur vor dem Original sehen, die Dreidimensionalität, den Relief-Charakter, den Beckmann der Farbe einschreibt: Alles das schaffen Sie nicht am digitalen Bildschirm. Das ist für mich wie ein Faustschlag, diese Prägnanz und Wucht, mit der diese Brücke in dieses Wasser geknallt ist. Warum stehe ich in meinem Leben so allein und muss mich gegen diese Gewalt stemmen? Das ist einfach alles hier drin. Und nur in diesem Raum!"

Gemälde von Max Beckmann: "Große Buhne". Bildrechte: Max Beckmann/Museum der bildenden Künste Leipzig

Ein Museum ist ja nicht nur ein Ort, wo man Bilder sieht, sondern wo man selbst sich auch ins Verhältnis setzt zu einem Werk, aber auch zu den anderen Menschen, die da sind. Im Museum wird wie an keinem anderen Ort erfahrbar, dass Kultur etwas ist, was wir teilen als Gesellschaft.

Elke Buhr, Chefredakteurin des Monopol-Magazins

Das konnte die Gesellschaft gerade in diesem Corona-Jahr erfahren – als geteilten Mangel, als Hunger nach Kultur – und nach Begegnung mit anderen, für die Kultur zum täglich Brot gehört. Weppelmann ergänzt: "Und das ist auch eine Chance, die jetzt wieder deutlich ins Bewusstsein tritt. Wie wichtig das ist, dass man Authentizität erfahren kann, dass man Wahrhaftigkeit und Wirkmacht von Kunstwerken spüren kann – durch die physische Begegnung mit ihnen. Das ist durch die Stopptaste nochmal stärker ins Bewusstsein gerückt, jedenfalls in meins." Im Museum der bildenden Künste möchte man lieber heute als morgen auf "Start" drücken – leer ist es im Café jetzt lange genug.

Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | artour | 11. Februar 2021 | 22:05 Uhr