Nachrichten & Themen
Mediathek & TV
Audio & Radio
MDR KULTUR im RadioMDR KULTUR im FernsehenÜber unsKontaktSuche

Schloss ElisabethenburgGünter Grass in Meiningen: Ausstellung zeigt den Schriftsteller als Bildhauer und Maler

von Marlene Drexler, MDR KULTUR

Stand: 20. April 2022, 16:39 Uhr

Mit dem Roman "Die Blechtrommel" gelang Günter Grass 1959 der literarische Durchbruch. 1999 erhielt er den Literaturnobelpreis – begonnen hat seine künstlerische Karriere allerdings nicht als Schriftsteller, sondern mit einem Studium der Bildhauerei und Grafik. Kunstformen, die Grass auch zeitlebens weiter bediente. Eine neue Ausstellung im Schloss Elisabethenburg in Meiningen gewährt nun einen Einblick in das facettenreiche Gesamtwerk des Ausnahmekünstlers.

Günter Grass war kein Künstler, der nur aus der zweiten Reihe kommentierte. Grass mischte sich in die öffentliche Diskussion ein und bezog politisch Stellung. Seine großen Themen waren die geschichtliche Aufarbeitung, Aussöhnung und Frieden. Als Moralist und Mahner war er unbequem, streitbar und auch nicht ohne Widersprüche, was spätestens mit seinem hinausgezögerten Eingeständnis, Mitglied in der Waffen-SS gewesen zu sein, klar wurde.

Die Ausstellung "Grass in Meiningen" begibt sich auf Spurensuche, um das künstlerische Schaffen des Ausnahme-Intellektuellen und sein Weltverständnis tiefergehend zu ergründen.

Ein Aquarell für Grass' Buch "Mein Jahrhundert" aus dem Jahr 1999 Bildrechte: Günter und Ute Grass Stiftung / Steidl Verlag

Meiningen zeigt Günter Grass als künstlerisches Multitalent

Eine Besonderheit im künstlerischen Schaffen von Günter Grass ist die Gleichzeitigkeit verschiedener Kunstformen. Er selbst beschrieb seine Arbeit einmal mit diesen Worten: "Ein schreibender Zeichner ist jemand, der die Tinte nicht wechselt". Ein Hinweis darauf, dass Malerei und Dichtung bei ihm eine natürliche Symbiose darstellten. Während Grass ein literarisches Werk entwickelte, entstanden immer auch Zeichnungen dazu.

Dass es sogar ursprünglich die bildenden Künste waren, die Grass' künstlerische Identität begründet hatten, war der breiten Öffentlichkeit lange Zeit eher unbekannt. 1927 in Danzig geboren, machte Grass erst eine Lehre zum Steinmetz und nahm dann ein Studium der Bildhauerei und Grafik an der Kunstakademie in Düsseldorf auf. Zu Schreiben begann er später, als schon erste Plastiken und Grafiken von ihm ausgestellt wurden.

Die Ausstellung in Meiningen zeigt aus Skulpturen von Günter Grass Bildrechte: Meininger Museen, Axel Wirth

Eine Kunstform sollte die andere jedoch nie ausschließen, weiß der Musiker Günter "Baby" Sommer, langjähriger Freund und Wegbegleiter von Grass, zu berichten. Seine Arbeiten hätten sich stets ergänzt: "Auch hat er in den anderen Kunstformen ja nicht nur dilettiert, sondern auch da ganz Großartiges hervorgebracht. Er hat sozusagen Selbstausbeutung betrieben, mit dem einen für das andere."

Ausstellung auf Schloss Elisabethenburg zeigt Schriften, Malereien und Skulpturen

Insgesamt sind in der Grass-Ausstellung auf Schloss Elisabethenburg mehr als 130 Objekte zu sehen. Bildrechte: Meininger Museen, Axel Wirth

Mit 130 ausgestellten Objekten aus unterschiedlichen Schaffensperioden zollt die Ausstellung Günter Grass' vielseitiger Begabung Respekt. Neben handgeschriebenen Original-Manuskripten und Zeichnungen sind Aquarelle, Grafiken und Skulpturen aus Grasscher Feder und Fantasie zu sehen.

Zusammengestellt hat sie die Hamburger Kuratorin Tatjana Dübbel. Laut Dübbel zeigt die Gesamtschau, wie früh sich bestimmte Motive bei Grass entwickelt und festgesetzt haben. Neben den vielfach wiederkehrenden tierischen Motiven – etwa Hühner, Fische und Ratten – sind es die Bezüge zum Märchenhaften und Religiösen.

In seinem Roman "Die Rättin" kommt gewissermaßen alles zusammen. In der apokalyptischen Erzählung hat sich, nachdem die ignorante Menschheit ihre Lebensgrundlagen zerstört hat, ein gottloser Rattenstaat gegründet, in dem die Nagetiere eine auf Solidarität gegründete neue Zivilisation aufbauen. Eine Geschichte, in der auch die für Grass ureigene gesellschaftspolitische Dimension unverkennbar ist, hier als Anspielung auf die ungezügelte Konsumgesellschaft.

Günter Grass: ein politischer Künstler?

Grass als politischer Künstler findet in der Ausstellung auch in der Beschäftigung mit dem 1999 veröffentlichten Text-Bild-Band "Mein Jahrhundert" Platz. Darin wirft Grass einen Rückblick auf das 20. Jahrhundert, zu jedem Jahr gibt es eine bebilderte Kurzgeschichte.

Günter Grass mit dem damaligen Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) 1973 in New York Bildrechte: Archiv Robert Lebeck

Darüber hinaus rückt die Ausstellung aber auch Grass als politisch-aktiven Menschen in den Fokus. Als überliefertes Erweckungserlebnis gilt hier die sogenannte "Frahmrede" Konrad Adenauers, der Willy Brandt im Wahlkampf 1961 durch seine uneheliche Herkunft zu verunglimpfen versuchte.

Der Angriff brachte Grass derart in Rage, dass er selbst in den Wahlkampf einstieg. Er wurde Mitglied der SPD und schrieb Reden für Willy Brandt. Zwischen dem Künstler und dem Politiker entwickelte sich eine langjährige Freundschaft, die erst in den 90er-Jahren zu bröckeln begann, als die Meinungen der beiden zur deutschen Wiedervereinigung auseinandergingen.

In der Grass-Ausstellung in Meiningen fügen sich biografische Elemente mit den künstlerischen Schöpfungen zu einem mehrdimensionalen Streifzug durch Gefühls- und Geschichtswelten.

Angaben zur Ausstellung

  • "Grass in Meiningen - Bilder, Skulpturen, Literatur" – Gemeinschaftsausstellung mit dem Günter Grass-Haus Lübeck
  • Laufzeit: 14. April bis 9. Oktober 2022
  • Ausstellungsort: Schloss Elisabethenburg, Obere Galerie I Schlossplatz 1, 98617 Meiningen
  • Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr
  • Kostenpflichtige Lesungen und Führungen jeweils Sonntag um 15 Uhr: 24. April: "Die Blechtrommel", 15. Mai: "Das Treffen in Telgte", 19. Juni: "Der Butt", 24. Juli: "Ein weites Feld", 21. August: "Unkenrufe", 25. September: "Die Rättin", 9. Oktober: Finissage zum Geburtstag von Günter Grass mit Leseproben aus "Beim Häuten der Zwiebel"

Mehr Kultur aus Meiningen

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 20. April 2022 | 08:10 Uhr