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Künstler Doug Miller und Kuratorin Nora Hilgert betrachten das Diorama zur Bluttat von Weinsberg (v.l.n.r.). Bildrechte: Nora Hilgert

500 Jahre BauernkriegNeue Ausstellung: Zinnfiguren proben in Mühlhausen den Aufstand

von Mareike Wiemann, MDR KULTUR

Stand: 16. November 2022, 04:00 Uhr

2025 ist es 500 Jahre her, dass der deutsche Bauernkrieg blutig endete. In Mühlhausen, der Wirkungsstätte Thomas Müntzers, wird man mit einer großen Landesausstellung daran erinnern. Die Planungen dafür laufen auf Hochtouren – um das Publikum mitzunehmen, ist bereits jetzt eine kleine Sonderschau zu sehen. Zinnfiguren geben im Kulturhistorischen Museum Einblicke ins damalige Geschehen. Die Ausstellung ist bis zum 28. Mai 2023 zu sehen.

Im Kulturhistorischen Museum entfaltet sich hinter gläsernen Vitrinen die grausame Welt des Bauernkriegs: Dioramen voller rund drei Zentimeter großer, dreidimensionaler Zinnfiguren sind darin zu sehen, detailliert geben sie Einblick in Schlüsselszenen der damaligen Aufstände. Ein Schaukasten zeigt etwa die Bluttat von Weinsberg: Graf Ludwig von Helfenstein und seine Begleiter werden aus ihrer Burg getrieben und durch ein Spalier von Bauern gescheucht, die wiederum mit spitzen Lanzen auf sie einstechen. Blut klebt an den Waffen, tropft auf den Boden, zahlreiche Schaulustige lassen sich davon nicht abschrecken.

Gebaut hat diese Rekonstruktion der Brite Doug Miller, ein Künstler, der schon seit vielen Jahren mit den Mühlhäuser Museen zusammenarbeitet: "Er vermag es, in seinen Dioramen viele kleine Geschichten zu verbauen", so Kuratorin Nora Hilgert, diese ließen sich durchgehend historisch belegen. "Beim Weinsberg-Diorama sehen wir etwa den blutrünstigen Bauernführer Jäcklein Rohrbach, und neben ihm steht Margarete Renner. Sie ist eine der ganz wenigen Frauen, die wir aus dem Bauernkrieg kennen, gemeinsam sprechen die beiden mit der Gräfin von Helfenstein."

Mühlhausen zeigt erste umfassende Schau von Miller

Wer ganz nah an die Vitrine heranrückt, kann sich das Gespräch der drei nahezu vorstellen. Die Figuren wirken alles andere als steif, sie scheinen zu gestikulieren, sogar die Mimik ist erkennbar. Er sitze teilweise mehrere Stunden an solch einer Figur, berichtet Miller. Er gieße erst die verschiedenen Körperteile, klebe sie dann aneinander und forme abschließend die Oberfläche mit Modelliermasse: "Mittlerweile habe ich eine Serie von 130 Figuren, von denen ich dann Umbauten machen kann. Ich habe das Prinzip, dass fast jede Figur nie wiederholt wird."

Doug Miller hat jahrelang als Wirtschaftsprofessor gearbeitet. Irgendwann aber machte er seine Leidenschaft zur Profession, verabschiedete sich von der Uni und begab sich voll und ganz in die Welt der Zinnfiguren. Kennengelernt hat er sie Anfang der 70er-Jahre bei einem Spielwarenhersteller in Franken. Seitdem lässt ihn die Bastelei nicht mehr los, stundenlang kann er sich mit einer einzelnen Figur beschäftigen. In Mühlhausen ist nun seine erste umfassende Werkschau zu sehen.

Auf Technik wird verzichtet

Die Mühlhäuser Museen setzen mit den Dioramen ganz selbstbewusst auf ein Ausstellungsmittel, das anderswo in den letzten Jahren oft leise im Depot verschwunden ist. Die Schaukästen hatten ihre Hochzeit in den 60er- und 70er-Jahren, seitdem es neue audiovisuelle Präsentationsmöglichkeiten gibt, gelten sie eher als verstaubt. Gerade das aber fasziniert Kuratorin Hilgert, es sei wunderbar, ein komplett analoges Erlebnis anzubieten. Gerade für die museumspädagogische Arbeit mit Kindern biete es einen Mehrwert.

Dieses Diorama zeigt den Angriff auf eine Wagenburg. In ihnen verschanzten sich die Aufständischen, stellten Munition her, vorsorgten Verwundete und lagerten Proviant ein. Bildrechte: Nora Hilgert

Ausblick auf Landesausstellung

So ist diese Sonderschau eine Art analoges Appetithäppchen, ein Ausblick auf die große Landesausstellung 2025, die dann aber museologisch aus den Vollen schöpfen wird. Man wolle 2025 nicht nur zurückschauen, betont die zuständige Koordinatorin Julia Mandry. Man wolle vielmehr aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln ans Thema herangehen, etwa analysieren, wie sich die Rezeption des Bauernkriegs immer wieder gewandelt habe: "Sehr oft wurde das Bauernkriegsgeschehen instrumentalisiert, im 16. Jahrhundert durch die Religion, bis hin zur politischen Instrumentalisierung bei den Nationalsozialisten. Und auch in Ost- und Westdeutschland gab es im vergangenen Jahrhundert eine teils unterschiedliche Wahrnehmung, all dem wollen wir nachspüren."

2025 dann also der große Wurf: die Landesausstellung in drei Mühlhäuser Museen und im Panorama Museum von Bad Frankenhausen. Und bis dahin – immer mal wieder ein kleiner musealer Vorgeschmack. Doug Millers Dioramen werden noch bis Ende Mai kommenden Jahres zu sehen sein.

Informationen zur Ausstellung"Aufstand der Zinnfiguren - Geschichten aus dem Bauernkrieg"

11. November 2022 bis 28. Mai 2023

Kulturhistorisches Museum Mühlhausen
Kristanplatz 7
99974 Mühlhausen

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag: 10 bis 17 Uhr

Eintritt:
5,00 Euro / ermäßigt 4,00 Euro
Kinder (4 bis 14 Jahre): 2,00 Euro
Kinder bis 3 Jahre haben freien Eintritt.

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 16. November 2022 | 07:10 Uhr