Sensationsfund Weltweit einmalig: Die Kindermumien von Riesa

Die Mumien von Riesa überdauerten die Zeit ohne die mumifizierende Spezialbehandlung altägyptischer Herrscher. In zwei Grüften unter der Klosterkirche ruhen sie, dank besonderer klimatischer Umstände, teilweise seit mehr als 300 Jahren. Ein europaweit einmaliges Bestattungsensemble, wie Forscherinnen und Forscher staunen. Erst seit 2016 wird der Fund genauer erkundet. So trug ein Kleinkind eine Krone aus Nelken, die damals wertvoller als Gold waren. Eine Ausstellung im Stadtmuseum Riesa zeigt ab dem 22. August die Forschungsergebnisse.

Die Mumie eines 1680 verstorbenen Kindes in einer Ausstellung
Auch Kinder sind in der Gruft der Klosterkirche von Riesa bestattet. Bildrechte: dpa

Es ist der wohl schaurigste Ort in Riesa: Zwölf Stufen führen hinter dem Altar der Klosterkirche hinab in die Tiefe. 23 gut erhaltene Mumien liegen in der Gruft der Rittergutsfamilie von Felgenhauer. Unter der Nordseite der Kirche befinden sich fünf weitere Särge der Familie von Welck.

Europaweit einmaliges Bestattungsensemble

"Mumien unter Riesa": ECHT-Reportage
Anthropologin Amelie Alterauge in der Klosterkirche Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Seit dem Dreißigjährigem Krieg (1618-1648) haben beide Adelshäuser ihre Angehörigen unter der Klosterkiche beigesetzt.

Ein vergleichbares Bestattungsensemble suche man europaweit vergeblich, versichert die Schweizer Anthropologin Amelie Alterauge. Seit 2016 erforscht sie den quasi noch unberührten Fund.

Mumifikation durch besondere Architektur des Raumes

"Mumien unter Riesa": ECHT-Reportage
Bestattungskrone eines Kindes aus Nelken, die damals wertvoller waren als Gold. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dass von diesen Toten mehr erhalten blieb als der Name und etwas Staub, liegt in der Architektur des Raumes rund um ihre letzte Ruhestätte begründet, weiß Michael Herold vom Kirchenverein: "Da sind zwei Luftschächte in der Außenwand der Kirche, die relativ weit nach oben führen. Das heißt, die Luft, die hier unten ständig zirkuliert, ist nicht so feucht." So trockneten die Leichname schnell aus und hielten der Verwesung ohne äußeres Zutun stand.

Herold betreut die Kirche samt ihrer Unterwelt seit 1982. Sechs Jahre zuvor waren die beiden Gruft erstmals für Besucher geöffnet worden, das DDR-Fernsehen berichtete. So wurden die Mumien von Riesa bekannt – und blieben dennoch im Verborgenen, weil unerforscht.

Eine Mumie 30 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Erst seit 2016 erforscht

"Mumien unter Riesa": ECHT-Reportage
Klosterkirche von Riesa, r. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bis die junge Anthropologin Amelie Alterauge aus der Schweiz bei Recherchen für zwei Ausstellungen in Mannheim und Kassel auf die Mumien von Riesa stieß und den Kontakt nach Sachsen suchte. Mit tragbaren Röntgengeräten hat sie die Mumien inzwischen durchleuchtet, um etwa Knochenbrüche oder Verletzungen festzustellen.

Die Hüter der Mumien von Riesa

"Mumien unter Riesa": ECHT-Reportage
1974 wird die Gruft erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg für Besucher geöffnet. Seither kümmert sich Michael Herold mit dem Kirchenverein um die Mumien und die Wahrung der Totenruhe. 1974, nach der Öffnung der Gruft, berichtete auch das DDR-Fernsehen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
"Mumien unter Riesa": ECHT-Reportage
1974 wird die Gruft erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg für Besucher geöffnet. Seither kümmert sich Michael Herold mit dem Kirchenverein um die Mumien und die Wahrung der Totenruhe. 1974, nach der Öffnung der Gruft, berichtete auch das DDR-Fernsehen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
"Mumien unter Riesa": ECHT-Reportage
Zwei Luftschächte in der Außenmauer ermöglichten die Mumifikation. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
"Mumien unter Riesa": ECHT-Reportage
Auch Kinder wurden in den beiden Grüften bestattet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
"Mumien unter Riesa": ECHT-Reportage
Auch die beiden Grüften sind zu ausgewählten Terminen zu sehen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
"Mumien unter Riesa": ECHT-Reportage
Mit Hilfe von Spenden wurde ein Dokument ersteigert, der Adelsbrief für Christoph von Felgenhauer. Angehörige seiner Familie sind unter der Klosterkirche bestattet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Auch die Kleidungsstücke wurden geborgen und restauriert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
"Mumien unter Riesa": ECHT-Reportage
Zu sehen sind sie in der Ausstellung bis 16. Januar 2022 im Stadtmuseum Riesa. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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"Mumien unter Riesa": ECHT-Reportage
Im Rittergut, direkt neben der Kirche (r.), haben die Menschen gelebt, die in den beiden Grüften seit dem Dreißigjährigen Krieg beigesetzt wurden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Gemeinsam mit dem sächsischen Landesamt für Denkmalpflege wurden auch die Särge und die Kleidung der Bestatteten untersucht. Cornelia Hofmann von den Museen der Stadt Dresden restaurierte mühevoll die Überreste der Stoffe, die reich an Verzierungen und oft auch farbenfroh waren. So wie man die Totenkronen für Kinder aufwändig aus damals kostbaren Nelken fertigte.

Ausstellung: Dokument dank Spenden ersteigert

"Mumien unter Riesa": ECHT-Reportage
"Bares für Rares": Adelsbrief für die Rittergutsfamilie von Felgenhauer ersteigert Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Forschungs- und Restaurierungsarbeiten sollen Auskunft geben, wer diese Menschen waren, wie sie lebten und wie sie gestorben sind. Erste Ergebnisse werden ab 22. August 2021 in Riesa gezeigt. Dies geschieht in Kooperation mit der Universität Bern, der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Riesa, dem Landesamt für Archäologie Sachsen und den Museen der Stadt Dresden.

Maritta Prätzel vom Riesaer Stadtmuseum hat schon vorab für Schlagzeilen gesorgt. Schließlich stand in der ZDF-Sendung "Bares für Rares" gerade der Adelsbrief von Christoph von Felgenhauer zur Versteigerung. Sie bot mit und konnte so das 400 Jahre alte Dokument erwerben. Die nötigen 7.000 Euro waren für sie keine kleine Summer. Doch unerwartet groß war die Spendenbereitschaft. So reichte das Geld sogar noch, um eine Replik herzustellen, die ständig im Museum gezeigt werden soll.

Besuch in der Gruft

"Mumien unter Riesa": ECHT-Reportage
Restauriertes Kleid Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Im Zusammenhang mit der Ausstellung gibt es für einige Wochen auch die Möglichkeit, die beiden Grüfte zu besuchen. Der Kirchgemeinde und den Forscherinnen liegt eines dabei besonders am Herzen: Wer sie betritt, soll die Würde der Bestatteten und des Ortes nicht verletzen.

Schließlich, betont Forscherin Amelie Alterauge, gehe es bei den Mumien von Riesa nicht nur um die Vergangenheit. Mit dem Fund verbinden sich Fragen nach unserem Umgang mit dem Tod sowie unseren Bestattungsritualen heute und in Zukunft.

Angaben zur Ausstellung Geschichten über den Tod hinaus -
Die Grüfte in der Klosterkirche von Riesa
22. August 2021 bis 16. Januar 2022

Stadtmuseum Riesa
Poppitzer Platz 3
01589 Riesa

Öffnungszeiten
Di-Fr: 10 bis 18 Uhr
Sa/So: 14 bis 18 Uhr

Angaben zu den MDR-Sendungen, Audiothek, ARD-Mediathek
Radio-Feature
"Der Mumienfund von Riesa"

In der ARD Audiothek und bei mdr-kultur.de ab 23.07.2021 | 04:00 Uhr

Im Radio: MDR KULTUR Feature: 21.08.2021 | 09:00 Uhr

ECHT-Reportage
"Mumien unter Riesa"

In der ARD-Mediathek ab 23.07.2021 | 04:00 Uhr

Im MDR-Fernsehen am 04.08.2021 | 21:15 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | ECHT | 04. August 2021 | 21:15 Uhr

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