Nachrichten & Themen
Mediathek & TV
Audio & Radio
MDR KULTUR im RadioMDR KULTUR im FernsehenÜber unsKontaktSuche

Ihr Browser unterstützt kein HTML5 Audio.

Plakativ! Museumskunst im Stadtraum

Plakat-Kampagne "Citylights"

Leipziger Bildermuseum macht die Stadt zum Ausstellungsraum

von Ulrike Thielmann, MDR KULTUR

Stand: 16. März 2021, 10:21 Uhr

Statt platter Werbung eine Einladung zum Kunstgenuss: Rund 200 Plakatflächen bespielt das Museum der bildenden Künste jetzt mitten in Leipzig mit fünf bekannten Gemälden aus der Sammlung. Motive von Wolfgang Mattheuer und Claude Monet wurden ausgewählt, aber auch ein Bild der jungen Malerin Franziska Holstein als weibliche und ganz andere Vertreterin der Neuen Leipziger Schule. Wer mehr über die Werke erfahren will, kann über einen QR-Code sogar Hörstücke dazu abrufen.

Sie sind nicht ganz so bekannt wie Böcklins "Toteninsel", der "Liebeszauber" oder die "Lebensstufen" von Caspar David Friedrich, die zu den Top Ten des Museums der bildenden Künste gehören. Dennoch ziehen sie jetzt die Blicke im Leipziger Stadtraum auf sich: Fünf andere großartige Gemälde aus dem Bildermuseum als Plakat-Motiv.

Mattheuer und Monet, Holländer und Holstein

Wolfgang Mattheuer: "Hinter den sieben Bergen", 1973 Bildrechte: Museum der bildenden Künste Leipzig / © VG Bild-Kunst Bonn, 2021

Dazu gehört Wolfgang Mattheuers "Hinter den sieben Bergen" – ein "ikonisches Bild aus den 1970er-Jahren", begründet Jan Nicolaisen, Chefkurator Malerei und Skulptur im Museum der bildenden Künste, die Auswahl: "Es hatte landesweite, wenn nicht sogar internationale Ausstrahlung als ein 'Bild von Sehnsucht nach Aufbruch', wie Mattheuer es formuliert hat. Bei aller Skepsis gegenüber den Dingen, die einem manche 'Versprecher' und Anbieter von Utopien, die vielleicht gar nicht so leicht zu realisieren sind, machen."

Ebenso sind gleich zwei Alte Holländer unter den präsentierten Gemälden für die Plakatkampagne: eine fröhliche "Musizierende Gesellschaft" als bukolisches Idyll, Projektionsfläche für alle jene, die gern Party machen sowie ein strahlendes Blumenstillleben der Amsterdamer Malerin Rachel Ruysch, die Anfang des 18. Jahrhunderts professionell als Künstlerin tätig war. Eine Seltenheit in der Männerdomäne.

Weiterhin zeigt das Leipziger Bildermuseum per Plakat einen der wenigen Monets im Haus, "Boote am Strand".

Einer der wenigen Monets in Leipzig: "Boote am Strand von Étretat", 1883 Bildrechte: Museum der bildenden Künste Leipzig / Schenkung Bühler-Brockhaus

Kampagne, die mit Erwartungen an die Malerstadt Leipzig brechen will

Und schließlich jene wunderbare, große Leinwand der Leipziger Malerin Franziska Holstein, die mit poppig leuchtenden Halbkreisen bedeckt ist: Halbkreise, die nie gleich aussehen und die das Ende bunter Streifen bilden, mal mehr oder weniger dick. Jan Nicolaisen zufolge steht Holstein für eine wichtige jüngere, nicht-figürliche Position. Man habe die Künstlerin bewusst gewählt, da sonst – wie überall – meist die Männer wahrgenommen würden: "Es gibt hervorragende Malerinnen auch in der jüngeren, so genannten Leipziger Schule. Wir haben uns für eine nicht-figürlich arbeitende Position entschieden, um auch diese Spannbreite der Malerei in Leipzig aufzuzeigen."

Franziska Holstein, Ohne Titel (M3-12), 2012 Bildrechte: Museum der bildenden Künste Leipzig / © Franziska Holstein

Holsteins Arbeitsweise erinnert mehr an die Konkrete Kunst oder den Konstruktivismus als an ihre Herkunft aus der figürlich agierenden Neuen Leipziger Schule, die auf keinem einzigen der fünf Plakatmotive gezeigt wird. Die Zugpferde bleiben bei dieser PR-Kampagne im Stall. Auch ist fraglich, warum gleich zwei Holländer präsentiert werden, statt Malerei aus einer anderen Epoche zu zeigen.

Rachel Ruysch "Stillleben mit Blumen und Früchten", 1707 Bildrechte: Museum der bildenden Künste Leipzig

Bei der Kampagne ging es auch darum, Erwartungshaltungen an die Malerstadt Leipzig zu durchbrechen, erklärt Sylva Dörfer, die im Bildermuseum verantwortlich für Marketing und Event ist:

"Die Idee war, die Stadt in eine Ausstellungsfläche umzuwandeln und die Rahmen wirklich als Kunstrahmen zu nutzen. Wir haben versucht, durch die Auswahl der Motive eine möglichst große Bandbreite zu zeigen und ich glaube, das ist das Spannende daran, dass im Idealfall jedem und jeder, der oder die diese Werke sieht, eins davon vielleicht gefällt oder sie begeistert davon sein könnten."

Hörstücke zum Bild per QR-Code

Endlich Party: Gerrit van Honthorsts "Musizierende Gesellschaft", 1629 Bildrechte: Museum der bildenden Künste Leipzig / Maximilian Speck von Sternburg Stiftung im MdbK

Für Handy-Affine gibt es zu jedem der fünf Bilder gar kurze Hörstücke zu erleben, wenn man mit dem Gerät den QR-Code auf den Plakaten scannt. So auch zur Amsterdamer Malerin Rachel Ruysch – das doch sehr didaktisch gesprochene Gendersternchen muss man aber mögen: "Wie ein Wunder müssen derartig brillante Wiedergaben der Natur auf die Augen der Zeitgenoss*innen gewirkt haben, die noch keine Fotografie kannten. Wer genau hinschaut, entdeckt, dass die Malerin die Formen der Blumen und Blätter genau wieder gegeben hat."

Über vier Monate waren die Leipziger Museen nun geschlossen. Da ist es schwer, im Bewusstsein der Stadt zu bleiben. Das Museum der bildenden Künste stemmt sich in seiner Plakatkampagne dagegen und setzt – klassisch – auf Malerei, mit einer Auswahl, die jedoch den belehrenden Zeigefinger nicht scheut.

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 15. März 2021 | 12:40 Uhr