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Museum im Schloss Friedenstein Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Forschung

Gotha: Erstes deutsches Museum geht langfristige Kooperation mit Russland ein

Stand: 15. Juni 2021, 08:10 Uhr

Die Stiftung Schloss Friedenstein Gotha unterzeichnet am Dienstag einen Vertrag mit dem Moskauer Puschkin-Museum. Nach eigenen Angaben ist es damit das erste deutsche Museum überhaupt, das eine langfristige Kooperationsvereinbarung mit Russland eingeht. Grund dafür sind die dort lagernden Sammlungsobjekte, die nach Ende des Zweiten Weltkriegs von den Sowjets aus Gotha abtransportiert worden. Politisch wurde eine Rückgabe in den vergangenen Jahrzehnten nicht diskutiert. Der Direktor der Stiftung Schloss Friedenstein, Tobias Pfeifer-Helke, ist aktuell in Moskau und mit MDR KULTUR im Gespräch.

MDR KULTUR: Was bedeutet diese Vereinbarung denn konkret? Ist das tatsächlich ein Schritt, um Kunstwerke zurückzuholen? Oder was ist das Ziel der Vereinbarung?

Eine der bedeutendsten Kunstsammlungen Russlands: Das Puschkin-Museum in Moskau. Bildrechte: IMAGO / ITAR-TASS

Tobias Pfeifer-Helke: Die deutschen Museen verhandeln seit Jahrzehnten über Rückführungen der kriegsbedingt verlagerten Kunstwerke nach Russland. Die Verhandlungen sind aus meiner Perspektive auch aufgrund des Duma-Gesetzes ins Stocken geraten. Selbstverständlich gab es bisher immer wieder Kooperationen mit einzelnen Projekte, wie das Donatello-Projekt mit den Berliner Kollegen. Die Dresdner-Kollegen sind mit der Tretjakow-Galerie mit einem großartigen Ausstellungsprojekt unterwegs. Aber das sind alles Strohfeuer, die dann auch wieder verpuffen und untergehen. Da muss man neue Projekte anschieben.

Und wir haben gesagt: Lasst uns doch auf einer wissenschaftlichen Ebene über einen längeren Zeitraum und eben auch thematisch ungebunden versuchen, eine wissenschaftliche Kooperation zwischen zwei Museen also, dem Puschkin-Museum und der Stiftung Schloss Friedenstein Gotha aufzubauen. Das heißt, es gibt kein konkretes Projektanliegen. Hintergrund sind selbstverständlich die Kunstwerke, die sich im Puschkin-Museum befinden. Aber es geht auch um andere Themen als Rückgabe oder Rückführung. Und erst das hat diese Verhandlungen und den Kooperationsvertrag möglich gemacht.

Also keine Rückgabe, aber wissenschaftliche Zusammenarbeit, das heißt, sie bekommen die Sammlung vielleicht wenigstens virtuell zu sehen. Oder wie muss man sich das vorstellen?

Genau. Wir leben ja in einem neuen Zeitalter, im Zeitalter der Digitalisierung. Die Kollegen in Russland geben sich die größte Mühe, die Informationen zu den Objekten zusammenzutragen. Die Objekte werden digitalisiert, sie werden wissenschaftlich hervorragend betreut und untersucht. Und auch die Stiftung Schloss Friedenstein Gotha hat jetzt ein millionenschweres Digitalisierungsprojekt, so dass man virtuell durchaus in der Lage ist, den einstigen Sammlungsschwerpunkt Gotha auch im Netz abzubilden und gemeinsame virtuelle Ausstellungen zu organisieren. Und das ist natürlich überaus reizvoll, die altdeutsche Malerei, den Cranach-Bestand virtuell zusammenzuführen und so gemeinsame Forschungsprojekte auf den Weg zu bringen.

Reicht Ihnen das fürs Erste? Wie ist der aktuelle Stand, was die Zahlen angeht – wie viele Sammlungsobjekte von Ihnen sind in Moskau?

Tobias Pfeifer-Helke, Direktor von Stiftung Schloss Friedensstein Bildrechte: MDR/Paul-Ruben Mundthal / Stiftung Schloss Friedenstein Gotha

Der Hintergrund ist natürlich, dass wir gern weitere Informationen zu den Objekten in Russland haben möchten, dass wir mit Restauratoren in den Depots arbeiten wollen, dass wir wissenschaftliche Projekte aufgleisen wollen, um perspektivisch zu erfahren, wieviele Objekte es in Russland gibt. Wieviele Objekte sind im Puschkin-Museum untergebracht? Wie sind die dort betreut? In welchem Zustand sind sie? Gibt es weitere Objekte, von denen wir möglicherweise im Augenblick noch gar nichts wissen? Wie können wir perspektivisch diese Objekte, die sich noch in Kisten befinden, wieder sichtbar machen? Wie können wir zumindest die Informationen zu diesen Objekten zur Verfügung stellen, um diesen Schatz auch ein Stück weit wieder zu heben.

Wie ist denn der aktuelle Stand bei den Versuchen, die Werke wieder zu bekommen? Das ist ja wirklich ein heikles Thema. Es geht um die Schuld der Deutschen im Zweiten Weltkrieg. Aber kann man davon ausgehen, dass mittlerweile eine jüngere Generation von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern übernommen hat, die vielleicht ein bisschen unverkrampfter an die Sache rangeht? Wie sieht die Kommunikation aus?

Die Zeiten ändern sich. Ja, wir merken, dass es eine große Offenheit gibt, dass die Wissenschaftler mit uns kooperieren möchten, dass wir auf einem sehr guten Weg der Zusammenarbeit sind, dass die Haltung auch des russischen Staates sich ändert. Auf der einen Seite ist es natürlich, wenn wir in Russland sind, auch sehr politisch. Auf der anderen Seite gibt es aber jetzt auch die Möglichkeit, auf der Arbeitsebene zusammenzuarbeiten. Die Russen haben in den letzten Jahren sehr viel Geld in die Hand genommen, um auch die Provenienzforschung zu entwickeln. Auch da gibt es zwischen unseren Häusern eine gute Kooperation. Wir sind sogar in der glücklichen Lage, dass wir eine Russin einstellen konnten, die auch hervorragende Kontakte nach Moskau hat. Alles das sind Punkte, die schon deutlich machen, dass wir auf ihre kulturellen Ebene sehr weit sind.

Blick auf Schloss Friedenstein mit dem Denkmal Herzog Ernst I. Bildrechte: IMAGO / photo2000

Haben Sie denn trotzdem Hoffnung, dass sich politisch vielleicht doch irgendwo mal etwas bewegt?

Also im Augenblick, glaube ich, sollten wir dieses Thema nicht anfassen und nicht berühren, sondern sehr vorsichtig damit umgehen. Es geht um die Kriegsgräuel der Deutschen im Zweiten Weltkrieg. Ich denke, da müssen noch ein paar Jahrzehnte ins Land gehen. Auch da ist aus meiner Perspektive nicht absehbar, wie sich das entwickelt. Aber wir sind natürlich sehr froh, dass wir trotz der einen oder anderen politischen Turbulenz, überhaupt in Moskau sein können. Und dass wir heute Mittag eine Kooperationsvereinbarung über einen relativ langen Zeitraum dann auch unterschreiben können.

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 15. Juni 2021 | 08:10 Uhr