Geschlossene Begleitausstellung Nach Havarie: Naturalienkabinett Waldenburg fühlt sich alleine gelassen

Das Naturalienkabinett in Waldenburg im Landkreis Zwickau ist nach der coronabedingten Pause wieder geöffnet. Die mit dem sächsischen Museumspreis ausgezeichnete Begleitausstellung kann seit einer Havarie im November 2019 jedoch nach wie vor nicht besucht werden. Objekte wurden beschädigt, mussten evakuiert und restauriert werden. Eine Sanierung des Raumes ist dringend erforderlich, doch alle Hilferufe des Museums wurden bisher ignoriert. Ein Skandal, findet auch Bürgermeister Bernd Pohlers.

Blick in die historische Sammlung im Naturalienkabinett von Museum Waldenburg. Mit Millionenaufwand wurde das Haus und die usstellung in den letzten drei Jahren auf den neuesten Stand der Technik gebracht.
Das Naturalienkabinett Museum Waldenburg ist eines der ältesten Naturkundemuseen Deutschlands. Bildrechte: dpa

Das Naturalienkabinett in Waldenburg findet sich in der zweiten Etage des Museums. Hier steht neben der bürgerlichen Gelehrtensammlung der Leipziger Apothekenfamilie Linck die Naturaliensammlung des Fürsten. Tierpräparate von heimischen Tieren, aber auch aus aller Welt stehen da neben Spiritusgläsern, in denen der Besucher zum Beispiel menschliche Föten in verschiedenen Entwicklungsstufen anschauen kann. Das Kalb mit den zwei Köpfen steht hier freilich auch und unendlich viele Käfer-, Schmetterlings- und Muschelkästchen. Sie sind liebevoll historisch beschriftet und laden zum Verweilen ein.

Havarie beendet Begleitausstellung abrupt

Ebenerdig, gleich neben dem neugestalteten Eingang, geht es zur Begleitausstellung. Einer Ausstellung, die das obige Naturalienkabinett erlebbar machen soll – oder sollte. Denn betritt man den Raum, ist hier eine Baustelle. Und ratlos in dem leeren Raum steht Museumsleiterin Fanny Stoye: "Nicht mal ein Jahr, nachdem die Begleitausstellung eröffnet werden konnte und kurze Zeit, nachdem wir den Sächsischen Museumspreis erhalten haben, haben wir festgestellt, dass wir offensichtlich ein Problem mit unserer Heizungsanlage haben."

Neben dem Havarie-Schaden habe man eine erhöhte Luftfeuchtigkeit und Wasser im Boden festgestellt. Daraufhin wurde die Begleitausstellung geschlossen, um Ursachenforschung zu betreiben, erzählt die Museumsleiterin weiter.

Moderne Begleitausstellung
Baustelle im Naturalienkabinett: Es gibt Probleme mit der Heizungsanlage, erhöhter Luftfeuchtigkeit und Wasser im Boden - bis heute. Bildrechte: Naturalienkabinett Waldenburg / Rechte: Betram Haude

Gutachten lässt auf sich warten

Der frisch verlegte Boden musste aufgemacht, die wertvollen Ausstellungsstücke gerettet werden. Das Museum forderte ein unabhängiges Gutachten an und seitdem passierte genau: nichts.

Allerdings stehen wir nach über anderthalb Jahren, ja, bis heute vor der Frage: Wer ist denn nun tatsächlich für den Schaden verantwortlich? Wir wissen es bis heute nicht.

Museumsleiterin Fanny Stoye

Vom zuständigen Amtsgericht Zwickau ließ sich erst nach einem Jahr im November 2020 ein Gutachter blicken. Ein Gutachten liegt jedoch bis heute nicht vor. Mittlerweile platzt auch Bürgermeister Bernd Pohlers der Kragen: "Wir haben im Frühjahr dann Corona gehabt. Es ist alles richtig, aber auf so eine lange Zeit kann man das nicht mehr an Corona festmachen. Wenn sie dann als erstes eine Mitteilung kriegen, nach über einem halben Jahr, wo sich nichts getan hat, dass sie erst noch mal einen weiteren Zuschuss leisten müssen von 8.000 Euro. Das frustet dann ja schon."

Sorge vor Folgeschäden wächst

Seit zwei Tagen hat das Museum nun wieder geöffnet. Zu sehen ist wie eh und je das alte Naturalienkabinett. Ein Umstand, den man niemandem mehr erklären kann, erzählt die Museumsleitung. Und auch Bürgermeister Pohlers müsse sich ständig im Stadtrat rechtfertigen. Zudem hatte man sich von der Begleitausstellung mehr Touristen erhofft. Von rund 45.000 Besuchern im Jahr waren wegen des erweiterten Naturalienkabinetts nämlich rund 15.000 in das malerische Städtchen im Landkreis Zwickau gereist.

Havariesituation
Das Museum ist wieder geöffnet, doch der Ansturm bleibt aus. Bildrechte: Naturalienkabinett Waldenburg / Rechte: Betram Haude

Zu den ausbleibenden Touristen kommen nun noch Folgeschäden hinzu, erklärt Museumsleiterin Fanny Stoye: "Wir haben ja durch dieses Wasser, das ganz nachweislich sich unterhalb des Bodens befindet und hier zu einer massiven Durchfeuchtung geführt hat, auch einen belegten Schimmelbefall mit Schimmelpilzen, die auf Dauer gesundheitsschädigend sein können". Auch die gesamte Bausubstanz könne auf Dauer gefährdet werden.

Für ein denkmalgeschütztes Gebäude, für ein Museum mit diesem einzigartigen Museumsbestand, den wir haben, ist es eine untragbare Situation.

Museumsleiterin Fanny Stoye

Einzigartige Präparate gefährdet

Die Begleitausstellung war übrigens auch entstanden, um einzigartige Exponate wie Papierpräparate oder auch Gläser durch ein modernes Raumklima zu schützen. Nun nagt wieder der Zahn der Zeit an ihnen. Die stellvertretende Museumsleiterin Sandy Nagy erklärt es an einem Parade-Beispiel: den Kunge-Gläsern. Die prächtigen farbigen Gläser stammen von Johannes Kunckel, dem berühmten Alchemisten von der Pfaueninsel.

Diese würden schon aufgrund ihrer Beschaffenheit an einer Glaskrankheit leiden: "Das ist, dass sich einzelne Ionen aus diesem Glas quasi wieder rauslösen. Also dieses Glas bröselt in die einzelnen chemischen Substanzen", erklärt Nagy. "Und jetzt stehen sie halt wieder oben da, wo man sie ja extra rausgeholt hat, weil sie dort nicht optimal geschützt, weil sie dort Sonnenlicht haben, weil sie dort Temperaturschwankungen und Feuchtigkeitsschwankungen ausgesetzt sind."

Begleitausstellung
Papierpräparate und Gläser sind durch das feuchte Raumklima besonders gefährdet. Bildrechte: Naturalienkabinett Waldenburg / Rechte: Betram Haude

Museum fühlt sich im Stich gelassen

Im zweiten Stock im Naturalienkabinett blicken die ausgestopften Tiere fast ratlos den Besucher an. Ein Faultierbaby scheint zu grinsen. Seine schiefen Zähne hat es von der Art des Präparierens. Auch dadurch wird es zu einem historisch wertvollen Exponat und zu einem stummen Zeugen einer sonderbaren Provinzposse, um Desinteresse an einem kulturellen Kleinod in Waldenburg.

"Würde Dresden, Leipzig, Erfurt oder Halle auf unserem Ortsschild stehen, hätte man uns längst geholfen", da ist sich Museumsleiterin Fanny Stoye sicher. Und trotzdem können Sie es einfach nicht fassen.

Mehr Informationen Museum – Naturalienkabinett Waldenburg
Geschwister-Scholl-Platz 1
08396 Waldenburg

Das Museum ist seit dem 1. Juni wieder geöffnet. Dienstag bis Freitag von 10 bis 16 Uhr und Samstag, Sonntag, an Feiertagen von 10 bis 17 Uhr.

Für den Besuch ist eine Anmeldung notwendig. Entweder telefonisch unter 037 608 / 22 519 oder per E-Mail an museum@waldenburg.de

Besucher und Besucherinnen ab 6 Jahren müssen ein tagesaktuelles, zertifiziertes negatives Testergebnis nachweisen bzw. einen Nachweis über die Impfung oder Genesung erbringen.

Ein Testzentrum mit Öffnungszeiten von Montag bis Sonntag befindet sich direkt gegenüber im Schloss Waldenburg.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. Juni 2021 | 12:40 Uhr

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