Zeitgenössische Kunst vs. Denkmalschutz Tagung zum Naumburger Dom: Ist der Weltkulturerbe-Status in Gefahr?

In Naumburg diskutieren ab Mittwoch Denkmalpfleger, Kunsthistoriker und andere Expertinnen über das umstrittene Altarprojekt "Triegel trifft Cranach" im Naumburger Dom. Den Altar hatte Lucas Cranach der Ältere 1519 für den Westchor geschaffen, doch der Mittelteil wurde 1541 zerstört. Seit Juli vervollständigt ein neues Gemälde des Leipziger Malers Michael Triegel den Altar, der nun wieder im Westchor steht. Aus Sicht der UNESCO gefährdet das den Weltkulturerbestatus des Naumburger Doms.

Der Marienaltar mit seinem dreiflügligen Aufsatz ist im Dom zu Naumburg
Der Marienaltar mit seinem dreiflügligen Aufsatz im Dom zu Naumburg gefährdet womöglich den UNESCO-Weltkulturerbetitel Bildrechte: dpa

Es ist eine verfahrene Situation: Die Vereinigten Domstifter zu Naumburg, die 2018 nach jahrelangem Bemühen den Welterbetitel einheimsen konnten, wollten offensichtlich eine weitere Attraktion: So konnten sie den prominenten Leipziger Maler Michael Triegel gewinnen, den 1519 von Lucas Cranach geschaffenen Marienaltar, der bereits kurz nach seiner Fertigstellung durch reformatorische Bilderstürmer zerstört wurde und von dem nur noch die Seitenflügel existieren, wieder zu vervollständigen.

Stiftsdirektor Holger Kunde erklärt es so: "Wir haben uns gedacht, dass ein Bildersturm nicht das letzte Wort der Geschichte sein kann." Aufgabe der Domstifter sei es eben auch, im kirchlichen Zusammenhang stehende Kunstwerke wieder ihrer Nutzung zuzuführen. So sei der Gedanke entstanden, das zerstörte Mittelteil des Marienaltars durch ein neues zu ersetzen und so "die zerhackte Maria" wieder in den Westchor des Doms zu bringen, so Kunde.

Der Leipziger Künstler Michael Triegel steht im Dom zu Naumburg vor einem dreiflügeligen Altaraufsatz.
Der Leipziger Künstler Michael Triegel steht im Dom zu Naumburg vor dem dreiflügeligen Marienaltar, dessen Mittelteil von ihm staamt. Bildrechte: dpa

Der Triegel-Altar im Naumburger Dom lockt Touristen an

Eigentlich ein Coup im Sinne des Tourismus, doch die Prämisse war eben, das dreiflügelige Retabel wieder an seinem Ursprungsort aufzustellen, also im Westchor, und genau darin liegt das Problem, sagt Manfred Schuller als Vertreter der ICOMOS, als beratendes Gremium der UNESCO. Denn gerade der Westchor mit den zwölf Stifterfiguren, darunter die berühmte Uta von Ballenstedt, und den Glasfenstern als Gesamtkunstwerk des Naumburger Meisters war maßgeblich für den Welterbetitel. Die Einheit von Architektur, Bildhauerei und Glasmalerei sei sehr sensibel aufeinander abgestimmt, so Schuller, "und zwar in einer Qualität, wie sie im 13. Jahrhundert selbst gegen Frankreich Bestand hat. Nur deswegen hat der Naumburger Dom seine Eintragung bekommen. Und die sehen wir jetzt durch diesen Altar, der 3,50 Meter hoch ist, gefährdet."

Die Kritik von ICOMOS hat mittlerweile auch die UNESCO in Paris alarmiert. Und auch in Sachsen-Anhalt wird heftig unter den Denkmalpflegern debattiert. Kulturminister Rainer Robra befürchtet, den mühsam errungenen Welterbetitel zu verlieren – und damit Prestige und Renommee. Doch gerade diese Auseinandersetzung deutet Domdechantin Karin von Welck vielmehr positiv. In diesem Sinn begründet sie auch die temporäre Aufstellung des Retabels und auch das nun angesetzte Kolloquium.

Der Marienaltar mit seinem dreiflügligen Aufsatz im Dom zu Naumburg in Nahaufnahme
Die Rückseite des Triegel-Cranach-Altars im Naumburger Dom Bildrechte: dpa

Diskussion über UNESCO-Welterbe vs. zeitgenössische Kunst

"Wir sind der Meinung, dass man solch eine Diskussion über so einen Altar gar nicht nach Papierlage führen kann", findet von Welck. Es sei wichtig, den Altar zunächst vor Ort aufzustellen, dann zu evaluieren und zu gucken, "wie wirkt es wirklich, damit diese Entscheidung dann auch wirklich profund gefällt werden kann."

Umso enttäuschter sind die Domstifter nun, dass keiner der eingeladenen Kritiker zur Tagung erscheinen wird, weder von ICOMOS, noch aus der Staatskanzlei. Es wird wohl eine sehr einseitige Veranstaltung, dabei wäre eine fundierte wissenschaftliche Diskussion über die Beziehung von Denkmalpflege und zeitgenössischer Kunst sowie die Standards der UNESCO durchaus spannend. Zumal der beispielhafte Altar am 5. Dezember abgebaut werden wird und auf Reisen geht. Denn als nächstes soll er in einer Ausstellung in Paderborn gezeigt werden.

Altarbild 8 min
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8 min

MDR um 11 Mi 23.11.2022 11:00Uhr 08:09 min

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Redaktionelle Bearbeitung: Hendrik Kirchhof

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. November 2022 | 07:40 Uhr

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