Bilder als Trophäen Lengefeld als Kunstversteck der Nazis: Wie Tizian gerettet wurde

Auf Befehl des sächsischen Gauleiters Martin Mutschmann wurden zum Kriegsende 1945 rund 200 Kunstschätze der Dresdner Gemäldegalerie nach Lengefeld im Erzgebirge gebracht. Darunter wertvolle Werke von Tizian oder Botticelli. Von der Rettung der Gemälde aus dem Schacht des Kalkbergwerks durch die Rote Armee erzählte 1960 heroisierend der DEFA-Film "Fünf Tage, fünf Nächte". Doch was geschah damals wirklich?

Aus: Kalkwerk Lengefeld – Licht und Schatten im weißen Berg
Tizians Gemäde "Der Zinsgroschen" gehörte zu den rund 200 Gemälden aus Dresden, die erst nach Lengefeld ausgelagert, dann in die SU abtransportiert und schließlich restituiert wurden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Besser als Carrara-Marmor: Mit diesem Versprechen punkten die Lengefelder Bergleute nach der Wende, als der Kalkabbau in dem Erzgebirgsort vor dem Aus steht. Und tatsächlich findet sich 1992 ein Investor, der den kostbaren Baustoff noch 23 Jahre lang aus der Tiefe holen lässt. Dann ist 2015 Schicht im Schacht. Dabei glauben manche in der Gegend bis heute, dass jenseits des weißen Steines noch ein dunkles Geheimnis ans Licht zu holen wäre.

Die Legende ...

Aus: Kalkwerk Lengefeld – Licht und Schatten im weißen Berg
Roberto Sachse von der Knappschaft Lengefeld Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Geschichte vom Lengefelder Berg als Kunstversteck der Nazis kennt auch Roberto Sachse als Vereinschef der Knappschaft. Vieles daran ist bis heute Legende.

Fest steht, dass erst zum Ende des Krieges 189 Kunstwerke der Dresdner Gemäldegalerie auf Befehl des sächsischen Gauleiters Martin Mutschmann nach Lengefeld ausgelagert werden, um sie vor den Bomben zu schützen. Darunter Gemälde von Tizian, Rubens oder Rembrandt.

... im DEFA-Film "Fünf Tage, fünf Nächte"

Aus: Kalkwerk Lengefeld – Licht und Schatten im weißen Berg
Schauspielerin Annekathrin Bürger Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dass die Nazis sie am Ende selbst zerstören wollen, damit sie dem Feind nicht in die Hände fallen, sowjetische Soldaten sie aber heldenhaft retten und lediglich zur Restaurierung nach Moskau abtransportieren, davon wird später sogar ein DEFA-Film erzählen: "Fünf Tage, fünf Nächte" heißt die Koproduktion mit den Moskauer Filmstudios. Inszeniert wird diese Version der Geschichte auch vor Ort im Kalkwerk als Kulisse. Die gerade 23-jährige Annekathrin Bürger spielt darin eine Hauptrolle. Sie erinnert sich noch lebhaft an die Premiere in Moskau:

Ich weiß noch, als der eine SS-Mann durch das Bild schießt, stöhnte der ganze Saal mit 1.500 Leuten auf.

Annekathrin Bürger Schauspielerin
Aus: Kalkwerk Lengefeld – Licht und Schatten im weißen Berg
An der Bruchsohle in Lengefeld Bildrechte: promovie / Oliver Kaufmann

Schließlich stirbt im Film sogar ein sowjetischer Feldwebel, als er versucht, den bei den Kunstschätzen gelagerten Sprengstoff zu entschärfen.

Vieles, was zum Kriegsende am Kalkwerk geschehen sein soll, weiß Roberto Sachse von seinem Vater. Oder von Bergleuten, die ihm berichten, sie seien dabei gewesen, als die Kunstwerke erst in den Berg hinein und dann wieder hinaus geschafft wurden. Hin und wieder führt Sachse heute noch Interessierte zur Bruchsohle und erzählt, wie eine Rutsche aus Hölzern gebaut worden sei, um die Gemälde hinunter zu befördern.

Katja Pinzer-Hennig und Andreas Pätzold sind nicht zum ersten Mal an diesem Tatort der deutsch-sowjetischen Geschichte. Sie haben ihn einst als Schüler besucht.

Sprengmeister Götze berichtet den Pionieren

Aus: "Ein Brief an Natalja Nikolajewa"
Sprengmeister Gerhard Götze Bildrechte: Der Osten - Entdecke wo du lebst / Deutsches Rundfunkarchiv

Mit einer Pioniergruppe kommen sie 1975 nach Lengefeld und hören den Sprengmeister Gerhard Götze Unglaubliches berichten. 24 Löcher habe er bohren sollen für Ladungen, um eine ganze Wand zu sprengen, "wenn der Ami von Sigmar kommt". Dann wären die Gemälde für immer begraben. Doch er habe sich geweigert und gesagt: "Die können machen, was sie sollen, wir schießen das nicht ein." Roberto Sachse hat da andere Quellen:

Es gibt ein paar ketzerische Sprüche in der Richtung, dass der Sprengmeister den Vaterländischen Verdienstorden in Bronze dafür bekam, Zündschnüre durchzuschneiden, die gar nicht da gewesen sind.

Roberto Sachse Knappschaft Lengefeld
Aus: "Ein Brief an Natalja Nikolajewa"
Dokument der Schäden an Tizians "Zinsgroschen" Bildrechte: Der Osten - Entdecke wo du lebst / Deutsches Rundfunkarchiv

Damals dürfen die Schülerinnen und Schüler nicht nur in die offene Sohle von Lengefeld, um die Geschichte der Rettung zu erforschen. Sie haben zuvor die inzwischen restaurierten Schätze von Tizian, Rubens oder Rembrandt in der Dresdner Gemäldegalerie bestaunt. Umso barbarischer finden Andreas und Katja den zerstörischen Plan, von dem sie danach in Lengefeld hören. In den Werkstätten hat man ihnen außerdem Fotos gezeigt, die die Schäden durch die Lagerung im feuchten Schacht dokumentieren sollen. Tizians "Zinsgroschen" habe fürchterlich ausgesehen, erinnert sich Katja Pinzer-Hennig noch heute.

Rettung in letzter Sekunde?

Roberto Sachse meldet auch hier Zweifel an. Die Bilder seien anders als im DEFA-Film zu sehen, nicht offen in den Schacht gestellt, sondern in Kisten verpackt gewesen. Sogar eine Klimaanlage habe man installieren wollen. Entstanden seien die Schäden beim Abtransport im Sommer 1945 in die Sowjetunion.

Das war schon das Einsammeln von Kriegsbeute. Man kann es ihnen nicht verübeln. Die Deutschen haben es ähnlich gemacht, wollen wir mal ganz ehrlich sein.

Roberto Sachse Knappschaft Lengefeld
Aus: Kalkwerk Lengefeld – Licht und Schatten im weißen Berg
Andreas Paetzold und Katja Pinzer-Hennig in Lengefeld Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Von der Trophäenbrigade der Roten Armee, die Kunstschätze quasi als Wiedergutmachung für Kriegsgräuel und Zerstörung von sowjetischem Kulturgut durch die Deutschen einsammeln, hören Andreas und Katja 1975 nichts. Obwohl die damals Elfjährigen auch eine Kunstwissenschaftlerin treffen, die beim Abtransport dabei gewesen ist. Wie eine liebe Mutter mit ihrem kleinen Kind, so sorgsam seien die Soldaten der Roten Armee mit den Gemälden umgegangen, erzählt sie zu den Umständen der Rettung in letzter Sekunde.

Elf Jahre in der Sowjetunion

Tizian (Tiziano Vecellio): Der Zinsgroschen, um 1516, Öl auf Pappelholz 75 x 56 cm
Tizian: Der Zinsgroschen Bildrechte: Elke Estel/ Hans-Peter Klut

Elf Jahre bleiben die Gemälde in der Sowjetunion, ehe der Großteil ab 1955 nach Dresden zurückkehrt. 1960 entsteht der Film, für den sich Annekathrin Bürger nach der Wende einiges anhören muss: "Nach der Wende kam so ein Museumsmensch und beschimpfte mich, wie verlogen der Film sei, als ob ich den allein gemacht hätte. Da war ich richtig sauer und bin einfach gegangen."

Die Schauspielerin erinnert sich an die Herzlichkeit und Wärme bei den Dreharbeiten, die gegenüber einer Deutschen ja so nicht unbedingt zu erwarten gewesen wären. Dass die Geschichte von der Bilder-Rettung ein bisschen heroisiert worden sei, störe sie nicht, sagt Bürger, angesichts des großen Kriegsopfers von 20 Millionen Toten, die das Land habe erbringen müssen. Die Petersburger Kunsthistorikerin Irina Alter, die seit 24 Jahren in Deutschland lebt und seit 2010 zum Thema forscht, merkt an, dass es sich um einen Spielfilm und keine Nachstellung der Ereignisse handle.

Anfangs kein Plan zur Rückgabe

Aus: Kalkwerk Lengefeld – Licht und Schatten im weißen Berg
Kunsthistorikerin Irina Alter in Dresden Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dass die Bergung aus dem feuchten Stollen von Lengefeld damals für die Gemälde "eindeutig überlebenswichtig" gewesen ist, daran hat Irina Alter keinen Zweifel. Sie verweist auf den Gaukulturhauptstellenleiter Arthur Graefe, der den sowjetischen Vertreter der Trophäenbrigade Leonid Rabinowitsch im Mai 1945 nach Lengefeld begleitet und später darüber geschrieben habe: "Laut Graefe tropfte es unablässig von den Wänden und Decken der Kalksteinhöhle, die Temperatur lag nur wenig über Null."

Eine Rückgabe der Gemälde nach der Restaurierung sei allerdings anders als im Film "Fünf Tage, fünf Nächte" anfangs nicht geplant gewesen, fügt Alter hinzu:

Die Kunstwerke wurden als Trophäen, als Entschädigung aus Deutschland mitgenommen. Man hatte Pläne, ein Museum in Moskau zu errichten. Das sollte den Louvre in den Schatten stellen.

Irina Alter Kunsthistorikerin

Dennoch kommt Alter zu dem Schluss, dass die Rolle des Zufalls damals anscheinend viel gewichtiger gewesen sei als heute angenommen. Sie bezieht sich auf das Privatarchiv von Rabinowitsch, das sie einsehen konnte. "Daraus geht hervor, dass der Unterleutnant beim Kommandeur seines Bataillons nach dem Eintreffen am 8. Mai 1945 in Dresden erst darauf dringen musste, den Zwinger auszukundschaften. Orientiert hat er sich demnach anhand eines touristischen Reiseführers, den er im April in der Stadt Spremberg fand." Eben jener Rabinowitsch berichte auch, wie er im Albertinum eine "blinde Karte" gefunden habe, die ihn zu den Kunstschätzen nach Lengefeld führte. Freilich gebe es auch eine zweite Version der Fundgeschichte, demnach - so Alter - wurden die Vertreter der Roten Armee von deutschen Museumsleuten informiert, die Zerstörung oder Plünderung der ausgelagerten Werke fürchteten.

Die Sensation 1955

Aus: Kalkwerk Lengefeld – Licht und Schatten im weißen Berg
Auch Boticellis "Maria mit dem Kind und dem Johannesknaben" war in Lengefeld eingelagert und wurde abtransportiert und später restituiert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Fest steht, dass sich die sowjetische Haltung zur Rückgabe erst rund zehn Jahre nach Kriegsende ändert. Nach Stalins Tod, nach der Niederschlagung des Arbeiteraufstandes in der DDR 1953 und mitten im Kalten Krieg, wird von Seiten der Sowjetunion und für die Öffentlichkeit im März 1955 völlig unerwartet verkündet, dass die Gemälde der Dresdner Galerie "dem deutschen Volk" zurückgegeben werden, allen voran die "Sixtinische Madonna". Eine Sensation und zugleich das perfekte Happy End der Geschichte von der Bilderrettung. Verbunden ist damit laut Alter wohl auch eine Hoffnung:

Einer der wichtigen Beweggründe für die Rückgabe war auch die Hoffnung, dass man eigene Werke zurückbekommt von der deutschen Seite. Da hat man sich geirrt. Man hat nicht mehr viel gefunden.

Irina Alter Kunsthistorikerin

Ebenfalls im Jahr 1955 publiziert Leonid Rabinowitsch das Buch "Sieben Tage", in dem er die Zeit nach dem Einmarsch der Roten Armee in Dresden schildert. Er bringt es unter dem Pseudonym Leonid Wolynski heraus. Es wird zur Vorlage für den Film "Fünf Tage, fünf Nächte", den Regisseur Leo Arnstam 1960 dreht. Darin wird sogar die Beutekunst-Frage verhandelt. Alter findet es allerdings bezeichnend, dass statt des jüdischen Unterleutnants Leonid Rabinowitsch ein russischer Kapitän Leonow zum Hauptprotagonisten des Filmes wird: "Eine solche Figur passte besser in das Heldenmuster der damaligen Zeit."

Immer noch verschollen: Rund 40 Bilder aus Lengefeld

Längst nicht alle Dresdner Gemälde sind zwischen 1955 und 1959 aus der Sowjetunion zurückgekommen. Sie gelten als vermisst, vielleicht geplündert, irgendwo in Depots russischer Regionalmuseen verschollen. Auch rund 40 der aus Lengefeld abtransportierten Gemälde sind unauffindbar. Ihr Verbleib sorgt bis heute für Spekulationen. Irina Alter sieht die Beutekunst-Frage als "längst nicht gelöst", auch wenn vieles wohl unwiderruflich zerstört sei.

Stichwort: Kunst als Beute

Mit dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 begann auch die Zerstörung von Kulturgütern. Es wurde vernichtet, aber auch systematisch geraubt, etwa durch den Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR) - die Raubkunstorganisation der NSDAP, die SS-Organisation Ahnenerbe oder das Sonderkommando Künsberg, die Museen, Bibliotheken und Archive durchforsteten. Nahezu komplett zerstört wurde im November 1941 die Schlossanlage Peterhof, das Inventar wurde von Soldaten und Offizieren auch für private Zwecke geplündert.

Im November 1942 wurde in der Sowjetunion eine Sonderkomission gegründet, die sich mit der Untersuchung von Gräueltaten und dann auch der Zerstörung von Kulturgütern durch die Deutschen befassen sollte. In diesem Zusammenhang wurden auch Listen erstellt zu Kunstwerken in deutschen Museen, die als Kompensation herangezogen werden sollten.

Die Sonderkommission bildete ab Februar 1945 die so genannte Trophäenbrigade mit Kunstexperten in Uniform, die in Deutschland Kunstwerke aufspüren sollte.

Nach Stalins Tod änderte sich die Politik. Im März 1955 beschloss der Ministerrat der UdSSR die Rückgabe eines Teils der aus deutschen Museen geraubten Sammlungen. Zwischen 1955 und 1959 kehrten Kunstwerke wie die berühmte "Sixtinische Madonna" nach Dresden zurück.

Erst Anfang der 1990er-Jahre wurde bekannt, dass allein in Dresden noch etwa 450 Gemälde fehlen.

Seit 2005 bemüht sich der Deutsch-Russische Museumsdialog um Aufklärung über die verschollenen Kulturgüter.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 18. Mai 2021 | 21:00 Uhr

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