Nachhaltigkeit Thüringer "Kulturfabriken"-Netzwerk will alte Industriekultur neu nutzen

Wie sollen die Städte der Zukunft aussehen? Wie will man mehr Raum für das Wohnen schaffen? Abreißen und neu bauen ist keine Lösung mehr. Denn allein 58 Prozent des Abfalls stammen aus der Bauwirtschaft – und sie ist für zwei Drittel der CO2-Emissionen weltweit verantwortlich. Für eine nachhaltige Planung der Städte heißt es: Das ausbauen, was schon da ist. Das neu gegründete Netzwerk "Kulturfabriken.eu" will den Flächenverbrauch durch Neubauten stoppen, dafür Industriekultur erhalten und in dem Mauerwerk aus dem 18. oder 19. Jahrhundert eine neue Nutzung etablieren. In der (noch) leerstehenden Lederfabrik in Pößneck hat sich das Netzwerk nun zum ersten Mal getroffen und überlegt, wie man die Industriekultur in Mitteldeutschland besser nutzen kann.

Eine alte Lederfabrik aus dem 19. Jahrhundert – später wurde sie als Getreidewerk genutzt. Und heute? Heute steht das Gebäude in Pößneck fast leer und es ist nicht das einzige: 20 Hektar Fläche Industrie-Erbe gilt es in Pößneck rundherum neu zu denken. Nicht nur hier in der thüringischen Stadt, in der das erste Netzwerktreffen für Industriekultur stattfand.

"Wir haben in den 90er-Jahren Industriekultur abgerissen, in den 2000er Jahren – die sind heute eine Wunde", sagt Frank Bachmann von der Bau- und Stadtentwicklung in Pößneck. Manchen Gebäuden würde man heute nachtrauern und vieles anders machen in der Städteplanung und beim Denken von Architektur: "Weil das, was nachgekommen ist, das ist nicht das, was man als Stadt möchte."

Ein Umdenken im Baugeschehen findet statt

Lederfabrik Pößneck
Ein Teil des Geländes der Lederfabrik Pößneck. Hier fand auch das erste Netzwerktreffen von Kulturfabriken.eu statt. Bildrechte: Jan Kobel / Initiative Industriekultur

Ein Umdenken findet statt - hin zu dem Bestand alter Fabriken und Industriehallen, die man vielleicht wieder nutzen könnte. "Wenn wir das verlieren, dann ist es für nachfolgende Generationen verloren und das darf einfach nicht passieren", betont Bachmann. Und so kamen auf diesem Netzwerktreffen erstmals Vertreter der Kommunen, private Investoren, aber auch Stadtplaner und Mitarbeiter der Landesbehörden und der Ministerien zusammen, bei letzteren stoßen diese Gedanken mittlerweile auf offene Ohren. "Weil es auch darum geht, Städte nachhaltig zu planen und Bauschutt und Abfälle zu vermeiden", sagt Hans-Rudolf Meier von der Bauhaus Universität in Weimar. Weiter betont er: "58 Prozent des Brutto-Abfall-Aufkommens in der BRD sind aus der Bauwirtschaft. Und weltweit sind mehr als zwei Drittel der CO2 Emissionen ebenfalls vom Bau. Also es braucht da ganz radikale Einschnitte, wenn wir tatsächlich die Klimaziele erreichen wollen."

58 Prozent des Brutto-Abfall-Aufkommens in der BRD sind aus der Bauwirtschaft.

Hans-Rudolf Meier, Bauhaus Universität Weimar

Meier liegt daran, das Thema Industriekultur weiter zu denken. Gerade die junge Generation der künftigen Architekten und Architektinnen, die er in Sachen Denkmalschutz ausbildet, hätten andere Erwartungen an den Umgang mit Bausubstanz. Sie fragten: "Was kann man im Bauwesen, was kann man mit der Architektur gegen den Klimawandel machen und da ist der Aspekt – wir müssen mit dem Bestand arbeiten, wir können nicht mehr abreißen und neu bauen – der ist dann naheliegend. Das ist etwas, was unmittelbar existenziell von den Studierenden empfunden wird und die wollen, dass sie entsprechend ausgebildet werden."

"Kulturfabriken.eu" will den Flächenverbrauch stoppen

Den Flächenverbrauch durch Neubauten stoppen, dafür Industriekultur erhalten und in dem Mauerwerk aus dem 18. oder 19. Jahrhundert eine neue Nutzung etablieren - das sind die Ziele der Initiative "Kulturfabriken".

Lederfabrik Pößneck
Ein Teil des Geländes der Lederfabrik Pößneck. Hier fand auch das erste Netzwerktreffen von Kulturfabriken.eu statt. Bildrechte: Jan Kobel / Initiative Industriekultur

Pößneck und das Umdenken rund um die alte Lederfabrik könnte ein Anfang sein, auch um damit Angebote für Wohn- und Arbeitsraum zu schaffen, die anderswo nicht zu haben oder schwer zu bezahlen sind. Es ist nur ein Beispiel für viele in ganz Thüringen. Auch im zuständigen Landesministerium für Infrastruktur betrachtet man mittlerweile den Abriss skeptisch und setzt sich eher konstruktiv mit Industriekultur auseinander, so Anja Maruschky: "Mein Ansinnen wäre tatsächlich, auch die Potenziale zu nutzen. Das wir die vermeintlichen Brachflächen, die ja meist mit Industriekultur verknüpft sind, eben auch als Potenzial und Chance zu sehen und mit ein bisschen übergreifendem Denken den einfacheren Weg 'Neubau auf der Wiese' eben nicht zu gehen. Wir haben Bedarf, Dinge weiterzuentwickeln."

Bauhaus-Studenten als Ideen-Lieferanten

Unterstützung bieten könnten an dieser Stelle auch die Studierenden aus Weimar, so der Plan von Hans-Rudolf Meier von der Bauhaus-Universität: "In den Kommunen haben sie vielfach nicht die Möglichkeiten, sich lange Gedanken darüber zu machen, was man mit solchen Gebäuden machen könnte. Wir an der Hochschulen haben die Möglichkeiten, mit Studierenden Dinge auszuprobieren, experimentell: Überlegt doch mal, was kann man da machen? Also wir verstehen uns so ein bisschen als Impuls- und Ideenlieferanten."

Wenn alles klappt, möchte Pößneck in zwei Jahren an diesem Ort – der alten Lederfabrik von 1880 – zur Industriekultur-Biennale für Thüringen einladen.

 

Lederfabrik Pößneck
Ein Teil des Geländes der Lederfabrik Pößneck. Hier fand auch das erste Netzwerktreffen von Kulturfabriken.eu statt. Bildrechte: Jan Kobel / Initiative Industriekultur

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. Juli 2021 | 07:40 Uhr

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