Kunstlandschaft Die "Neue Leipziger Schule" – eine Erfindung von 1987?

Die Dynamik, welche die "Neue Leipziger Schule" in den sogenannten "Nullerjahren" entfaltete, wird von Zeitzeugen als eine Art Naturereignis beschrieben. Abenteuerliche Berichte von internationalen Finanz-Tycoonen, die ganze Kunst-Ausstellungen aufkauften, machten die Runde. Alle Welt war begeistert von dem neuen deutschen Malereiphänomen, mit dessen Titel noch heute gehadert wird. Wie auch schon in den 80er-Jahren, als der Begriff "Die Neue Leipziger Schule" von einem Karikaturisten-Quartett aus Leipzig erfunden wurde.

Mit dem Aufkleber 'Die Neue Leipziger Schule' fahren Schade, Mueller und Forchner in der Bundesrepublik herum. 5 min
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MDR KULTUR - Das Radio Mo 25.01.2021 06:00Uhr 04:42 min

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Ob es eine Idee in fröhlicher Runde war oder nur Kalkül, das wissen die Vier heute selbst nicht mehr genau. Was sich jedoch dem Vergessen entreißen lässt, ist der Fakt, dass den Leipziger Grafikern und Malern Rainer Schade, Ulrich Forchner, Andreas J. Mueller und Lutz Hirschmann im Jahr 1987 der Gedanke kam, eine Künstlervereinigung zu gründen, in der sie karikaturistisch agierten.

Alle vier waren Absolventen der Hochschule für Grafik und Buchkunst, hatten teils bei den Gründervätern der "Leipziger Schule" studiert – da lag der Gedanke der "Neuen Leipziger Schule" nahe. Zudem wurde ein Label gesucht, das auch Kunstfreunde im Westen deuten konnten, war doch im Mai 1988 ebenda, in Bergisch-Gladbach, eine Ausstellung geplant, die Cartoons und Karikaturen der Vier präsentieren wollte. Ein schmissiger Ausstellungstitel war gesucht: "Neue Leipziger Schule". Rainer Schade erinnert sich:

Wir wollten auch ein bisschen stänkern, wir wollten Spaß haben, wir wollten das Leben etwas satirischer sehen und nicht so verknöchert in den letzten DDR-Jahren, und da hatten wir kein großes Programm, außer dass wir machen wollten, wonach uns der Sinn stand.

Rainer Schade, Künstler

Und Ulrich Forchner ergänzt: "Ja, dass es wie so eine Art Geschäftsidee ist, dass ich da ein Label habe und vermeintlich gut verkaufen kann. Die sogenannte Anerkennung der Malerei ist bei vielen Menschen höher, während sie bei Karikatur denken: 'Ja, der kritzelt da nur vor sich hin'."

Wie die Satire der "Neuen Leipziger Schule" in der DDR ankam

Karikatur 'Der Mann mit der gespaltenen Zunge'
Rainer Schades Karikatur "Der Mann mit der gespaltnen Zunge" Bildrechte: Rainer Schade

Mit dem Titel "Neue Leipziger Schule" lehnte man sich an den Titel der "Neuen Frankfurter Schule" an, einer Gruppierung von Autoren und Zeichnern, die aus der in Frankfurt am Main beheimateten Satirezeitschrift "Pardon" hervorging. Deren Begründer bezogen sich im Titel wiederum auf die "Frankfurter Schule" mit Akteuren wie Adorno und Habermas. Der Mechanismus, dass sich satirisch agierende Künstler plus des Beinamens "Neu" alter Etiketten bedienen, um darunter ihre Einlassungen zu verbreiten, scheint jedoch älter zu sein. So gab es 1973 in Westberlin die "Schule der Neuen Prächtigkeit" mit dem Hauptvertreter Johannes Grützke, die sich einem satirischen Realismus verschrieben hatten, in ironischer Brechung des Genres der Historienmalerei.

Und wie kam nun die Satire der "Neuen Leipziger Schule" Ende der 80er-Jahre in der DDR an? Man ließ sie gewähren, erzählt Rainer Schade. Die Vier waren gern gesehene Gäste auf Karikaturen-Ausstellungen im Inland sowie im sozialistischen Ausland. Schade und Forchner erzählen: "Kunst war in dem Sinne nicht druckgenehmigungspflichtig. Insofern haben wir Werke geschaffen, Radierungen, Lithografien und in diesem speziellen Falle Siebdruck, völlig fernab der Zensur, die dann auch in die Öffentlichkeit kommen konnten". Und so tummeln sich auf Rainer Schades Postkarten etwa Männer mit gespaltener Zunge oder auch jede Menge satirisch kommentierte Mauer-Versatz-Stücke.

Hinzu kamen auch ein Plakat zur "Neuen Leipziger Schule" für die einzige Ausstellung der Gruppe in Bergisch-Gladbach und Aufkleber mit Namenszug, die Ulrich Forchner entwarf – heute handelt es sich um begehrte Sammel-Objekte. "Die Gesamtgestaltung, heute würde man sagen Corporate Design, bezieht sich darauf, dass ich als gelernter und studierter Grafiker, früher hat man gesagt Gebrauchsgrafiker, einen Zugang und die Möglichkeit hatte, die Dinge zu drucken. Den Namenszug 'Neue Leipziger Schule' beispielsweise druckte ich im Siebdruck, bei meinem alten Drucker in Leipzig, der Firma Tauer, die es heute noch gibt", erinnert sich Forchner.

Die Auferstehung des Begriffs "Neue Leipziger Schule"

Mit dem Aufkleber "Die Neue Leipziger Schule" – auf einen sozialistisch-roten Moskvitch gepappt – fuhren Schade, Mueller und Forchner schließlich in der Bundesrepublik herum. Hirschmann ließ die DDR nicht raus. Dass einzig Rainer Schade zurückkehrte und Andreas J. Mueller und Ulrich Forchner republikflüchtig im Westen blieben, gehört zu den vielen Nebensträngen dieser tolldreisten Geschichte, erklärt aber wohl, warum die DDR nicht daran interessiert war, den Begriff "Neue Leipziger Schule" weiter zu befördern – und warum er erst in den sogenannten "Nullerjahren" mit völlig anderen Protagonisten, Malern, seine Auferstehung feierte. Rechtlich hatten sich die Vier den Begriff "Neue Leipziger Schule" nicht schützen lassen.

Rainer Schade, Andreas J. Mueller und Ulrich Forchner in einem roten Moskvitch
Rainer Schade, Andreas J. Mueller und Ulrich Forchner fahren in einem roten Moskvitch durch die Bundesrepublik Bildrechte: Sylvia Schade

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 25. Januar 2021 | 07:10 Uhr

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