Weihung vor 20 Jahren Dresden: Wie sich die Neue Synagoge alten Ängsten stellt

Am Jahrestag der Zerstörung der alten Synagoge Dresdens durch die Nationalsozialisten am 9. November 1938, wurde an gleicher Stelle mehr als 60 Jahre später die Neue Synagoge eingeweiht. Seit mittlerweile 20 Jahren ist die jüdische Gemeinde mit diesem modernen Gotteshaus wieder mitten im Herzen Dresdens präsent. Der Sakralbau mit seiner einzigartigen Architektur sollte sich bewusst zur Stadt hin öffnen. Doch genau das wird nun zum Problem.

Neue Synagoge Dresden
Die Neue Synagoge in Dresden befindet sich am Hasenberg 1 am erhöhten Altstadtufer der Elbe. Bildrechte: imago images/Sylvio Dittrich

Wenn Herbert Lappe zu dem sandsteingelben Kubus der Neuen Synagoge im Herzen Dresdens aufschaut, erblickt er noch immer eine große Symbolik. "Dass an einem markanten Ort in Dresden Juden wieder sichtbar sind – das ist für mich das Wesentliche", sagt der 75-Jährige. Er ist eines der ältesten Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Dresden. Lappe zeigt auf ein Metallband am Fuß der Neuen Synagoge: Es sind die Umrisse des von Gottfried Semper entworfenen Vorgängerbaus. Diese Alte Synagoge war bei den Pogromen am 9. November 1938 zerstört worden – genau 63 Jahre später, am 9. November 2001, wurde die Neue Synagoge geweiht.

Dass an einem markanten Ort in Dresden Juden wieder sichtbar sind – das ist für mich das Wesentliche.

Herbert Lappe Mitglied der jüdischen Gemeinde Dresden

Herbert Lappe hat damals den Bau im Gemeindevorstand und Bauausschuss mitbegleitet. Es entstand ein kunstvoll gen Jerusalem gedrehter Beton-Kubus. Auch im Inneren gaben ihm seine Architekten eine starke Botschaft: Die Gemeinde sitzt in einem Zelt aus feinem Metallgewebe: "Die jüdische Geschichte hat ja immer das Element der Bewegung – ob freiwillig oder nicht freiwillig. Und sie hat das Statische – der Tempel ist der höchste Ausdruck davon", erklärt Herbert Lappe. "Das Zelt soll die Beweglichkeit ausdrücken. Und der Koloss aus schweren Steinen den Wunsch, irgendwo fest zu sein."

Architektur der Neuen Synagoge spaltet die Gemüter

Der Dresdner Stadtplaner Gunter Just – vor 20 Jahren Baubürgermeister in Dresden – ist noch immer überzeugt von der Gestalt der Neuen Synagoge. "Er ist in keiner Weise modisch wie so vieles, was heute entsteht. Diese Arbeit ist so selbstverständlich zurückgenommen und dabei trotzdem ausdrucksstark", sagt der als kritischer Kopf bekannte Architekt. Doch auf der Straße vor der Neuen Synagoge sind nicht alle Dresdner so überzeugt von dem Bau. Ein Blickfang, sagen die einen – zu eckig und kalt, sagen andere. Kalt ist die Geschichte, aus der die Neue Synagoge Dresden kommt, in der Tat. Als sie erbaut wurde, war Heinz-Joachim Aris der Geschäftsführer der jüdischen Gemeinde. Er hatte den Holocaust in Dresden überlebt. Über den fast fensterlosen Bau der Neuen Synagoge soll er gesagt haben: "Das ist ganz gut, das ist sicherer", erinnert sich Herbert Lappe an das Gespräch mit dem mittlerweile verstorbenen Aris.

Synagoge Dresden
Die Synagoge ist ein Ort der Erinnerung: Sie wurde an der Stelle errichtet, an der bis 1938 die Alte Synagoge von Gottfried Semper stand. Bildrechte: IMAGO / Sylvio Dittrich

Verstärktes Sicherheitsaufkommen nach Anschlag auf Synagoge in Halle

Diesen alten Ängsten stellten die Architekten der Neuen Synagoge ein Gemeindehaus mit einer großen Glasfassade gegenüber – dazwischen einen offenen Hof mit einem Café. Dann kam der 9. Oktober 2019: das Attentat in Halle am jüdischen Fest Jom Kippur. Als die Dresdner jüdische Gemeinde an diesem Tag aus ihrem Gottesdienst kam, blickten sie auf schwer bewaffnete Polizisten auf den umliegenden Dächern. "Wir waren alle so erschrocken", erinnert sich Michael Hurshell, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Dresden. "Dann war uns auch klar: Diese außerordentliche Offenheit des Gebäudes mit dem vielen Glas, mit diesem schönen offenen Hof und den offenen Türen – bei uns wäre ein solcher Attentäter einfach hereinspaziert."

Die Glasfront war ja Absicht: Wir sind transparent, ihr seid willkommen – ein sehr schöner Gedanke.

Michael Hurshell Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Dresden

Synagoge Dresden
Die Gemeinderäume der Synagoge sind mit einer Glasfront versehen. Bildrechte: IMAGO / Torsten Becker

Auf Drängen des Landeskriminalamts wird die Sicherheit der Neuen Synagoge in Dresden nun verbessert – auch wenn ihre Architektur nicht angetastet werden soll. "Die Glasfront war ja Absicht: Wir sind transparent, ihr seid willkommen – ein sehr schöner Gedanke", sagt der Gemeindevorsitzende Michael Hurshell. "Um die Jahrtausendwende hat sicherlich niemand gedacht, dass es mal eine Zeit gibt, in der man darüber nachdenken muss, dass das gefährlich ist." – Einladend aber, das ist Michael Hurshell und der jüdischen Gemeinde wichtig, soll ihre Neue Synagoge bleiben. Auch mit dickerem Glas.

Jüdisches Leben in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. November 2021 | 07:10 Uhr

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