Jubiläum 50 Jahre Karl-Marx-"Nischel" in Chemnitz – feiern oder nicht?

Das beliebteste Fotomotiv in Chemnitz wird 50. Die zweitgrößte Porträtbüste der Welt wurde am 9. Oktober 1971 enthüllt, in Karl-Marx-Stadt, wie die Stadt von 1953 bis 1990 hieß. Entworfen hatte sie der sowjetische Bildhauer Lew Kerbel. Jetzt gibt es eine große Geburtstagsparty für den "Nischel", wie das Monument im Volksmund genannt wird. Aber ist das angemessen? Ein Interview mit Frédéric Bußmann, dem Leiter der Kunstsammlungen Chemnitz.

MDR KULTUR: Karl Marx, der Kopf in Chemnitz, wird jetzt offiziell gefeiert mit einer Party zum 50. Geburtstag. Frédéric Bußmann, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie an der großen Brückenstraße in Chemnitz diesem Sieben-Meter-Kopf gegenüberstehen?

Frédéric Bußmann: Ich bin tatsächlich hin- und hergerissen. Zum einen ist das ein grimmig dreinblickender, etwas unfreundlicher weißer alter Mann, der mich da anschaut, Symbol der Diktatur und der Unterdrückung, natürlich auch in der ganzen Komposition der Anlage so ausgeführt: Die Partei hat immer Recht. Und ich bin nur ein kleines Würmchen, wenn ich da langlaufe.

Auf der anderen Seite finde ich, das gesamte Ensemble mit der Stadthalle, dem Park und Skulpturenprogramm – die Stadthalle selbst ist ja im Inneren auch ein Gegenprogramm zu Karl Marx – bettet das wieder ein, in einem bestimmten Kontext, der aus der Distanz, aus heutiger Sicht, wieder interessant ist.

Ich bin ganz froh, dass die Stadt Chemnitz sich dazu durchgerungen hat, den Marx-Kopf nicht abzureißen, das ganze Ensemble stehen zu lassen, weil das Ganze doch auch eine gewisse Faszination hat. Das kann man wirklich nicht verhehlen. Das hat was Ikonenhaftes. Und heute geht es darum, aus dieser ambivalenten Situation, durchaus diesen Schrecken, den das haben kann, auch das Positive zu suchen. Das hat fast etwas Pop-Ikonenhaftes – und das auch ein Stück weit zu wenden für die Stadt.

Noch einmal den Kunsthistoriker in Ihnen gefragt: Wo sortieren Sie dieses Denkmal kunsthistorisch ein?

Frédéric Bußmann, neuer Generaldirektor, steht vor den Kunstsammlungen Chemnitz.
Frédéric Bußmann, Generaldirektor der Kunstsammlungen Chemnitz Bildrechte: dpa

Es ist eine staatliche Monumentalskulptur, ein Parteiauftrag. Lew Kerbel war der wichtigste Sowjetunion-Bildhauer, der solche Aufträge ausgeführt hat. Es gibt viele Dinge von ihm, in Berlin kennt man den Thälmann, es gibt einen großen stehenden Karl Marx, einen Lenin, auch das sowjetische Ehrendenkmal. Zum Teil Dinge, die ich persönlich ganz gruselig finde, weil sie für meine Begriffe in der Tradition einer autoritären staatlichen Geste sind und kunsthistorisch einem anderen Jahrhundert angehören.

Ich finde aber, dass dieser Karl-Marx-Kopf etwas anderes ist und eine andere Qualität hat. Kerbel hatte, glaube ich, 17 verschiedene Entwürfe gemacht, einen stehenden Marx usw., und diese Büste selbst, hat durchaus eine skulpturale, eine ästhetische Qualität, die man ihm dann auch zugestehen muss.

Nun gibt es am 9. Oktober eine richtige Geburtstagsparty mit Live-Musik, Lichtinstallation und so weiter. Ist das nicht ungewöhnlich, einem Monument so vermenschlicht zu begegnen?

Es ist eine Form der Aneignung und Umdeutung, eine Umwidmung von einem Monument, mit dem sich viele in der Stadt schwertun. Viele haben sich damit aber auch angefreundet. Gerade, wenn man von außen kommt und die DDR nicht miterlebt und nicht unter der DDR gelitten hat, merkt man, dass da durchaus ein positiverer Blick auf diesen Karl-Marx-Kopf ist. Insofern: Diese Vermenschlichung finde ich erstmal schwierig, aber ich verstehe sie. Das ist sozusagen ein Transformationsprozess. Und vielleicht ist das auch ein richtiger Weg, mit so etwas umzugehen.

Das Interview führte Moderator Carsten Tesch für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Kultur Kompakt | 09. Oktober 2021 | 06:30 Uhr

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