Fest der Farben und Collagen "Disinfotainment": Norbert Biskys erste Einzelausstellung in Leipzig

Zum 50. Geburtstag Norbert Biskys richtet die Kunsthalle G2 die erste Schau des Malers in seiner Geburtsstadt Leipzig aus. "Disinfotainment" thematisiert die veränderten Kommunikationsbedingungen in der Pandemie mit allen Mitteln der Kunst. Zum Einsatz kommen explosive Farben, Spiegel und Collagen, die den Medienkonsum und den Umgang mit Informationen in einer digitalisierten Welt reflektieren. Die Kunsthalle ist dafür der perfekte Ort: In der DDR befand sich hier gegenüber der Stasi-Zentrale ein Datenverarbeitungszentrum.

Norbert Bisky, Influencer, 2021, Öl und Aerosol auf Leinwand 5 min
Bildrechte: Bernd Borchardt, Courtesy of the artist and König Galerie © VG Bild-Kunst

In den Nullerjahren galt er als Wunderkind, das es mit dem alten Medium der Malerei schaffte, sich gegen die digitale Konkurrenz in der Kunstwelt durchzusetzen. Norbert Bisky, heute 50 Jahre alt, hat bei Georg Baselitz in Berlin studiert und ist Spross einer berühmten Familie der DDR-Nomenklatura. Er reüssierte mit Malerei, die nicht aus Leipzig kam, mit seinen schwulen, oft blonden Jungs, die in militanten Kontexten wie Sport und Armee ihr gutgebautes, wenn auch abgründiges Dasein lebten. Und alle rätselten mit Norbert Biskys Gemälden gerne mit, inwieweit Leni Riefenstahls Ästhetik auch Teil der DDR-Turn-und Sportfeste war.

Erste Schau in Biskys Geburtstadt

Porträt Norbert Bisky
Der Maler Norbert Bisky wurde 1970 in Leipzig geboren. Bildrechte: Olaf Heine

Seitdem ist viel passiert. Der Maler war schwer in, dann mal wieder out, dann wurde er von Johann König, Berlins Obergaleristen, ins Programm aufgenommen. Norbert Bisky arbeitet hart daran, seine Malerei immer wieder neu zu erfinden – und legt sich nun erneut, gar thematisch, mit dem ärgsten Konkurrenten der Malerei an: der digitalen Welt. "Disinfotainment“ heißt denn auch seine neue, allererste Schau in Leipzig, in der G2-Kunsthalle.

"Klar, ich bin Maler. Aber ich versuche, so nah dran an der Gegenwart wie möglich zu sein. Ich versuche, wirklich jetzt, in diesem Augenblick 2021 zu leben, und das alles zu erfassen", erklärt Norbert Bisky. "Und deshalb lebe ich gern so wie andere Leute, beginne den Tag am iPad, dann mache ich mein iPhone an, dann gehe ich zum Laptop, dann gibt es wieder ein anderes Gerät. Also ich bin, wie alle anderen auch, wahnsinnig mit diesen Geräten beschäftigt – und natürlich spielt sich unglaublich viel in meiner Kommunikation auch nur noch in diesen Geräten ab."

Explosive Ölgemälde

Unter Explosionen, die teilweise nur in unseren eventuell implodierten Hirnen stattfinden, macht es Norbert Bisky nicht. Implodiert durch zu viel Medienkonsum, besonders jetzt unter Corona. Es fliegen also die Fetzen auf Biskys Ölgemälden: "Flammendes Inferno" samt brennendem Hubschrauber, davor ein Jüngling in fliederfarbenem Shirt, der ein Selfie macht.

Auf dem wandfüllenden Dreiteiler erinnert ein Knabe an den "Fliegenden Robert" oder an Harry Potter. Nicht nur er fliegt, sondern mit ihm, fast schon zentrifugal, seine gesamte Umwelt, die gar nicht anders kann als zu zerbersten. Kometenhafte Feuerschweife steigern die Dramatik des Geschehens, das auch an Comicstrips erinnert.

Norbert Bisky, Dies Irae, 2016, Öl auf Leinwand
Norbert Bisky, Dies Irae, 2016, Öl auf Leinwand Bildrechte: Bernd Borchardt, Courtesy of the artist and König Galerie © VG Bild-Kunst

Bildhafte Zersplitterung der Welt  

Das Bild "Trollfarmer" von 2021 wiederum zeigt durchaus belehrend einen Arm mit Stinkefinger, der aus dem Computer kommt. Norbert Bisky schont sich und seine Leinwände nicht, zerlegt sie auch schon mal, um sie dann collageartig wieder zusammenzusetzen – und, um all das Drama in unserer medial-digital verwirrten Welt, die aus den Fugen ist, noch zu steigern, arbeitet Norbert Bisky gar mit Versatzstücken von Spiegeln, so auf dem Bild "Medienzeit":

Der Grund, warum ich diese Bilder mache, das hat auch ganz viel mit Spiel zu tun. Und Spielen ist so etwas Faszinierendes, Schönes. Ich tue ja niemandem etwas. Ich mache ja nichts kaputt. Und wenn, dann meine eigene Arbeit.

Norbert Bisky

Fest der Farben und der Collagen

Bereits die alten Meister setzten Linsen, Brenngläser und - Spiegel ein, um Weltanschauung und Selbstreflexion der Betrachter zu steigern. So gerüstet legt sich Norbert Bisky mit der digitalen Supermacht der Bilder an – und kann nur scheitern. Was nicht weiter schlimm ist, das tun offiziell bestallte Medienkritiker auch. Vielleicht ist es der belehrende Duktus, von Seiten eines Malers, der nicht nur die Unbelehrbaren unter den Medien-Freaks etwas müde lächeln lässt.

Furios ist indessen Biskys Malerei: ein Fest der Farben und der Collage, teils Splatter-Movies und Comics entsprungen, teils Ornament. Und natürlich gegenständlich, wenn es ums hauptsächlich männliche Bildpersonal geht.

Norbert Bisky, Trollfarmer, 2021, Öl auf Leindwand.
Bisky thematisiert in seinem Gemälde Trollfarmer (2021) das Phänomen des sogenannten "Doomscrolling", die zwanghafte Suche nach beängstigenden Bildern und Informationen im Netz. Bildrechte: Bernd Borchardt, Courtesy of the artist and König Galerie © VG Bild-Kunst

Ausstellung neben alter Stasi-Zentrale

Originelle Fußnote der Ausstellung: Die G2 Kunsthalle befindet sich gegenüber der Runden Ecke, dem einstigen Hauptsitz der Stasi in Leipzig. Der Bau selbst wurde 1986 als VEB-Datenverarbeitungszentrum eröffnet. Mancher munkelte gar von einem Geheimgang zwischen beiden Institutionen. In der Arbeit mindestens der einen waren Termini wie "Information" und "Desinformation" feste Begriffe. Durch die Schau von Norbert Bisky in der G2 Kunsthalle bekommt nun das Wortpaar neue Aufmerksamkeit durch ein anderes: Infotainment und "Disinfotainment". Anka Ziefer von der G2 Kunsthalle betont: "Diese Gemengelage aus Rechenzentrum, Stasi-Zentrale und zeitgenössischer Kunst, das findet hier gerade statt."

Norbert Bisky hat für die Ausstellung auch eine Installation geschaffen, aus original verbliebenen, 80er-Jahre-DDR-typisch dunkelbraun gestrichenen Türen des VEB-Datenverarbeitungszentrum. Der Maler hat sie dekonstruiert und neu installiert, um die ganze Splatter-Wahrheit nicht nur des "Disinfotainments" aufzuzeigen.

Mehr Informationen Sonderausstellung "Disinfotainment"
von Norbert Bisky
vom 4. Juni bis 26. September 2021

G2 Kunsthalle
Dittrichring 13
04109 Leipzig

Ein Besuch der G2 Kunsthalle ist im Moment nur mit Negativtest und nach Voranmeldung über das Online-Portal der G2 Kunsthalle möglich.

Genesene und Geimpfte sind von der Testpflicht ausgenommen, sofern sie einen Nachweis darüber erbringen können.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. Juni 2021 | 08:40 Uhr

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