"Offener Prozess" Ausstellung in Jena: Kunst hilft, die NSU-Morde gesellschaftlich aufzuarbeiten

Die Ausstellung "Offener Prozess" in der Kunstsammlung Jena widmet sich den Opfern des NSU. Fast zehn Jahre ist es mittlerweile her, dass der sogenannte Nationalsozialistische Untergrund sich in Eisenach selbst enttarnte. Der NSU-Prozess ist Geschichte, auch die meisten parlamentarischen Untersuchungsausschüsse sind längst abgeschlossen worden. Aber gesellschaftlich aufgearbeitet ist die Geschichte des Terrornetzwerks damit noch lange nicht. Dem will die Schau entgegenwirken.

 Belit Sağ, Cut-Out, Kurzfilm NL, 2018 4 min
Bildrechte: Sefa Defterli

Die Namen des NSU-Trios sind in Deutschland ziemlich bekannt. Die Namen derer, die ermordet wurden, aber nicht. Die Stuttgarter Künstlerin Ülkü Süngün zählt in ihrer Videoarbeit "Takdir - die Anerkennung" diese Namen auf, ruhig und bedacht. Sie bezieht die Besucher mit ein und sagt "Ich werde Ihnen jetzt beibringen, wie man die Namen der zehn Mordopfer des nationalsozialistischen Untergrundkomplexes richtig ausspricht. Bitte sprechen Sie mir laut nach: Enver Şimşek ..." Es ist eine Auftragsarbeit, die für die Schau "Offener Prozess", aus einer Performance heraus entstanden ist.

Die Arbeit von Ülkü Süngün knüpft ganz stark eben auch an diesen Hashtag 'Say their names' an, der ja im Kontext der Ermordung George Floyds ganz groß geworden ist. Der in Hanau wieder aufgegriffen wurde. Und die Sichtbarkeit der Ermordeten in den Vordergrund geschoben hat.

Hannah Zimmermann, Ausstellungsmacherin

Die Opfer des NSU
Die Opfer des NSU Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Perspektivwechsel

Es geht in "Offener Prozess" ums große Ganze – um Rassismus, um die Erfahrungen, die Betroffene gerade in Ostdeutschland damit gemacht haben und immer noch machen. Mit der Ausstellung soll auch eine Zeuginnenschaft bewirkt werden, sagt Hannah Zimmermann, die die Schau mitkonzipiert hat, das stehe für die Macherinnen und Macher ganz zentral im Fokus dieser Ausstellung.

Die Menschen, die in die Ausstellung kommen, werden sich verbinden mit den Geschichten der Menschen, die bis heute marginalisiert sind in ihren Perspektiven. Und werden Zeuginnen von deren Leben. Und auch deren rassistischen Gewalterfahrungen.

Hannah Zimmermann

Zum Kennenlernen anderer Perspektiven gehört auch die der Menschen, die bereits 2006 bei einer Demo in Kassel vor einer rechten Mordserie warnten – die aber keiner ernst nahm. Oder die der Familie Yozgat, die dafür kämpft, dass eine Straße nach ihrem ermordeten Sohn  Halit benannt wird – damit aber bislang erfolglos blieb.

Eindrücke der Wanderausstellung "Offener Prozess" in der Kunstsammlung Jena
Eindrücke der Wanderausstellung "Offener Prozess" in der Kunstsammlung Jena Bildrechte: Kunstsammlung Jena

Es geht um Empathie

So geht es hier wohl um eine Übung in Empathie, wie sie auch die Künstlerin Belit Sağ in ihrer Videorbeit "Cut Out" anstellt. Darin betrachtet sie die Fotos der NSU-Mordopfer, die in den Polizeiakten zu finden waren. Sie haben sich ins öffentliche Bewusstsein eingebrannt – der Kontext aber, wieso die Bilder einst gemacht wurden, ist völlig unbekannt. Sağ versucht, das Leben zurückzubringen. Kurator Fritz Lasszlo Weber beschreibt das Vorhaben: "Sie versucht zu lesen: wann sind diese Fotos entstanden, war das ein Urlaub, war das ein Familienfest, wie ging es ihm da. Sozusagen eine Arbeit, die versucht, dadurch noch mal die Opfer selber einer späten Würdigung zukommen zu lassen. Indem man eben diese doch sehr kalten Fotos der Akten versucht in einen größeren gesellschaftlichen Kontext zu bringen."

 Belit Sağ, Cut-Out, Kurzfilm NL, 2018
Belit Sağ erzählt in ihrem Kurzfilm "Cut-Out" Hintergründe zu den Fotos, wie hier zu Enver Şimşek Bildrechte: Sefa Defterli

Den eigenen Rassismus verlernen

Das Ausstellungsteam verfolgt mit "Offener Prozess" ein ganz klar formuliertes politisches Ziel: durch Zuhören und Zuschauen, durchs Einfühlen in andere Perspektiven soll das Publikum den eigenen Rassismus quasi verlernen. Es geht ums lebendige Erinnern bei dieser Ausstellung. Etwas, das alle angeht – zehn Jahre, nachdem in Eisenach ein Wohnmobil in Flammen aufging.

Eindrücke der Wanderausstellung "Offener Prozess" in der Kunstsammlung Jena
Eindrücke der Wanderausstellung "Offener Prozess" in der Kunstsammlung Jena Bildrechte: Kunstsammlung Jena
Filmdreh "Inventur", 2021 mit Pınar  Öğrenci
Filmdreh von "Inventur" mit Pınar Öğrenci Bildrechte: Franziska Kurz

Wohltuenderweise wirkt die Schau aber trotz dieses Anspruchs nicht bemüht oder belehrend, ganz im Gegenteil. In den Räumen ist es ruhig, wer den Ton zu den Videoarbeiten hören will, muss selbstständig Kopfhörer einstöpseln, sonst bleibt es stumm. Und auch Text ist wenig zu lesen, dank eines technischen Kniffs: Wer mehr Hintergründe erfahren will, kann einen QR-Code auf dem Smartphone einscannen und bekommt dann über einen Chatbot, Whatsapp oder Telegram Nachrichten geschickt. Auch Informationen zu den geschichtlichen Hintergründen können so abgerufen werden, so zu Fragen wie: Was ist Gastarbeit gewesen? Was ist Vertragsarbeit? Was ist überhaupt der NSU? Es gibt dadurch ein Glossar mit Werkinfos, die dann aber auch mit Links und Bildern erweitert sind. Und man kann sie mit dem Handy mit nach Hause nehmen , um zu recherchieren.

Želimir Žilnik "Inventur - Metzstrasse 1", Kurzfilm, 1975
Szene aus dem Kurzfilm "Inventur - Metzstrasse 1" von Želimir Žilnik Bildrechte: Želimir Žilnik

Zuerst in Thüringen statt in Sachsen

"Enver-Simsek-Platz" steht auf einem Straßenschild in Jena-Winzerla.
In Jena-Winzerla gibt es den "Enver-Şimşek-Platz" Bildrechte: dpa

Weber und Zimmermann haben "Offener Prozess" für den Chemnitzer Verein Asa FF entwickelt,thematisch liegt deswegen der Fokus auf Sachsen. Eigentlich sollte die als Wanderausstellung konzipierte Schau dort auch zuerst gezeigt werden, was aber nicht klappte. Als nächste Stationen sind die neue sächsische Galerie in Chemnitz und das Berliner Maxim Gorki Theater geplant. Eigentlich soll sie früher oder später in allen Städten gezeigt werden, die mit dem NSU Berührungspunkte haben – das ist aber anscheinend nicht so einfach.

Die Ausstellung wollten wir eigentlich in Zwickau eröffnen. Leider sind wir da auch an politischen Widerständen gescheitert. Und eröffnen deswegen jetzt auch in Jena.

Hannah Zimmermann

Die Ausstellung "Offener Prozess"

17. Juli – 15. August 2021
Kunstsammlung Jena
Markt 7, 07743 Jena

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag 10 – 17 Uhr, Montag geschlossen

Kuratorisches Konzept: Ayse Güleç und Fritz Laszlo Weber
Projektleitung: Hannah Zimmermann und Jörg Buschmann

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