"Kontinent – Auf der Suche nach Europa" Ostkreuz-Fotoausstellung in Erfurt thematisiert den Zustand Europas

Der Erfurter Kunstverein zeigt in der Kunsthalle Fotos der renommierten Berliner Bildagentur Ostkreuz. Die Ausstellung mit dem Titel "Kontinent – Auf der Suche nach Europa" bietet verschiedene Blickwinkel auf Europa mit seinen Licht- und Schattenseiten, von Flüchtlingen bis zur glitzernden Finanzwelt. Zu sehen sind Werke von 22 Künstlerinnen und Künstlern, darunter Sibylle Fendt, Jörg Brüggemann, Espen Eichhöfer, Annette Hauschild und die 2010 verstorbene Sibylle Bergemann.

Eine Besucherin der Ausstellung "Kontinent - Auf der Suche nach Europa" in der Universität der Künste am Pariser Platz
Die Ausstellung "Kontinent – Auf der Suche nach Europa" war zuvor in Berlin zu sehen und macht nun Station in Erfurt Bildrechte: dpa

In der Erfurter Kunsthalle werden die Arbeiten von 22 Fotografinnen und Fotografen der renommierten Berliner Ostkreuz-Fotoagentur gezeigt. Es ist ein Blick quer durch Europa: in Gesichter, Landschaften oder Fabriken. Glitzerfassaden der Finanzwelt stehen neben der Trostlosigkeit von Industriebrachen. Dazwischen der Mensch mit seinen Hoffnungen, Wünschen, Sehnsüchten oder einer großen inneren Tristesse. Gesichter, die diese Geschichten zwischen Glück, Zufriedenheit und tiefer Resignation erzählen.

Erfurter Ausstellung zeigt Blicke auf Europa

Ingo Taubhorn aus Hamburg ist Kurator der Ausstellung und weiß: Alle Bilder haben einen eigenen Blick auf Europa, eine eigene Geschichte eingefangen: "Manchmal ist es die der Erinnerungskultur des Zweiten Weltkrieges, auf der anderen Seite eine ganz persönliche Geschichte, der Blick zurück."

So wie die Fotoreportage auf den Spuren der eigenen Großmutter, die als Zwölfjährige aus Ostpreußen fliehen musste. Wie war das? Welche Bilder hat sie unterwegs im Kopf abgespeichert? Wo gibt es Erinnerungen daran? Texte ergänzen die Fotografien, so dass die Betrachter eine Chance haben, in die Lebensgeschichten einzutauchen.

Eine Besucherin der Ausstellung "Kontinent - Auf der Suche nach Europa" in der Universität der Künste am Pariser Platz
Besucherin vor Bildern der Ostkreuz-Fotografin Jordis Antonia Schlösser Bildrechte: dpa

Geschichten von Menschen

Die Kuratoren haben Essays, Podcasts und den jeweiligen Kontext einer Produktion zusammengestellt, um Hintergrund und mehr Informationen zu geben. Sie erzählen Geschichten von Menschen, zerbrechlich, sinnlich, auch radikal. Wie jene der alten Dame mit blondiertem Haar, Sonnenbrille, Kostüm – der Erfolg war ihr Status, bis sie eines Tages durch einen Burnout alles verliert und zurück sinkt in ein einsames Leben mit sich selbst. Heute lebt sie zurückgezogen auf einer Insel. Die Fotografien zeigen ihren Stolz und die Mühe, in ein neues Leben zu finden, völlig auf sich gestellt.

Berührende Bilder in der Erfurter Kunsthalle

Es sind Bilder, die eine hohe dokumentarische Qualität haben, die Betrachter auch schockieren, berühren, Fragen stellen. Zum Beispiel, wenn dunkle Schatten gebückter Menschen durch einen neblig-verschneiten Wald gleiten. Menschen, die gerade illegal eine Grenze überschreiten wollen.

Der Ostkreuz-Fotograf Jörg Brüggemann hält eines seiner Fotos in der Ausstellung Kontinent - Auf der Suche nach Europa in der Universität der Künste am Pariser Platz
Ostkreuz-Fotograf Jörg Brüggemann mit einem seiner in der Ausstellung zu sehenden Fotos Bildrechte: dpa

Andere Bilder zeigen Geflüchtete aus afrikanischen Ländern, die in einer Gemeinschaftsunterkunft im Schwarzwald ausharren und langsam müde werden, weil von ihnen monate- oder jahrelang Geduld verlangt wird. Sie warten darauf, bleiben und arbeiten zu dürfen. Ihre Blicke erzählen von Stagnation, tiefer Trostlosigkeit und dem verlorenen Mut in einer neuen Heimat.

Fotografisch Schwachstellen aufspüren

Die Schwerpunkte der Ausstellung sind nicht touristisch oder geografisch gesetzt, sagt Kai Uwe Schierz, der Direktor der Kunstmuseen Erfurt. Sie seien da, "wo es im Augenblick brennt, wo Schwachstellen sind, wo Ungleichheiten aufgespürt werden, am Puls der Zeit." Europa werde mit vielen Kontrasten gezeigt, so Schierz. Doch die Fotos hätten eines gemeinsam: Sie zeigten, dass Europa etwas ganz Kostbares sei.

Mit einer überraschenden und beglückenden Sensitivität sind diese Fotografinnen und Fotografen unterwegs gewesen und haben ein Europa jeweils für sich entdeckt – aber auch für uns.

Kai Uwe Schierz, Direktor der Kunstmuseen Erfurt

Auf drei Etagen erlebt der Besucher Bilderwelten, taucht ein in Lebensräume und Menschen fremder Kulturen, sieht verschiedene Perspektiven und kann sich einlassen auf das, was der Mensch hinter der Fotokamera in einem wertvollen Moment eingefangen hat.

"Es gibt auch überraschende Geschichten, die einem nicht mehr so präsent sind", meint Ingo Taubhorn und blickt auf die Bilder von zwei dunkelhaarigen Frauen in weißen Gewändern, die mit dem Mobiltelefon hantieren: Wahrsagerinnen, aufgenommen in Südeuropa, die heute in ihrem Metier ausgerechnet mit einem Handy up to date sind.

Kontrast zwischen Arm und Reich in Europa

Sibylle Bergemann
Ostkreuz-Fotografin Sibylle Bergemann (1941–2010) Bildrechte: dpa

Die Bilder zeigen Finanzdistrikte, glitzernde, kalte Großstadtwelten – den Kontrast von Reich und Arm. Menschen zwischen Häuserfronten, anonym, vielleicht auch seelenlos. Eine Bilderwelt, die den Bogen schlägt zwischen dem Schönen, dem Zerbrechlichen und dem Monströsen, Gigantischen.

Wo ist der Mensch? Wo bleiben seine Ideale? – mag der Zwischenruf sein, auch wenn die Fotografin Annette Hauschild ausgerechnet die Flüchtlingshelfer in den Mittelpunkt ihrer Bilder rückt und uns einen Perspektivwechsel ermöglicht: "Wir können begreifen, was für ein Reichtum Europa ist, aber was auch für eine Ambivalenz in dieser europäischen Idee steckt. Und wir führen diese Ausstellung mit einem Zitat ein. Da wird erklärt, dass diese Ausstellung als Liebeserklärung an Europa verstanden wird."

Extraausstellung in der großen Schau

Inmitten der großen Ausstellung wird noch eine kleine gezeigt: Bilder der vier jungen Gewinner eines Preises für Dokumentarfotografie, den die Wüstenrot-Stiftung ausgelobt hat. So kann man einen Vergleich herstellen zwischen den gestanden Fotografinnen und Fotografen von Ostkreuz und jungen Künstlern, die gerade erst aufbrechen.

Die Ausstellung "Kontinent – Auf der Suche nach Europa"

Ausstellung von Ostkreuz – Agentur der Fotografen und der Akademie der Künste

24. Oktober 2021 bis 23. Januar 2022
Kunsthalle Erfurt
Fischmarkt 7, 99084 Erfurt

Teilnehmende Künstlerinnen und Künstler:
Jörg Brüggemann, Espen Eichhöfer, Sibylle Fendt, Johanna-Maria Fritz, Annette Hauschild, Harald Hauswald, Heinrich Holtgreve, Tobias Kruse, Ute Mahler, Werner Mahler, Dawin Meckel, Thomas Meyer, Frank Schinski, Jordis Antonia Schlösser, Ina Schoenenburg, Anne Schönharting, Linn Schröder, Stephanie Steinkopf, Mila Teshaieva, Heinrich Voelkel, Maurice Weiss, Sebastian Wells, Sibylle Bergemann (1941–2010)


In der Ausstellung enthalten ist die Extraausstellung: Dokumentarfotografie Förderpreise 12

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. Oktober 2021 | 07:10 Uhr