Mehr als 100 Werke Panoramamuseum Bad Frankenhausen zeigt den deutschen Surrealismus

Der Surrealismus kommt aus Frankreich, in Deutschland selbst fand diese Kunst kein breites Publikum. Dennoch widmet das Tübke-Panorama Bad Frankenhausen der Bewegung eine ganze Ausstellung mit dem Titel "Surrealismus in Deutschland?" und beantwortet die Frage mit mehr als 100 Werken. Die Schau überrascht und begeistert vor allem mit Entdeckungen regionaler Künstler.

Franz Radziwill: Wenn der Mensch ruht, ist Gott auf der Erde, 1943
Franz Radziwill: Wenn der Mensch ruht, ist Gott auf der Erde, 1943 Bildrechte: VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Anfang der 1920er Jahre wurde in Paris der Surrealismus erfunden. Die Künstler wollten alle bürgerlichen Gewissheiten umstürzen, indem sie auf das kurz vorher entdeckte Unbewusste setzten, indem sie den Traum, den Zufall und den Automatismus propagierten, das Begehren, die freie Liebe und totale Revolte.

In Deutschland selbst fand diese Kunst – verhindert durch Nationalismus und Krieg – nie richtig Verbreitung. Das Tübke-Panorama Bad Frankenhausen widmet der Bewegung mit dem Titel "Surrealismus in Deutschland?" eine ganze Ausstellung mit mehr als 100 Werken.

Erster Überblick zum deutschen Surrealismus von 1919-1949

Die Schau ist ein enormer Kraftakt und ein großes Verdienst des kleinen Museums: Es ist der erste Überblick zum deutschen Surrealismus von 1919-1949 überhaupt. Museumdirektor Gerd Lindner sagte MDR KULTUR: "Die Surrealisten haben einen ganz anderen Zugang zur Wirklichkeit propagiert, und zwar, dass eine Hälfte fehlt, nämlich das Unbewusste, das Traumhafte, auch das unter Rauschzuständen Wahrgenommene. Dazu sind natürlich die theoretischen Grundlagen der Psychoanalyse wichtig."

Edgar Ende: Drei Wanderer, 1933
Edgar Ende: Drei Wanderer, 1933 Bildrechte: VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Die Surrealisten sammelten Albträume und Verflüchtigungen des Ichs. Bei fast allen hinterließen Krieg und NS-Zeit tiefe Einschnitte. Auch Edgar Ende, Vater des Schriftstellers Michael Ende, wurde als entartet diffamiert.

Traumhaft surreal: Kar Kunze

Der Maler einer wunderbaren Gruppe von Bildern in der Ausstellung ist Karl Kunz. 1933 von der Burg Giebichenstein in Halle entlassen, ging er ins innere Exil und malte unbeirrt weiter: traumhaft surreal. Erst in den letzten 15 Jahren gelang seinem Sohn, dem Werk von Karl Kunz etwas Aufmerksamkeit zu schaffen. Es sei nicht der pure Surrealist gewesen, sagt Wolfgang Kunz über seinen Vater. "Sondern einer, der mit all diesen Stilmitteln, den Erfindungen der Moderne, spielt. Das war Phantasie, es waren seine Bilder, sie kamen aus ihm heraus, das war die Welt, es war die Menschheit."

Werke wie Karl Kunzes "Der Krieg" – auch eine Hommage an "Guernica" von Picasso –  1942 gemalt, riskant für Leib und Leben, waren vor 1945 in Deutschland öffentlich undenkbar. Aber auch nach 1945 waren sie nicht willkommen.

Karl Kunz: Circe, 1942
Karl Kunz: Circe, 1942 Bildrechte: Privatsammlung

Deutscher Surrealismus konnte sich nicht bündeln

Die politisch-ästhetische Spaltung zwischen Ost und West folgte, und sogar ein programmatischer "Abschied von Paris" des Kommunisten Heinz Lohmar, der als Professor in Dresden fortan realistisch malte. In der Doktrin gegen den "Formalismus" entließ man in Weimar den gerade erst berufenen Mac Zimmermann. Im Westen begegnet man den Surrealisten ebenso dogmatisch: Als Kunst der Freiheit gilt das abstrakte ‚freie' Formenspiel. Karl Kunz, der an den phantastischen Vermalungen der Realität festhielt, zog sich wieder zurück.

Grabenkriege setzten fort, was Diktaturen, brüchige Biographien durch Krieg und Exil begonnen hatten, so dass sich ein deutscher Surrealismus nicht bündeln konnte. Weil nie richtig in Mode, blieb Surrealismus für etliche Künstler Episode, und oft ahmten sie Vorbilder nach: Ziel ist die poetische, metaphysische oder eine surreale Wirkung.

Edgar Jené: Köpfe mit Vogel, 1929
Edgar Jené: Köpfe mit Vogel, 1929 Bildrechte: Kunsthandel Widder, Wien

Gibt es den deutschen Surrealismus?

Ist damit tatsächlich ein eigener deutscher Surrealismus entstanden? Museumsdirektor Lindner meint ja. "Vielleicht im Vergleich zu den Franzosen mit einem stärker zeitkritischen Hintergrund. Man muss natürlich mit einrechnen, dass sie erst in den 30er und 40er Jahren so gearbeitet haben, es ist letztlich eine Frage einer zweiten Generation. Die Gründergeneration des Surrealismus ist ein französisches Phänomen"

Dass das Begehren und l'amour fou (dt.: die verrückte Liebe), etwas seltener sind, wird ebenfalls an den düsteren Zeiten liegen. Die Ausstellung in Bad Frankenhausen überrascht und begeistert vor allem mit Entdeckungen höchstens regional bekannter Künstler – nur ein Name sei noch genannt, der im Weltkrieg gefallene August Preuße.  

Mehr Informationen Surrealismus in Deutschland? Kunst von 1919 bis 1949
vom 3. Juli 2021 bis 10. Oktober 2021

Adresse:
Panorama Museum Bad Frankenhausen
Am Schlachtberg 9
06567 Bad Frankenhausen

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag und feiertags: 10 bis 17 Uhr

Eintritt:
Erwachsene: 8 Euro (ermäßigt: 7 Euro)
Kinder: 3 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 16. September 2021 | 22:10 Uhr

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