"Pest. Eine Seuche verändert die Welt" Pest und Corona: Ausstellung in Wittenberg erforscht spannende Parallelen

MDR-Reporter André Damm
Bildrechte: André Damm

Das Mittelalter wird häufig als die dunkelste Zeit der europäischen Geschichte bezeichnet. Blickt man jedoch auf die wohl prägendste Krankheit dieser Epoche, die Pest, stellt man fest, dass sich der Umgang mit einer existenzbedrohenden Krankheit von damals zu heute im Hinblick auf die Corona-Pandemie teils wenig unterscheidet. Gemeinsamkeiten und auch Unterschiede präsentiert die Sonderausstellung "Pest. Eine Seuche verändert die Welt" im Augusteum in Lutherstadt Wittenberg.

Im Foyer des Wittenberger Augusteums hängen an einer Wand weiße Schnabelmasken. Ein abschreckender, aber inzwischen vertrauter Anblick sei das, sagt Stefan Rhein, der Direktor der Luthergedenkstättenstiftung Sachsen-Anhalt. Deshalb findet er es auch wichtig, gerade jetzt eine Ausstellung zur Pest zu präsentieren. Immerhin war diese Krankheit jahrhundertelang die Geißel der Menschheit gewesen, sagt Rhein: "Das ist ein Menschheitstrauma. Nicht ohne Grund reden wir heute noch von 'verpesteter Luft' oder sagen 'Ich hasse Dich wie die Pest!' Man merkt, das ist wirklich in unser Gedächtnis eingedrungen."

Nicht ohne Grund reden wir heute noch von 'verpesteter Luft' oder sagen 'Ich hasse Dich wie die Pest!'.

Stefan Rhein Direktor der Luthergedenkstättenstiftung Sachsen-Anhalt

Kuriose Ausstellungsstücke

Augusteum Wittenberg
Die Ausstellung ist bis zum 20. Februar 2022 im Augusteum zu sehen. Bildrechte: IMAGO

Kurator Mirko Gutjahr hat diese besondere Schau konzipiert: 130 Exponate sind zu sehen, darunter viele europäische Leihgaben. Steinartefakte aus dem ältesten Pestgrab Deutschlands, circa 2200 vor Christus, oder ein Pest-Bakterium, das nur drei Tausendstel Millimeter lang ist, aber die verheerende Lungen- und Beulenpest verursacht hat. Aber es gibt auch kuriose Ausstellungsstücke. Gutjahr verweist auf einen sogenannten "Pestschinken", eine Leihgabe des Heimatvereins Friesoythe. Der Schinken habe der Sage nach die Pest in sich aufgenommen, erklärt Gutjahr.

Zu sehen ist ein sogenannter Pestschinken.
Die Pest soll, der Sage nach, in Gestalt einer blauen Wolke durch das Schlüsselloch in diesen Schinken gezogen sein. Bildrechte: Heimatverein Friesoythe

Auffällige Parallelen zwischen Pest und Corona-Pandemie

Aberglauben spielte im Mittelalter eine große Rolle, sagt Kurator Gutjahr. Schon damals gab es Pestleugner und Verschwörungstheoretiker. Häufig wurde ein Sündenbock gesucht. Andererseits versuchten sich die Menschen zu schützen: Hospitale wurden errichtet, Straßenviertel abgeriegelt, Infizierte unter Quarantäne gestellt – die damaligen Seuchenschutzmaßnahmen sahen auch vor, dass "die systemrelevanten Jobs, wie man modern sagen würde, erhalten bleiben: dass die Gemeindevorsteher, die Lehrer, die Ärzte, die Pfleger und die Seelsorger da sind, damit den Schwächsten der Gesellschaft, die nicht fliehen konnten, Unterstützung anheim gegeben werden konnte."

Im Augusteum Wittenberg sind leere Impfflaschen zu sehen, mit deren Inhalt in Deutschland Anfang 2021 gegen das Corona-Virus geimpft wurde.
Nicht nur durch das zur Schau stellen leerer Impffläschen spannt die Ausstellung den Bogen zur Gegenwart. Bildrechte: Uwe Schulze

Für Gutjahr ist auch das eine auffällige Parallele zur aktuellen Corona-Pandemie. Beim Rundgang durch die Sonderaustellung zeigt er auf ein riesiges Wagenrad, das mit einem Filzstoff bezogen war. Somit habe man die Toten nachts heimlich aus den Städten bringen können, ohne die Bevölkerung zu verunsichern, erklärt er.

Stefan Rhein
Stefan Rhein, Direktor der Luthergedenkstättenstiftung. Bildrechte: Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt

Die Maßnahmen der 14. Corona-Verordnung des Landes Sachsen-Anhalt sind nicht so weit entfernt von der Pestordnung der Stadt Wittenberg aus dem Jahr 1566.

Stefan Rhein Direktor der Luthergedenkstättenstiftung Sachsen-Anhalt

Und wie sich die Bilder gleichen. Neben dem Wagenrad ist eine  Fotografie aus Genua aus dem Jahr 2020 zu sehen. Darauf sind Leichenwagen abgebildet, die nachts durch die Stadt fuhren. Solche Kreuzvergleiche zwischen der Pest und der Corona-Pandemie finden sich mehrmals in der Wittenberger Sonderschau. Stiftungsdirektor Rhein ist selbst überrascht, wie sich die Fakten gleichen, obwohl viele Jahrhunderte dazwischen liegen: "Es gab auch Reisebeschränkungen. Der erste Reisepass ist ein 'Pestpass' um zu beweisen, aus einer gesunden Region zu kommen. Die Maßnahmen der 14. Corona-Verordnung des Landes Sachsen-Anhalt ist nicht so weit entfernt von der Pestordnung der Stadt Wittenberg aus dem Jahr 1566."

Schon damals waren Schutzmaßnahmen umstritten

Und das muss selbst Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff zugeben, der sicherheitshalber mit seinem Smartphone die Wittenberger Pestordnung abfotografierte, als er die Ausstellung am Donnerstagabend eröffnete. Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen faziniere ihn, sagt Haseloff: "Pandemien haben immer die gleichen Ausbreitungsmechanismen und erfordern von den grundsätzlichen Entscheidungen her die gleichen Hygiene-Maßnahmen."

Blick in einen Ausstellungsraum im Augusteum Wittenberg zum Thema "dem Pest-Erreger auf der Spur".
Blick in die Ausstellung im Augusteum Wittenberg Bildrechte: Uwe Schulze

Und schon damals waren Schutzmaßahmen, um die Seuche einzudämmen, höchst umstritten, so Haseloff: "Man hat Quarantäne-Auflagen, auch hier in Wittenberg, nicht eingehalten, man musste Studenten festsetzen, man musste bewaffnete Wachen vor das Hospital und die Quarantäne-Bereiche stellen – in dieser Hinsicht ist der Mensch immer der gleiche."

Auch darüber informiert diese ungewöhnliche Ausstellung im Wittenberger Augusteum. Übrigens räumt die Schau auch mit einem Klischee auf. Die typischen Schnabelmasken soll es während der Pest gar nicht gegeben haben – ein einfacher Mundschutz musste damals herhalten.

Mehr Informationen zur Ausstellung Die Ausstellung "Pest. Eine Seuche verändert die Welt" ist bis zum 20. Februar 2022 zu sehen.

Augusteum
Collegienstraße 54 I 06886 Lutherstadt Wittenberg

Öffnungszeiten:
20. August bis Oktober täglich von 9 bis 18 Uhr
November bis 20. Februar 2022
Dienstag bis Sonntag: 10 bis 17 Uhr

Eintritt: 5 Euro, ermäßigt 2,50 Euro

Ab dem 20. August bietet die Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt jeden Samstag um 14 Uhr eine öffentliche Führung durch die Sonderausstellung an.

Museen, Ausstellung und Ausflugstipps rund um Lutherstadt Wittenberg

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. August 2021 | 07:40 Uhr

Abonnieren

Kultur

Katrin Schumacher mit Audio
MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei