Gesprächs-Panel Aufarbeitung der Kulturgutverluste in der DDR: "Noch viel Forschungsbedarf"

Fünf Jahre nach seiner Gründung zog das Deutsche Zentrum für Kulturgutverluste nun Bilanz, wie weit man mit der Erforschung des Kunstraubes durch die Sowjetische Militäradministration und durch die SED und ihre Organe gekommen ist. Fazit: Die Museen stehen eigentlich erst am Anfang der Provenienz-Forschung für die Zeit nach 1945.

Teilnehmer beim Plenum zu Kunstraub in der DDR 79 min
Bildrechte: Zentrums für Kulturgutverluste

Bekanntlich war die DDR stets knapp bei Kasse. Da war wenig heilig, was Devisen einbringen konnte. Der Mann, den das Politbüro dafür seit Mitte der 60er-Jahre abgestellt hatte, war Alexander Schalk Golodkowsi. Unter seiner Ägide hat die DDR auch jede Menge Kunstwerke gegen an den Westen verkauft. Zum einen kamen die aus den Museen der DDR, zum andern wurden Kunst und Wertgegenstände den eigenen Bürgern abgepresst. Vor allem Flüchtlinge und Sammler waren die Opfer. Welches Ausmaß hatte diese Form des Kunstraubes von Staats wegen und wie soll man heute – 30 Jahre nach der Wiedervereinigung – damit umgehen? Darüber wurde jetzt auf der Jahrestagung des Zentrums für Kulturgutverluste diskutiert.

Viel Forschungsbedarf

Plenum zu Kunstraub in der DDR
Ulrike Lorenz, Präsidentin der Klassik Stiftung Weimar Bildrechte: Zentrums für Kulturgutverluste

Dabei wurde klar: Es gibt einen enormen Forschungsbedarf für die Zeit von 1945 bis 1990. Was die Museen alles an Kunstwerken mit zweifelhafter Provenienz in ihren Beständen haben, darüber besitzen die Museumsleiterinnen und Museumsleiter nur eine ungefähre Vorstellung. Wenngleich über das Ausmaß wenig Zweifel herrscht. Ulrike Lorenz, Präsidentin der Klassik Stiftung Weimar, zog einen Vergleich mit der Provenienz-Forschung für die Nazi-Zeit. Die stand in den letzten zehn Jahren bei allen deutschen und europäischen Museen im Vordergrund. Und speziell die Klassik Stiftung Weimar hat in der Hinsicht eine Menge Forschung betrieben: 39.000 Kunstwerke wurden gecheckt, 11.000 genauer untersucht und 2700 davon wurden zurückgegeben oder es wurde dafür Entschädigung gezahlt.

"Wenn wir jetzt diesen großen Komplex 1945 bis 1949 – also auch die Zeit der Sowjetischen Militäradministration – und die DDR von 1949 bis 1990 in den Blick nehmen, dann haben wir das Neunfache von Erwerbungen gegenüber der NS-Zeit. Das heißt 290.000 Erwerbungen: Kunst, Bücher, Archivalien. Sie verstehen, dass wir da kurz als Stiftung, die auch mit wirtschaftliche Überlegungen umgehen muss, innehalten und überlegen, wie gehen wir das an", erklärt Lorenz. Nur wenige Museen sind da schon ein Stück weiter, wie die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, die SKD, wo unter Prof. Gilbert Lupfer, der auch im Vorstand des Zentrums für Kulturgutverlust sitzt und die Tagung mit organisiert hat, seit den 90er-Jahren Provenienz-Forschung betrieben wird.

Die Opfer staatlichen Kunstraubs

Opfer des staatlichen Kunstraubes waren nach 1945 erst einmal die großen Gutsbesitzer, oft Adlige, denen im Zuge der Bodenreform 1945/46 nicht nur das Land weggenommen wurde, sondern auch die Gutshäuser und Schlösser mitsamt Inventar. Sie wurden als gesellschaftliche Klasse abgestraft. Gerade wird in Bezug auf die Hohenzollern kontrovers diskutiert, inwieweit das Adelshaus würdig oder unwürdig ist, einstige Besitzungen zurückzuerhalten. Denn es gibt den Vorbehalt, nicht zu restituieren, wenn der oder die Betreffende dem Naziregime Vorschub geleistet haben. Aber es gab auch Gegner und Widerstandskämpfer unter dem Adel und den Großgrundbesitzern. Auch sie wurden nach dem Krieg von den Sowjets unterschiedslos enteignet.

Teilnehmer am Plenum zu Kunstraub in der DDR
In einer Podiumsdiskussion sprach Moderator Stefan Nölke darüber mit Uwe Hartmann, Leiter des Fachbereichs Provenienzforschung beim Deutsches Zentrum Kulturgutverluste, Roland Jahn, Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen, Ulrike Lorenz Präsidentin der Klassik Stiftung Weimar und dem Buchautor und Anwalt Ulf Bischof Bildrechte: Zentrums für Kulturgutverluste

Nach der Gründung der DDR 1949 hat sich die SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschland) gerne am Hab und Gut von Flüchtlingen bedient, die dem Arbeiter- und Bauernparadies den Rücken kehren wollten. Zum Teil wurden sie erpresst, wenn sie zum Beispiel einen Ausreiseantrag gestellt hatten, Wertgegenstände in der DDR zu lassen. Die Behörden argumentierten mit dem DDR-Kulturgutschutzgesetz, in Wahrheit wurde die Sachen oft in den Westen verkauft.

Tausende Kunstwerke gingen in den Westen

Auch die Sammler hatte die Stasi im Verein mit der staatlichen "Kunst und Antiquitäten GMBH" im Visier. Ziemlich perfide wurden die Liebhaber schöner Dinge mit Hilfe der Finanzbehörden erpresst, die unbezahlbare Steuerschulden konstruierten, um am Ende die Kunstwerke und Wertgegenstände der Sammler zu beschlagnahmen und in den Westen zu verkaufen. In den Jahren von 1979 bis 1989 – um eine Zahl zu nennen – wurden auf diese Weise  rund 350 Millionen D-Mark in die Kassen der DDR gespült.

Teilnehmer beim Plenum zu Kunstraub in der DDR
In einer Podiumsdiskussion sprach Moderator Stefan Nölke darüber mit Uwe Hartmann, Leiter des Fachbereichs Provenienzforschung beim Deutsches Zentrum Kulturgutverluste, Roland Jahn, Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen, Ulrike Lorenz Präsidentin der Klassik Stiftung Weimar und dem Buchautor und Anwalt Ulf Bischof Bildrechte: Zentrums für Kulturgutverluste

Der Ausverkauf von DDR Kunstwerken spielte dann in der Herbstrevolution 89 eine gewisse Rolle. Ein Bürgerkomitee hatte damals auch das große Depot der Kunst und Antiquitäten GMBH in Mühlenbeck nördlich von Berlin besetzt, um den Handel von DDR-Kunstwerken zu stoppen. Jahrelang hatten Kunsthändler aus Westdeutschland und anderen Ländern hier fleißig eingekauft. Dennoch gibt es im Westendeutschland wenig Bewusstsein für diese Problematik, auch das wurde auf der Tagung deutlich.

Wie können Opfer entschädigt werden

Wie es nun weitergeht mit der Provenienz-Forschung für die Zeit nach 1945 wird der Stiftungsrat des Zentrums für Kulturgutverluste demnächst entscheiden. Bisher wurde nur Grundlagenforschung betrieben. Das heißt die Stasi-Unterlagenbehörde oder das Bundesarchiv haben – im Verein mit dem Zentrum für Kulturgutverluste – Archivmaterial aufbereitet und bereitgestellt, so dass die Museen mit der Provenienz-Forschung losgehen können. Sollen nun aber auch einzelne Projekte gefördert werden, wie das für die Nazizeit der Fall ist? Das wäre noch mal ein Einschnitt und würde der Provenienz-Forschung für die Zeit nach 1945 weiter Auftrieb geben. Sicher wäre das auch eine politische Entscheidung. Wie überhaupt die Politik sich deutlicher für die Entschädigung der Opfer aussprechen sollte. Diese Meinung vertraten der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn und der Rechtsanwalt und Publizist Ulf Bischof, der als Anwalt schon viele Kunstraub-Opfer vertrat, in Anbetracht der Tatsache, dass es keine rechtliche Handhabe gibt, Kunstwerke und Wertegegenstände an die einstigen Besitzer zurückzugeben, denn die Fristen sind am 30. Juni 1993 abgelaufen.

Teilnehmer beim Plenum zu Kunstraub in der DDR
Bildrechte: Zentrums für Kulturgutverluste

Es braucht im Grunde eine politische Erklärung, die den Museen sagt, wenn ihr geraubte Kunstwerke findet, dürft ihr sie auch aus moralischen Gründen an die Betroffenen, wenn ihr sie ausfindig machen könnt, zurückgeben.

Ulf Bischof, Anwalt

Ob es eine solche Erklärung geben wird, die eine moralische Verpflichtung zur Rückgabe postuliert, bleibt offen. Auf jeden Fall aber wäre es geboten, die Provenienz-Forschung auch für die Zeit nach 1945 weiter voranzutreiben. Es wäre ein wichtiger Schritt, um die historische Wahrheit, was in diesem Bereich an üblen Machenschaften und an Ungerechtigkeiten gelaufen ist, ans Licht zu bringen.

Kunst aus und über die DDR

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. Dezember 2020 | 22:00 Uhr

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