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Institute For Incongruous Translation (Natascha Sadr Haghighian & Ashkan Sepahvand), Carbon Theater Act III Dark Loops, 2020 Bildrechte: Natascha Sadr Haghighian and Ashkan Sepahvand

Ausstellung

Gera: Wie Musik die bildende Kunst inspirieren kann

von Ulrike Thielmann, MDR KULTUR

Stand: 22. Juli 2021, 21:01 Uhr

Mit der Polyphonie in bildender Kunst und Musik beschäftigen sich in Gera gleich zwei zusammengehörige Ausstellungen, eine in der Orangerie, die andere im Museum für Angewandte Kunst. Noch bis zum 19. September kann die Doppelschau "Polyphon, Mehrstimmigkeit in Bild und Ton" besucht werden. Gezeigt wird beispielsweise, wie sich die musikalische Aktivität von Künstlern in Bildern und Objekten ausdrücken kann.

"Polyphon. Mehrstimmigkeit in Bild und Ton" heißt ein einmaliges Ausstellungsprojekt in Gera. Gleich zwei Museen, die Orangerie, in der Stadt der Ort für die zeitgenössische Kunst, wie auch das Museum für Angewandte Kunst zeigen bildnerische Werke, die sich mit der Mehrstimmigkeit beschäftigen. Natürlich gibt es in der Schau viele Klänge zu hören, denn eigentlich stammt ja der Terminus "polyphon" aus der Musiktheorie. Die Doppelausstellung versucht ihn umzudeuten. So kann fast jedes der ausgestellten Kunstwerke eine Klangspur aufweisen, ist aber eben auch eine bildkünstlerische Arbeit. Mehr als zwanzig raumfüllende Kunstpositionen zur Mehrstimmigkeit werden gezeigt.

Alle ausstellenden Künstler und Künstlerinnen kommen von den bildenden Künsten, betont Claudia Tittel. Die Kulturamtsleiterin in Gera und Initiatorin der Ausstellung hat die Ausstellung entscheidend mitgeprägt. Tittel führt fort: "Ich wollte, dass es ursprünglich 'Polyton' heißt, diese Ausstellung, um dieses bildnerische noch stärker zu betonen und dieses Tönende und gleichzeitig Bildnerische, was wir in dieser Ausstellung zeigen wollen, noch stärker zu betonen. Aber jetzt heißt es 'Polyphon' weil man mir sagte, 'Polyton' sei dann 'doch noch mal was anderes.'"

Rie Nakajima, becoming sounds, 2015 (ShugoArts Weekend Gallery, Mishuku, Tokyo) Bildrechte: ShugoArts, Rie Nakajima

Inspirationsquelle Musik

Es zeigt auch, dass sich viele bildenden Künstler von Musik inspirieren lassen, weil sie mehr Freiheit und gleichzeitig Struktur in die Arbeiten bringt. Zudem sind viele Doppelbegabungen exemplarisch vertreten. So die cellospielende Jorinde Voigt mit ihrer Arbeit "Akustisches Feld VII", Preisträgerin des Geraer Otto-Dix-Preises 2008. Ihre Arbeit macht Klänge, akustische Felder als Bild sichtbar und wurde damals von der Stadt Gera angekauft. Es ist schön, diese Arbeit im Kontext der Ausstellung neben vielen Leihgaben wiederzusehen zu können!

Voigts Werk hängt im Rahmen der Sonderschau im Museum für Angewandte Kunst in Gera. Ebenso wie jene von Rolf Julius, von dem die Ausstellung in einer Installation mit Klangmusik auch ein großformatiges Bild mit abstrahierten Noten in Form von größeren und kleineren Kreisen zeigt. Was nicht direkt sichtbar wird, ist, dass es sich um Noten, gemalte Musik handelt, betont Julia Ortmeyer vom Museum für Angewandte Kunst und führt fort "Das ist eine Art asiatisches Papier, auf dem das Kunstwerk geschaffen wurde, was das Ganze noch weiter in das Abstrakte überführt. Hier hat der Künstler die Musik nur reduziert auf die Punkte und hat alles weggenommen, an Notenpapier oder was eben an eine Partitur erinnert."

Max Neuhaus, Audium, 1980 (Farbstift auf Papier, 95,5x120cm) Bildrechte: Estate Max Neuhaus

Klang/Farben

Die bei Berlin lebende Malerin Ute Pleuger wiederum hat sogar Orgel studiert und agiert in ihrem großen, farbenfrohen Gemälde in der Orangerie in Gera mit vielen Kreisen in unterschiedlichen, manchmal fast komplementär erscheinenden, Farben, die sich aber letztlich auf fünf reduzieren lassen, die sie immer wieder neu kombiniert.

Dadurch passiert etwas im Bild. Man hat das Gefühl, das Bild rollt, es bewegt sich, "es ist kinetisch, ein sukzessiver Sehprozess wird angeteasert und man hat gleichzeitig auch das Gefühl, das Bild hört irgendwie nicht auf", beschreibt es Ausstellungsleiterin Tittel und resümiert, die Künstlerin habe versucht, eine Klangfarbe, die sich verändert, bildnerisch umzusetzen.

Und das, was Polyphonie nämlich ausmacht: Alles hat eine eigenständige Stimme. Je nachdem, in welchen Verhältnis eine Farbe zu einer anderen Farbe steht, in welcher Nachbarschaft zu einer anderen Farbe sich die Farbe befindet, verändert sich die Farbe.

Claudia Tittel, Kulturamtsleiterin in Gera und Initiatorin der Ausstellung

Und so scheint man beim Betrachten des Bildes ganz und gar von Farben umgeben, wie wenn man in einer Symphonie sitzt und die Musik des ganzen Klangkörpers auf einen einströmt. Jede Stimme, jede Farbe, hat hier ihre eigene Kraft.

Die AusstellungPolyphon, Mehrstimmigkeit in Bild und Ton

2. Juli bis 19. September 2021

Gemeinsame Ausstellung:
Kunstsammlung Gera & Orangerie und Museum für Angewandte Kunst Gera

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag 11 bis 17 Uhr

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 22. Juli 2021 | 17:10 Uhr