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"HiDDen" - Digitales Depot MitteldeutschlandVerborgene Museumsschätze: Prähistorische Sammlung Köthen

Verborgene Museumsschätze

Archäologie: Warum die Prähistorische Sammlung Köthen einzigartig ist

Stand: 04. Oktober 2021, 04:00 Uhr

In den 30er-Jahren wurden bei Köthen zahlreiche Funde aus allen Epochen der frühzeitlichen Menschheitsgeschichte geborgen. Die Relikte lagern heute im Depot der Prähistorischen Sammlung Köthen, wo Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sie immer wieder untersuchen und neue Theorien aufstellen, wie das Leben damals ausgesehen haben könnte. 2022 sollen die Artefakte in einer Sonderausstellung Walter Götze gezeigt werden. Schon vorab hat die Prähistorische Sammlung Köthen MDR KULTUR einen Blick ins Depot gestattet.

Im Depot der Prähistorischen Sammlung in Köthen: Hier in den heiligen Hallen unter Tage lagern unzählige Gebeine, Scherben und Schädel – gut verpackt und geschützt. Sie erzählen die Besiedlungsgeschichte von der Altsteinzeit bis ins Mittelalter. Der geheime Schatz von Biendorf ist auf 13 Pappkartons verteilt.

Die Bestattung von Biendorf wirft viele Fragen auf

Die Wissenschaftlerin Anne Kokles erforscht in ihrer Doktorarbeit, was es damit auf sich hat. Im Zentrum ihrer Arbeit liegt die Bestattung von einer Frau und einem Kind. Die Prähistorikerin erklärt: "Spannend macht diesen Befund eigentlich, dass er viele Fragen aufwirft und schon seit Forschergenerationen zu Diskussionen führt, was eigentlich mit der Frau und dem Kind passiert ist."

Zwei Menschen, zwei Rinder und Tonscherben gemeinsam in einem Grab – war es ein Ritual? Warum lag die Frau mit dem Gesicht nach unten? Die Bestattung von Biendorf zählt zu den bemerkenswertesten Funden des Spätneolithikums in Mitteldeutschland. Schon viele Wissenschaftler haben dazu geforscht.

Prähistorikerin Anne Kokles bei der Arbeit Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Kinderschädel wurde im Röntgen-Tomografie-Labor der Universität Leipzig gescannt. Das ein- bis dreijährige Kind weist krankheitsbedingte Belastungen auf. Auch die Frau soll gesundheitlich beeinträchtigt gewesen sein. Eventuell war sie einseitig spastisch gelähmt. Kokles führt aus: "Wenn sie tatsächlich Behinderungen gehabt haben sollte, dann ist sie mit 20 bis 30 Jahren verhältnismäßig alt geworden. Das heißt also, wenn sie Hilfe in der Gemeinschaft brauchte, ist sie auch von den Mitgliedern versorgt worden, sodass ich mir nicht vorstellen kann, dass sie eine ganz Ausgestoßene war." Kokles sieht darin einen Gegenbeweis zur Theorie, dass die Frau mit beerdigt wurde, weil sie eine Belastung gewesen sei.

Anne Kokles im Depot der Prähistorischen Sammlung Köthen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das muss vor über 5.000 Jahren gewesen sein. Die Gebeine sind auf die Jungsteinzeit datiert. Zu dieser Zeit lebten die Menschen von Ackerbau und Viehzucht. Rinder gaben Nahrung und waren Arbeitstiere. Umso erstaunlicher erscheint deshalb diese Bestattung, wie die Wissenschaftlerin Kokles erklärt: "Interessant ist, dass diese Rinder genau in der Zeit, wo man sie gerade am besten hätte nutzen können, gerade wo sie erwachsen geworden sind, Kraft hatten und gut hätten Arbeit verrichten können, eben offensichtlich bewusst getötet und mit den Menschen hier bestattet wurden."

"Buddelgötze" legte den Grundstein für die Ausstellung in Köthen

Archäologe Walter Götze Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Vieles, was wir heute über den Fund wissen, ist dem Prähistoriker Walter Götze zu verdanken. Er hatte die Gebeine 1933 ausgegraben und die Doppelbestattung als Mutter mit Kind-Begräbnis interpretiert.

Andreas Geisler, Museumsleiter der Prähistorischen Sammlung erklärt: "Professor Walter Götze war Autodidakt und sehr akribisch. Götze war eng mit der Bevölkerung hier verbunden, weil er zu jeder Meldung hingegangen ist, ausgegraben hat. Die Köthener haben ihm den schönen Spitznamen 'Buddelgötze' verpasst." Götze brachte 1924 sogar die Jahresversammlung der Archäologischen Gesellschaft Deutschlands nach Köthen. Hier traf sich plötzlich die Forscherelite.

Unikate in der Sammlung in Köthen

Mit seiner Privatsammlung legte Götze außerdem den Grundstein für die heutige Ausstellung im Schloss Köthen. "Bedingt durch die Fruchtbarkeit der Köthener Platte sind alle steinzeitlichen Kulturen hier vertreten", erläutert Geisler. "Die ältesten Nachweise des Menschen stammen aus Werdershausen und sind circa 250.000 Jahre alt. Sie stellen einen Faustkeil dar, den Neandertaler seinerzeit geschlagen haben. Wir haben Gefäße, wie zum Beispiel die Kultschale von Köthen-Geuz, die circa 7.500 Jahre alt ist. Das sind absolut Unikate, und die gibt es nur eben nur hier in der Köthener Sammlung."

Historische Aufnahme einer Ausgrabung bei Köthen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Rätsel für Generationen von Wissenschaftlern

Die Ausstellung des Grabes ist im Rahmen einer Sonderausstellung über Walter Götze für 2022 geplant. Dann jährt sich sein Todestag zum 70. Mal. Bis dahin ist aber noch viel zu tun. "Schon Generationen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern haben sich mit dieser Grablege befasst, unterschiedliche Theorien aufgestellt, und so werden möglicherweise auch in 100 Jahren noch Leute daran forschen", meint der Museumsleiter.

Andreas Geisler, Museumsleiter Prähistorische Sammlung Köthen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

So wie die Archäologin Anne Kokles. In rund einem Jahr will sie ihre Doktorarbeit fertig haben. Und dann erfahren wir vielleicht auch wieder etwas mehr vom Leben und Sterben unserer Vorfahren.

Mehr InformationenPrähistorische Sammlung Köthen
Schloßplatz 4
06366 Köthen

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr