Kunst in der Kirche Leipziger Künstler David Schnell gestaltete Kirchenfenster in Priorau

Eigentlich sollte das neue Kirchenfenster von David Schnell mit einem kleinen Fest gefeiert werden. Wegen Corona musste das Fest verschoben werden. Doch die Dorfkirche von Priorau bei Dessau ist ab Ostersonntag, 15 Uhr geöffnet. Da kann das neue Glasfenster bewundert werden, ein echtes kleines Kunsterlebnis. Von David Schnell, der zur Neuen Leipziger Schule gehört, kennt man sonst vor allem großformatige Gemälde.

Ausschnitt aus David Schnells Kirchenfenster. 4 min
Bildrechte: Sandra Meyer/MDR

Schon mit Blick durch die Kirchentür leuchtet das genau gegenüber liegende kleine Fenster rötlich-orange-blau. Abstrakte Farbigkeit, die beim Gang durch die Kirche zu einem annähernd gegenständlichen Bild wird – das findet Pfarrerin Ina Killyen faszinierend.

Ich finde, das ist ein Fenster, das einlädt zum Mitgehen und zum Meditieren und zum einfach darin Versenken. Und wunderbar, dass es so weit strahlt. Also bis nach außen.

Ina Killyen, Pfarrerin

Ein Leuchten, das auch den Künstler selbst überrascht. David Schnell gehört mit seinen großformatigen Gemälden zur Neuen Leipziger Schule. Es ist nicht seine erste Glas-Arbeit wie der Fünfzigjährige erzählt.

Dieses farbige Glas hat auch so eine Art Rest-Licht-Verstärkung. Man hat den Eindruck, dass die Farben aus sich heraus leuchten. Und da finde ich auch, dass es so einen sakralen Moment gibt. Das Material hat eine gewisse Mystik, einfach.

David Schnell, Künstler

Die sakralen Momente von Glas und Licht

Drei Personen stehen in einer Kirche vor dem Altar, im Hintergrund ein Kirchenfenster.
In der Dorfkirche von Priorau vor dem Altar: David Schnell (Mitte) und Pfarrerin Ina Killyen (links) Bildrechte: Sandra Meyer/MDR

Für David Schnell war es wahnsinnig interessant, mit den Materialien Glas und Licht zu arbeiten. Anders als bei seinen Gemälden, die vor allem auch durch ihre Größe einen starken Effekt erzielen, gewinnt das relativ kleine Fenster, das noch dazu in einzelne Scheiben aufgeteilt ist, durch die Materialität seine Wirkmacht. David Schnell erklärt: "Das ist ja auch aus zwei Scheiben, die übereinandergelegt sind, zusammengesetzt. Tatsächlich hat das Material dadurch auch schon einen räumlichen Aspekt, und es ist eben nicht nur gemalt, sondern es ist eigentlich aus dem farbigen Glas herausgeätzt, kriegt dadurch schon eine Haptik, die stellenweise fast schon eine skulpturale Qualität hat. Und das ist natürlich was, was man, ich sage mal, in der Malerei, mit Öl auf Leinwand, so nicht erreichen kann."

Die Assoziation eines Waldes

David Schnells Kirchenfenster.
David Schnells Kirchenfenster in Priorau Bildrechte: Sandra Meyer/MDR

Auf der anderen Seite ist es die Architektur des schlichten Kirchenraumes, die den Künstler für dieses Projekt begeistert hat. Ein historischer Ort mit neogotischen Anklängen, auch das habe seine Herangehensweise beeinflusst. David Schnell: "Das Thema entwickelt sich eigentlich im Prozess. Als ich diese Einladung bekommen habe, habe ich zweimal den Ort hier besucht. Habe mir die Architektur, die Farbigkeit auch der Architektur genau angeguckt, das Umland angeguckt. Habe versucht, ein Fenster zu machen, was quasi auch die Funktion eines Fensters weiter erfüllt, nämlich einen Ausblick assoziiert. Dass es nicht einfach ein farbiges Bild ist, was durchleuchtet wird, sondern dass man wirklich die Assoziation hat: Man guckt in den Außenraum, der aber natürlich nicht der Realität entspricht."

Tatsächlich assoziiert man den Blick nach draußen, in einen Wald, denn in dem Wust von Senkrechten und Diagonalen die auf dem Glas schimmern, erkennt man Bäume, Wege, aber auch am Boden liegende Stämme. Doch will man sich als Betrachter nicht festlegen: Ist es eine Lichtung oder droht hier Ungemach? Genau das ist die Intention des Künstlers. "Es ist so, dass es natürlich eine gewisse Dramatik gibt, aber gleichzeitig auch vielleicht noch Ruhe. Es ist so, dass ich mit einem labilen Gleichgewicht gespielt habe, also, dass es vielleicht im ersten Moment eine Schönheit hat aufgrund der Farbigkeit und der Räumlichkeit. Aber das ist auch ein Raum, indem man sich verirren kann", sagt Schnell.

Geborgenheit und Bedrohung als Ambivalenz der Natur

David Schnell vor seinem Kirchenfenster.
David Schnell vor seinem Kunstwerk Bildrechte: Sandra Meyer/MDR

Es ist die Ambivalenz, die der Natur innewohnt: Sicherheit und Geborgenheit auf der einen Seite und Bedrohung auf der anderen. Ein aktuelles Thema, das im Kirchenraum mit Ewigkeitsanspruch eine weitere Dimension erhält. Mit anderen Worten: Zeitgenössische Glaskunst in historischen Kirchen, das ist auch die Grundidee des Projekts "Lichtungen der anhaltischen Landeskirche" sagt Kirchenbaurätin Konstanze Förster-Wetzel:

"Es geht einerseits um Substanzsicherung, also das defekte Fenster musste erneuert werden. Es geht aber auch um zeitgenössische Gestaltung, und dass man die Kirche mit einer neuen Gestaltung weiterbringt über die Zeit. Es geht darum, für die Kirchengemeinde einen ansprechenden Raum zu schaffen, aber auch für die interessierte Öffentlichkeit, für Touristen."

So stellt sich der 200-Seelenort Priorau auch touristisch ein wenig ins Licht. Übrigens nicht mit dem Fenster allein, denn hier im Ort wurde Philipp von Zeesen geboren, einer der berühmtesten Barockdichter. Auch auf seinen Spuren kann man hier wandeln. So lohnt sich ein Ausflug auf jeden Fall.

Ausschnitt aus David Schnells Kirchenfenster.
Ausschnitt aus David Schnells Kirchenfenster in Priorau Bildrechte: Sandra Meyer/MDR

Atelierbesuche bei der Neuen Leipziger Schule

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. April 2021 | 12:10 Uhr

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