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AustellungProvenienz-Forschung in Thüringer Museen

Kunstgeschichte

Thüringer Museen weiten Provenienz-Forschung aus

von Blanka Weber, MDR KULTUR

Stand: 07. Januar 2021, 04:00 Uhr

Es kann sein, dass ein Gemälde, eine Porzellansammlung oder ein Schmuckstück – Dinge, die wir in Museen bewundern – eine andere Herkunftsgeschichte haben, als wir denken, oder diese Geschichte noch nicht hinreichend erforscht ist. Auch in Thüringen ist das so. Und der Bedarf, hier genauer hinzuschauen, scheint groß – sagt auch der Thüringer Museumsverband. Eine junge Niederländerin hat sich jetzt die ersten Sammlungen in Pößneck, Greiz, Camburg und Nordhausen vorgenommen, um herauszufinden, wie manches Stück in die Vitrinen kam.

Es geht um die Herkunftsgeschichte von beweglichen Gütern. Dingen, die aus jüdischem Besitz sein können, aber auch aus großbürgerlichem. Gegenstände, die 1945 auf Reisen gingen, zurückkamen oder woanders auftauchten. Kurzum: Die Inventarlisten mancher – vor allem kleiner Museen – sind eine spannende Angelegenheit. Sandra Müller vom Thüringer Museumsverband sagt, es gebe den sogenannten Erst-Check, welcher vom Deutschen Zentrum für Kulturverluste gefördert werde. Daraufhin habe sich der Thüringer Museumsverband mit vier Museen beworben.

Oft politisch motivierte Enteignungen

Die Niederländerin Sarah-Mae Lieverse widmet sich den Herkunftgeschichten beweglicher Kunstgüter. Bildrechte: Museumverband Thüringen

Es sind zunächst die kleinen Museen, Stadtmuseen und Sammlungen – in dem Fall in Pößneck, Greiz, Camburg und Nordhausen. Wo stolpern Juristen über unklare Inventarbezeichnungen? Wo tauchen Schenkungen auf? Konkret: eine Uhr und eine Skulptur aus den 50er-Jahren. 

All das, man spreche von dutzenden solcher Ursprünge, mache sie stutzig, sagt Sarah-Mae Lieverse. Die 27-jährige Niederländerin ist Juristin und auf Kunstrecht spezialisiert. Das Thema ist umfangreich und fängt schon unmittelbar nach dem 30. Januar 1933 an, als Juden unter Druck gesetzt wurden, ihr Eigentum weit unter Wert zu verkaufen. Sie interessiere besonders, dass gerade im Bereich der Kunst bisher kaum öffentliche Untersuchungen gemacht worden seien.

Die Kunst und die Gegenstände sind komplett noch nicht recherchiert.

Sarah-Mae Lieverse, auf Kunstrecht spezialisierte Juristin

Und das ganz speziell auch in der Zeit um 1945 und den Jahren danach. Was passierte während des Krieges? Gab es Plünderungen? Raub? Und – was passierte während der DDR? Denn auch dort gab es Formen der Kunst-Enteignung, in denen Sammelnde oder Ausreisewillige von der Stasi und den Finanzbehörden unter Druck gesetzt wurden, ihre Wertgegenstände dem Staat, beziehungsweise der Handelsorganisation "Kommerzielle Koordinierung" zu überlassen.

Pößneck ist einer der ersten Orte in Thüringen, wo der sogenannte Erst-Check an Museumsgütern vorgenommen wird. Bildrechte: Museumverband Thüringen/Ulrich Fischer, Stadt Pößneck

Erster Schritt: Der Erst-Check

Archiv des Sommerpalais Greiz Bildrechte: Museumverband Thüringen/ © Sommerpalais Greiz

Deshalb erfolgt also jetzt ein Erst-Check bis Januar 2021 – das heißt, man versuche, einen ersten kleinen Überblick zu bekommen, ein Gefühl für die Tragweite des Themas. Für Sarah-Mae Lieverse heißt das, dutzende Archive zu besuchen, dutzende Inventarlisten abzugleichen und Lücken aufzuspüren. Erfahrung hat sie beim großen Gurlitt-Kunst-Skandal in Bayern gesammelt. Sie gehörte zum Team derer, die dort die Herkunft von Gemälden recherchierten. 

Jetzt also Thüringen und die Frage: Was bewundern wir da eigentlich in den Vitrinen? Allein in Greiz habe sie drei Objekte rot kennzeichnen können: Raub oder Nichtbesitz. Heißt übersetzt: Das, was da steht, ist potentiell problematisch.

Den Museen fehlt spezialisiertes Personal

Warum das Thema so lange stiefmütterlich behandelt wurde, kann auch sie nicht verstehen. Aus Sicht der Museen fehlte es bislang an spezialisiertem Personal. Manche Sammlung habe mehrfach den Besitzer oder die Besitzerin gewechselt, andere hingegen seien verstreut oder an einem neuen Ort auffindbar. Manches sei auch komplett verschollen. Und andere Gegenstände – die wie eine milde Gabe Dritter aussehen – auch die müsse man kritisch unter die Lupe nehmen, sagt die Juristin. Sie wünsche sich bereits jetzt, dass bei Spenden und Schenkungen ein größeres Gewicht, eine größere Bedeutung auf Eigentum gelegt werde. Für Lieverse sollte das auch eine größere Rolle in Thüringen spielen.

Das heißt, es geht um den zweiten Blick und die Frage: Von wem stammt ein Objekt? Wer hat es gekauft? Geschenkt? Oder einfach als neues Inventar übertragen. Ein Thema, das nicht nur der niederländischen Juristin in den kommenden Monaten und Jahren erhalten bleibt. Der Thüringer Museumsverband geht davon aus, es könnte mehr Museen betreffen, als man bisher vermutet. 

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 02. Januar 2021 | 17:15 Uhr