Zum 150. Geburtstag "Becoming Feininger" – Ausstellung in Quedlinburg zeigt Feininger in allen Facetten

Am 17. Juli 1871 wurde Lyonel Feininger in New York geboren, sein Geburtstag jährt sich 2021 zum 150. Mal. Die Feininger Galerie Quedlinburg widmet dem Künstler deshalb eine Ausstellung: "Becoming Feininger", die bis zum 9. Januar 2022 zu sehen ist. 1919 wurde Feininger von Walter Gropius als Leiter der grafischen Werkstatt ans Bauhaus in Weimar berufen. In Mitteldeutschland fand er viele Sujets seiner Kunst, z. B. die Marktkirche in Halle. Die Ausstellung zeichnet seine Entwicklung als Künstler nach. Das Museum darf ab dem 3. April öffnen, coronabedingt muss vor dem Besuch ein Online-Ticket erworben werden.

Lyonel Feininger: Vollersroda I (Öl, 1913) 5 min
Bildrechte: VG Bild-Kunst, Bonn 2021/Punctum/Bertram Kober

"Becoming Feininger": Lyonel Feininger zum 150. Geburtstag. Von der Stadt am Ende der Welt und dem Sehnsuchtsort Ostsee – Sandra Meyer über eine Ausstellung zu Leben und Werk.

MDR KULTUR - Das Radio Sa 03.04.2021 06:00Uhr 04:30 min

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Feininger in allen Facetten – so wollen die Kuratoren ihre Jubiläumsausstellung zum 150. Geburtstag verstanden wissen: Nicht unbedingt eine Retrospektive, denn große Gemälde gibt es eher wenige, man ist ein Museum für grafische Kunst und dementsprechend sieht man hier vor allem die Vielfalt der kleinen Form.

Wir möchten den Besuchern einen großen Rundumschlag über das Leben und Werk von Feininger bieten. Also wir beginnen mit dem Frühwerk Ende der 90er-Jahre mit den Karikaturen und spannen dann den Bogen bis zu seinem Spätwerk in den USA und hoffen, alle künstlerische Stationen in der Zwischenzeit abzudecken.

David Grube, Kurator

Eher unbekanntes Frühwerk: Karikaturen und Comics

So sieht man 160 Arbeiten – chronologisch – wobei wohl gerade das Frühwerk am wenigsten bekannt sein dürfte. 1871 in New York geboren, kam Lionel Feininger mit 16 Jahren nach Deutschland, studierte in Hamburg und begann seine Karriere als kommerzieller Karikaturist und Comiczeichner. Kurator David Grube führt aus: "Er ist eben nicht schon der Maler der klassischen Moderne, sondern bedient noch ganz typisch die Karikatur des frühen neunzehnten Jahrhunderts. Er ist da auf jeden Fall schon Künstler, wird auch hoch angesehen und ist, da gibt es das Zitat: 'einer der bedeutendsten Karikaturisten in Deutschland'."

Lyonel Feiniger: Zwerg und weinendes Kind (Tuschfederzeichnung 1902)
Lyonel Feiniger: "Zwerg und weinendes Kind" (Tuschfederzeichnung 1902) Bildrechte: VG Bild-Kunst, Bonn 2021/Christoph Münstermann Düsseldorf

Bis 1915 veröffentlichte Feininger rund 2000 Zeichnungen, meist zu tages- und weltpolitischen Ereignissen in verschiedenen Satire-Zeitschriften. Es sind Auftragsarbeiten, die ihn finanziell unabhängig machen und auch die ersten Reisen nach Paris ermöglichen. Dadurch angeregt und vor allem bestärkt durch seine zweite Frau Julia, beschließt er als freischaffender Künstler zu arbeiten.

"Er ist zum ersten Mal 1906/07 in Paris", erzählt Grube. "Da beginnt er das erste Mal mit der Malerei und insbesondere mit diesen impressionistischen Spätwerken. Eine zweite Paris-Reise 1911 bringt ihm dann Künstler wie u. a. Robert Delaunay näher, die er sich gewissermaßen zum Vorbild nimmt. Und auf dieser Grundlage entwickelt er dann eben diese kubistischen Anklänge für sich."

Mit ca. 40 Jahren findet Feiniger den kubistischen Stil

Lyonel Feininger "Häuser", nach 1919 Holz, farbig gefasst Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Lyonel-Feininger-Galerie, Sammlung Dr. Hermann Klumpp
Lyonel Feininger "Häuser", (Holz, nach 1919) Bildrechte: Ray Behringer/VG Bild-Kunst, Bonn 2021

So hat sich Feininger erst mit 36 Jahren der Malerei zugewandt. Wobei man in der Schau durch zwei gegenübergestellte Gemälde wunderbar erkennen kann, dass es nur vier Jahre gedauert hat, bis er seinen typischen kubistischen Stil fand. Das ist der Beginn: Er wird einer der weltweit wichtigsten Vertreter der Moderne. Seine Reisen waren ihm dafür immer Inspiration. 1917 besucht er den Harz, damals legt er sein grandioses Holzschnittwerk an, so Grube:

Lyonel Feininger: Vollersroda I (Öl, 1913)
Lyonel Feininger: "Vollersroda I" (Öl, 1913) Bildrechte: VG Bild-Kunst, Bonn 2021/Punctum/Bertram Kober

"Wir sehen zahlreiche Blätter, auf denen er in einem starken Schwarz-Weiß-Kontrast Motive aus dem Harz aufgreift, umsetzt in die Druckplatte und uns dann präsentiert. Das Zentrale der Werke ist zum einen der Schwarz-Weiß-Kontrast, und dann sehen wir aber auch an der ersten Wand schon die Entwicklung weg von den flächigen, schwarz-weißen Strukturen hin zu einer Auflösung. Einer kristallinen Auflösung, wie wir sie auch aus den Gemälden kennen, die dann ganz kennzeichnend für seine Holzschnitte wird."

Inspiration: Radtouren durchs Thüringer Land

Eines seiner zentralen Motive findet er schließlich bei seinen Radtouren durch das Thüringer Land: die Kirche in Gelmeroda. In verschiedensten Variationen spiegelt sie sich auch in den Arbeiten, die er ab 1919 als Bauhaus-Meister in Dessau schuf. Dort lehrte er Druckgrafik, was man in der Schau exemplarisch ablesen kann.

Segelboot-Modell 'Colleen' (Modell, ca. 1925)
Segelboot-Modell "Colleen" (Modell, ca. 1925) Die Ostsee war ein Sehnsuchtsort für Feininger. Bildrechte: VG Bild-Kunst, Bonn 2021/Kulturstiftung Sachsen-Anhalt

Grube: "Diese drei Werke in der Abfolge zeigen ganz eindeutig die Schaffensweise. Feininger beginnt mit einem Motiv und ist damit zunächst unzufrieden. Er arbeitet dann zunächst an dieser Platte immer weiter, fügt Linien hinzu und kommt dann in mehreren Arbeitsschritten zu seinem zentralen Motiv - zu dem Ergebnis am Ende."

Neben seiner Schaffensweise blickt die Schau auch auf sein Familienleben: Für seine drei Kinder schnitzt und bemalt er nicht nur kleine Häuser, er nennt sie "Stadt am Ende der Welt", sondern auch ein Segelboot – eine Reminiszenz an seinen Sehnsuchtsort Ostsee. Immer wieder verbringt er dort mehrere Wochen. Fasziniert von den Farben entwickelt er hier eine weitere Technik zur Meisterschaft – das Aquarellieren.

Er arbeitet in den meisten Aquarellen zunächst mit einer Feder, mit schwarzer Tusche und aquarelliert dann nach. Und wir sehen Ansichten von Stränden, von Küsten, von Sonnenaufgängen, von Sonnenuntergängen, von Schiffen, von Matrosen, von Anglern.

David Grube, Kurator

So darf man mit dieser Schau endlich mal wieder auf Reisen gehen: An die Ostsee oder nach Thüringen und letztlich in die USA. Dorthin ging Feininger im Jahr 1937 zurück. Doch viele Motive behielt er auch im Spätwerk bei. Auch das kann man in Quedlinburg entdecken.

Lyonel Feininger: Düne II (Aquarell, 1925)
Lyonel Feininger: "Düne II" (Aquarell, 1925) Bildrechte: VG Bild-Kunst, Bonn 2021/Kulturstiftung Sachsen-Anhalt

Informationen zur Ausstellung BECOMING FEININGER
Lyonel Feininger zum 150. Geburtstag
Bis zum 9. Januar 2022

Lyonel-Feininger-Galerie | Museum für grafische Künste
Schlossberg 11
06484 Quedlinburg

Der Besuch des Museums ist ausschließlich mit Voranmeldung durch ein termingebundenes Online-Zeitticket möglich. Tickets können im Shop auf der Website des Museums erworben werden. Dort gibt es auch weitere Hinweise für den Museumsbesuch in Corona-Zeiten.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. April 2021 | 08:10 Uhr

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