Forschung und Aufarbeitung Raub- und Kolonialkunst in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen

Der Umgang mit Raubkunst in den Museen ist ein brisantes Thema, das aktuell sehr debattiert wird. Am DNT Weimar wird es sogar in der Neuinszenierung der Verdi-Oper "Aida" thematisiert. Und koloniale Erinnerungsstücke und Trophäen gibt es auch in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt. Denn zur deutschen Kolonialgeschichte gehörten auch mitteldeutsche Forscher und Eroberer. Wo die Kultur- und Kunstobjekte sind und wie sie derzeit in Forschungsprojekten aufgearbeitet werden, erfahren Sie hier anhand einiger Beispiele.

Sachsen-Anhalt: Die Sammlung Hans Schomburgk im Museum Burg Querfurt

Hans Schomburgk (1880-1967) war ein sowohl in der DDR wie auch in der BRD anerkannter deutscher Afrikaforscher. Ein prägender Vorgänger für Heinz Sielmann und Bernhard Grzimek, aber auch Abenteurer und Großwildjäger.

Hans Schomburgk
Hans Schomburgk mit seinem Buch "Meine Freunde im Busch" Bildrechte: dpa

Zudem gilt er als Filmpionier in Sachen Afrika, als erster überhaupt bereiste er den afrikanischen Kontinent 1913/1914 mit einer Filmkamera und präsentierte seinem Publikum geheimnisvolle afrikanische, aber auch koloniale Lebenswelten, etwa mit seinem Spielfilm "Weiße Göttin der Wangora", seinen Dokumentaraufnahmen aus Togo 1914 oder aus dem Sudan 1917.

Seine Afrikasammlung überschrieb der Forscher der Stadt Querfurt im Saalekreis, denn von dort stammen seine Vorfahren. Die Exponate lagern heute teils im Museum Burg Querfurt, teils im Leibniz-Institut für Länderkunde in Leipzig, darunter Masken, Schomburgks Fotoplatten und Filmaufnahmen. Längst sind nicht alle Fragen zur ursprünglichen Verwendung der kultischen Objekte geklärt.

Hans Schomburgk
Hans Schomburgk (2.v.l.) bei einer seiner Afrikareisen Bildrechte: imago/ZUMA/Keystone

Obwohl der Afrikaforscher ein Pionier war, sind seine Schriften und Filme vom kolonialen Zeitgeist geprägt und müssen aufgearbeitet werden. Auch, wie Schomburgk seine Ethnografica erworben hat, wie sie nach Deutschland gelangten, soll erforscht werden. So übergaben Schomburgks Erben dem Querfurter Museum unter anderem auch eine Maske und eine Kette des legendenumwobenen Bundu-Ordens. Ob es ihn überhaupt gegeben hat, wie er existierte, ob Kette und Maske überhaupt zum Bundu-Orden gehören und welchen Zwecken sie einst dienten, will das Forschungsprojekt beispielsweise herausfinden. Und auch, ob Schomburgk den Bundu-Orden in seinen Büchern und Filmen romantisierte und dramatisierte.

Sachsen: Togo-Sammlung der Staatlichen Ethnografischen Sammlungen Sachsen

Ein Sammelband herausgegeben vom Cigaretten-Bilderdienst Dresden von 1936. Sammelbild Togo
Aus dem Sammelband "Togo", herausgegeben vom Cigaretten-Bilderdienst Dresden von 1936 Bildrechte: IMAGO / Arnulf Hettrich

Mit dem so genannten "Togoland" hatten sich die Deutschen 1884 ein kleines Stück Afrika gesichert. Nachdem sie ihren Besitz auch mit Gewalt ins Landesinnere ausgedehnt hatten, herrschten sie über etwa eine Million Menschen. In jenen 30 Jahren "Togoland" war es eine illustre Truppe von Deutschen, die aus verschiedenen Gründen die kleinste Kolonie ihres Landes bereiste und Sammlungen mitbrachte – die sie schließlich den damals im Aufbau befindlichen, ethnologischen Museen in Deutschland stiftete.

Vodoo-Puppe
Auch heute wird die Religion noch ausgeübt: Voodoo-Schrein auf einem Fetischmarkt Lome, Togo Bildrechte: imago/Danita Delimont

Viele kultische Objekte befinden sich in der sächsischen "Togo-Sammlung", etwa aus der dort beheimateten Voodoo-Religion, aber auch Alltagsgegenstände – und weniger Schätze aus Gold. Typische Objekte der Togo-Sammlung sind beispielsweise Kauri-Schnecken, die zur Weissagung dienten, ein kleiner Holzhocker, der Geister auffordern soll, darauf Platz zu nehmen, zudem kleine Zwillingsfiguren, die mit kleinen Holzstücken und anderen Objekten behängt sind. Sie sollen heilen und positive Kraft geben.

Das Forschungsprojekt soll klären, unter welchen Umständen die Objekte erworben wurden. Um die Provenienz von rund 700 Stücken detailliert zu klären, gelang es, drei Fachleute aus Togo zu verpflichten, zwei gar Germanisten, die in Archiven auf die Suche gehen, sowie zwei studentische Hilfskräfte. So ist Dr. Ohiniko Mawussé Toffa Germanist und kann somit historische, schriftliche, deutschsprachige Akten lesen. Er sichtet vor allem die Aktenlage aus der Kolonialzeit. Weiterhin konnten die Staatlichen Ethnografischen Sammlungen Sachsen Dr. Messan Tossa verpflichten, ebenfalls Germanist, der in Lomé, in der Hauptstadt Togos, im Staatsarchiv angestellt ist und dort ein großes Konvolut an deutschen Kolonial-Akten bearbeitet. Ein dritter im Bunde ist Patrick Effiboley, Museologe; er wird die sächsische Togo-Sammlung gezielt untersuchen.

Thüringen: Sammlung indonesischer Schädel auf Schloss Friedenstein in Gotha

Schädel, davor Schild mit Informationen.
Objekt aus der Sammlung indonesischer Schädel auf Schloss Friedenstein Gotha Bildrechte: Stiftung Schloss Friedenstein Gotha

In die Kolonialgeschichte Indonesiens führt ein Forschungsprojekt auf Schloss Friedenstein in Gotha. Mindestens 24 menschliche Schädel lagern im Depot, Beschriftungen verorten einen Teil von ihnen nach Banjarmasin auf Borneo, das Mitte des 19. Jahrhunderts Schauplatz eines brutalen Kolonialkrieges war. In den Kämpfen bezwangen die Holländer die einheimischen Dayak, im Übrigen auch mit Hilfe deutscher Söldner.

Aufgeschlagenes Register mit Informationen zur Herkunft der Schädel.
Die Schädel wurden mit Objektnummern nach Herkunft katalogisiert Bildrechte: Stiftung Schloss Friedenstein Gotha

Vor 150 Jahren gelangten die Schädel über niederländische Sammler in die herzoglichen Bestände. Sehr viel mehr wusste man nicht, als man das Projekt zu ihrer Erforschung startete, unter anderem zusammen mit dem Schweizer Ethnologen Adrian Linder, der beispielsweise herausfand, dass der damalige holländische Oberbefehlshaber der Armee ein Gemetzel unter den Männern der Dayak anrichten ließ.

Da an den Schädeln auf Borneo ein großes öffentliches Interesse besteht, wird es wohl in kommender Zeit eine Rückgabe geben.

Kunst und ihre Herkunft

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 29. Oktober 2021 | 12:10 Uhr

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