Ausstellung in Meißen Künstlerin Gaby Taplick macht begehbare Recycling-Kunst aus Sperrmüll

Mit ihrer raumgreifenden Holzkunst verhilft die Künstlerin Gaby Taplick Sperrmüll zu neuer Schönheit. Für ihre aktuelle Installation hat sie in Meißen ein 700 Jahre altes Kreuzgewölbe in einer begehbaren Landschaft aus Altmöbeln nach unten gespiegelt.

Holzinstallation der Künstlerin Gaby Taplick 4 min
Bildrechte: MDR/Heike Schwarzer

Renaissancegiebel spiegeln sich in den raumhohen Fenstern des Meißner Kunstvereins. Wer in den letzten Wochen am mittelalterlichen Markt von Meißen unterwegs war, konnte dem Entstehungsprozess von Gaby Taplicks raumgreifender Holzinstallation gut folgen: die Säge kreischte, die Bohrmaschine heulte, der Duft gesägter Sperrholzbretter zog die Burgstraße hinauf Richtung Dom. "Ich hatte noch gar keine Zeit, Meißen kennenzulernen. Ich habe hier nur gearbeitet", sagt Gaby Taplick, die sofort eine Idee hatte, als sie vor zwei Jahren die Ausschreibung für das Residenzstipendium des Meißner Kunstvereins las. "Als ich mich beworben habe, sind mir hier die Kreuzgewölbe aufgefallen. Für mich sind sie eher ungewöhnlich. Und genau das war der Ausgangspunkt, ich wollte das Kreuzgewölbe in den Raum nach unten spiegeln, ich wollte mit den Wölbungen arbeiten."

Erinnerungen erlebbar machen

Wie eine Möbelplatten-Pipe, aufgefächert in unzählige und unterschiedliche geometrische Formen wölbt sich nun Gaby Taplicks Holzlandschaft um die Säulen des Galerieraums, zieht sich hoch über weiße Wände. Das lädt ein zum Berühren, Atmen und Erinnern. "Alte Möbelteile machen Erinnerungen sichtbar, spürbar oder auch riechbar. Also, die riechen alle auch sehr unterschiedlich, wenn ich die bekomme. Und die Farben sind so vielfältig. Dabei denken die meisten nur, Schränke sind braun oder weiß."

Gaby Taplicks Holzinstallation aus Sperrholz spiegelt das historische Deckengewölbe.
Gaby Taplicks Holzinstallation aus Sperrholz spiegelt das historische Deckengewölbe. Bildrechte: MDR/Heike Schwarzer

Kunstinstallationen aus Sperrmüll

Gaby Taplick entwickelt raumgreifende, begehbare und oft große Holzinstallationen für Ausstellungen, Galerien oder öffentliche Orte in Deutschland, in der Schweiz, Taiwan und immer wieder in Japan. Die 46-jährige Berliner Künstlerin sägt, schraubt und formt ihre Arbeiten häufig nach demselben Prinzip, am Ort selbst und als Prozess. Am Beginn steht der Sperrmüll. Matthias Lehmann vom Kunstverein Meißen half diesmal beim Sammeln und legte auch bei lärmempfindlichen Nachbarn ein gutes Wort für die Kunstaktion ein. Auch Kuratorin Maren Marzilger fand übers Internet Altmöbel in Meißen, Dresden und Pirna. Furnierte Bretter in Weiß, Rot oder Eiche, manchmal auch massiv, in Hochglanz oder feingeschliffen, je unterschiedlicher, desto besser. Gaby Taplick: "In den 90er-Jahren habe ich in Leipzig gelebt und auf den Straßen alles gefunden, was ich brauchte. Als ich Kunst studierte in Hannover, habe ich nach den Messen die Schrauben aufgelesen. Ich verwende alle meine Materialien möglichst lange und immer wieder: die Schrauben und auch die Spanplatten."

Holzinstallation der Künstlerin Gaby Taplick
Für ihre Kunstwerke sammelt Gaby Taplick die unterschiedlichsten Altmöbel-Teile. Bildrechte: MDR/Heike Schwarzer

Moderne Kunst trifft auf historisches Meißen

Rund 700 Jahre Raumdesign liegen zwischen Gaby Taplicks Holzinstallationen und dem Deckengewölbe unter dem sie vier Wochen in Meißen gearbeitet hat. Matthias Lehmann vom Kunstverein freut sich über diese Begegnung: "51 Künstlerinnen und Künstler hatten sich vor zwei Jahren auf das Residenzstipendium beworben, die Auswahl der fünfköpfigen Jury war eine wirklich gute Wahl."

Gabi Taplick sägt noch die letzten Bretter passgenau und verschraubt ein Sperrholz auf dem Boden. Sicher, ihre Kunst ist Recycling, ist nachhaltig, sie erinnert an den Wert des vermeintlich Wertlosen. Aber sie vermittelt den Betrachtern auch jenseits aller ästhetischen Kategorien immer wieder neue Perspektiven auf die Dinge, die uns umgeben. Gaby Taplick spricht als stille, visionäre Botschafterin der Wegwerfware Sperrholz ein neues Leben zu. Durch sie darf es einfach schön sein.

Holzinstallation der Künstlerin Gaby Taplick
Kunsthistorikerin Maren Marzilger, Matthias Lehmann vom Kunstverein Meißen und Künstlerin Gaby Taplick Bildrechte: MDR/Heike Schwarzer

Informationen zur Ausstellung Gaby Taplick: DURCHDRINGUNG
29. Mai bis 3. Juli 2021

Burgstraße 2
01662 Meißen

Öffnungszeiten:
Mittwoch bis Samstag 11 bis 18 Uhr
Eintritt frei

Zeitgleich können vier Interessierte die Ausstellung besuchen. Voraussetzung ist ein aktueller Test oder Impfnachweis und ein medizinischer Mund-Nasen-Schutz.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. Mai 2021 | 16:40 Uhr

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