Ambitionierte Pläne Neugestaltung: Magdeburger Technikmuseum widmet sich der Industriekultur

Momentan sind die Kulturinstitutionen geschlossen, doch hinter den Kulissen wird hart gearbeitet. Das Technikmuseum in Magdeburg gehört dazu, denn hier wird momentan ein Relaunch vorbereitet. Denn nachdem das Museum bereits kurz vor der Schließung stand und von einem Förderverein übernommen wurde, soll es nun – nachdem es seit zwei Jahren unter neuer Leitung wieder in städtischer Hand ist – als Industriemuseum umgebaut werden.

Technikmuseum von außen
Das Technikmuseum in Magdeburg soll zu einem Industriemuseum werden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Eingang Technikmuseum Magdeburg 4 min
Bildrechte: MDR/Tom Kühne
Eingang Technikmuseum Magdeburg 4 min
Bildrechte: MDR/Tom Kühne

Wie vielen deutschen Technikmuseen geht es auch dem Magdeburger: Als ehemalige Industriehalle liegt es nicht im Zentrum, sondern an der Peripherie der Stadt. Vielleicht fehlte es auch deshalb an jeglicher Zuwendung. Wegen der Haushaltskrise Ende der 90er-Jahre sollte es bereits geschlossen werden. Dann wurde es aber von einem Förderverein betrieben. Erst vor zwei Jahren übernahm es die Stadt wieder und der neue Leiter Hajo Neumann wurde berufen.

Wir bereiten uns jetzt gerade darauf vor, wirklich das ganze Museum komplett auf andere Füße zu stellen. Das bedeutet, wir wollen uns neue Aufgabenfelder erschließen.

Hajo Neumann, Leiter des Technikmuseums Magdeburg

Potentiale nutzen

Der Umbau soll das Museum bodenständig und bürgernah machen. Es solle mehr Ausrichtung auf Schülerinnen und Schüler sowie ehrenamtliches Engagement vorgenommen werden. Mögliche Ideen wären Repair-Cafés und Schauwerkstätten, so Neumann.

Museumskonzepte hat Hajo Neumann schon für Mannheim und Wilhelmshaven entwickelt und so sieht er auch für Magdeburg großes Potential: "Mit der Schwerindustrie hat man einfach starke Themen. Wir können etwas zum Thema Junckers beitragen. Wir haben keine Ju52 hier aber wir können etwas zum Strahltriebwerk sagen. Dann haben wir den Hans Grade hier. Viele wissen gar nicht, dass Magdeburg auch eine Wiege der Fliegerei gewesen ist: In Magdeburg ist der erste erfolgreiche deutsche Motorflug durchgeführt worden. Wir haben Entwicklungslinien in der Raketentechnik."

Die Authentizität ist eine große Stärke

Alte Aufnahme vom SKET-Eingang in Magdeburg
Das Schwermaschinen-Kombinat "Ernst Thälmann" verbildlicht die Magdeburger Industriekultur-Tradition. Bildrechte: MDR/Tom Kühne

Vorallem aber die Tradition des Schwermaschinenbaus stehe exemplarisch für die Industriekultur, zudem sie an authentischem Ort erzählt werden kann. Denn der riesige Ziegelsteinbau stammt von Hermann Gruson, einer der Großindustriellen, die Magdeburg im 19. Jahrhundert reich gemacht haben: Hier wurden Eisenbahnstränge und später Rüstungsgüter produziert. Nach 1945 wurde man Teil des Schwermaschinen-Kombinats "Ernst Thälmann", kurz "Sket", mit 13.000 Beschäftigten. Nach 1989, als dann die Wende kam, sei es mit der Industrie in Magdeburg sehr schnell bergab gegangen.

Das hat die Menschen wie ein Orkan heimgesucht. Da standen zigtausend gut ausgebildete Menschen plötzlich auf der Straße vor dem Nichts und auch vor der Perspektivlosigkeit.

Hajo Neumann, Leiter des Technikmuseums Magdeburg über den Niedergang der Magdeburger Industrie

Erwerbsbiografien aus Magdeburg sollen eine größere Rolle spielen

Diese sozialen Umstände will Neumann in Zukunft stärker in den Blick nehmen. Als studierter Sozial- und Wirtschaftshistoriker interessieren ihn die Auswirkungen der Technik auf den Menschen. Ein konkretes Projekt wurde bereits durch die Kulturhauptstadtbewerbung angeschoben: "Working Generation". In Kooperation mit der Universität aber auch mit Künstlern, will man die meist gebrochenen Erwerbsbiografien beleuchten.  

Eingang Technikmuseum Magdeburg
In Zukunft soll im Technikmuseum der Fokus mehr auf die Menschen gelegt werden, wie zum Beispiel im Projekt "Working Generation". Bildrechte: MDR/Tom Kühne

"Wie ging es eigentlich den Menschen hier? Wie hat sich das eigentlich angefühlt? Zum Beispiel so eine ganze Schicht an so einem Dampfhammer zu arbeiten? Der Lärm auch die Unfallgefahr spielt eine große Rolle. Das sind alles Fragen die die Ausstellung, wie sie im Moment ist, gar nicht beantworten kann, also dass Menschen die Möglichkeit haben ihre Geschichten zu erzählen, ernstgenommen zu werden und Wert geschätzt zu werden. Ich glaube, das kann für die Stimmung in der Stadt ganz viel betragen", erklärt Neumann. So soll das Magdeburger Museum beides sein: ein Ort der Identifikation aber auch ein touristischer Anziehungspunkt. Der Plan sei, in zehn bis 15 Jahren aus dem aktuell bescheidenen Haus ein Haus überregionaler Strahlkraft zu machen.

Das kann Landesmuseum heißen, das kann Stiftung heißen. Jedenfalls wollen wir mit unseren Themen weit über die Stadtgrenzen hinausgehen.

Hajo Neumann, Leiter des Technikmuseums Magdeburg

Vorerst allerdings muss man sich noch bescheiden, doch lohnt der Besuch allemal: Denn die riesige Halle und auch manch mächtige Gerätschaft sind atemberaubend – ein tolles Ambiente übrigens auch für die geplanten Veranstaltungen in diesem Jahr: Musik, Kabarett und auch Geschichte. Denn Neumann plant eine Art Jubiläumsfachtagung: Denn in diesem Jahr feiert Hermann Gruson seinen 200. Geburtstag und die von ihm hinterlassenen Gewächshäuser werden 125 Jahre alt.

Besucher im Technikmuseum
Das Museum befindet sich in einer ehemaligen Industriehalle, die außerhalb des Stadtzentrums liegt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. Februar 2021 | 07:40 Uhr

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