"Architekt der DDR" Dessau, Shanghai, HaNeu: Wie Richard Paulick zum Vater der Platte wurde

Ohne Richard Paulick sähe Ostdeutschland ganz anders aus. Zurück aus dem Exil in China wurde er zum Chefarchitekten der DDR-Großprojekte: für Stalinallee und Staatsoper in Ost-Berlin, Dresdens Wiederaufbau, für Hoyerswerda und Halle-Neustadt. Paulick setzte das industrielle Bauen durch und wurde so zum Vater der "Platte", des Plattenbaus. Einst Student bei Hans Poelzig, Bauhaus-Jünger und Stadtplaner für Shanghai, führte er später Regie für die Chemiearbeiterstadt HaNeu, die zur Blaupause für Neubauten in der ganzen DDR wurde. Dabei wird sein spannendes Leben und Wirken erst jetzt wiederentdeckt.

Richard Paulick 30 min
Richard Paulick Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Etwa mehr als die Hälfte der Ostdeutschen weiß, wie es sich "in der Platte" lebt: In engem Kontakt mit Nachbarn, in Wohneinheiten mit gleichen Grundrissen, mit Einbau-Küche, Durchreiche ins Wohnzimmer, Spannteppich, fensterlosem Bad. Wer so ein Quartier mit fließend Warmwasser und Fernheizung ergatterte, mit Kaufhalle, Schule oder Kita gleich um die Ecke, durfte sich glücklich schätzen. Denn in der DDR herrschte Wohnungsnot.

Paulick entwarf Wohnungen für die Massen

Lebensläufe: Richard Paulick im Porträt
Richard Paulick (Aufnahme aus den späten 1920er-Jahren) auf einem Balkon des Bauhauses Dessau, wo seine Karriere als Assistent von Gropius begann. Bildrechte: Natascha Paulick

"Jedem seine eigene Wohnung", so lautete die Parole von Partei und Staat Anfang der 70er. Der Bedarf war riesig. Schon ein Jahrzehnt zuvor begann deswegen ein technologisches Experiment. Ganze Planstädte bzw. Siedlungen für tausende Menschen, die in den neuen Kombinaten arbeiteten, entstanden in Eisenhüttenstadt, Hoyerswerda oder Schwedt. Undenkbar ohne industrielles Bauen. Durchgesetzt wurde die Methode, vorgefertigte Betonteile zu montieren, von Richard Paulick, der als Leiter des Muster- und Experimentalbüros der Bauakademie auch erkunden und testen ließ, wie sie beschaffen sein muss: die Platte. So wurde der einstige Bauhaus-Jünger und Weltbürger, geboren 1903 in Dessau-Rosslau, in einem ganz grundlegenden Sinne zum "Architekten der DDR".

Städte nach dem Baukasten-Prinzip

Als junger Mann träumte Paulick davon, Städte nach dem Baukastenprinzip zu bauen, die trotzdem lebendig sind. Am Ende seiner Karriere wurde er Chefarchitekt von Halle-Neustadt. Sogar aus Frankreich, Italien, Finnland und Mexiko kamen sie in den 60er-Jahren, um zu sehen, wie Paulick den Aufbau einer Großsiedlung für 100.000 Menschen managte. Tags gingen sie in Leuna oder Buna ans Werk, um heimzukehren in die "Chemiearbeiterstadt".

Wir werden sie dichter und höher bebauen, als es jetzt hier dargestellt ist, weil wir die Einwohnerzahl von 70.000 auf 100.000 erhöhen wollen. Das ist die Kapazität, die wir in unseren Versorgungsleitungen haben.

Richard Paulick In einem Film über Halle-Neustadt, DEFA 1968

Ostdeutschland sähe vermutlich anders aus ohne Paulick, dabei war er lange vergessen, was kein Zufall ist.

Ein Aufsteller in einer Ausstellung über den Architekten Richard Paulick.
Wie Halle-Neustadt entsteht: Neubauten und Hochstraße. Collage aus historischen Aufnahmen auf einem Aufsteller in der Ausstellung über Paulick, die unter dem Titel "Bauhaus, Shanghai, Stalinallee, Ha-Neu" bis August 2021 im Bauhaus Dessau zu sehen war. Bildrechte: Stiftung Bauhaus Dessau

Poelzig, Bauhaus und Kreativität im Team

Wohnungen für die Massen und der Lebensraum drumherum, das ist Paulicks Lebensthema. Er war der Sohn eines etablierten SPD-Politikers in Anhalt, der die Ansiedlung des Bauhauses nach der Vertreibung aus Weimar 1926 in Dessau mit befördert hatte. Er studierte Architektur in Dresden und bei Hans Poelzig in Berlin, Spezialgebiet Stadtplanung, und er bewegte sich in Bauhaus-Kreisen. Mit Georg Muche konstruierte und baute er das Stahlhaus, ein einfaches Siedlungshaus, serientauglich und Avantgarde zugleich, das sich heute noch in Dessau besichtigen lässt.

Lebensläufe: Richard Paulick - Architekt der DDR
Das Stahlhaus in Dessau Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Er produzierte Aufklärungsfilme übers Neue Bauen. Sein Thema: Das Wohnungselend in Deutschland und wie man ihm begegnen kann. Seine Antwort: die Weiterentwicklung der Bauwirtschaft, vom Handwerk zur Industrie. Paulick kannte die Bauhausmeister, auch den Architekten-Direktor Walter Gropius. Von 1927 bis 1930 arbeitete er für dessen Büro, gründete ein eigenes und realisierte Bauaufträge in Dessau, wie die Versuchssiedlung Törten mit. Schon damals experimentieren sie mit der Fließfertigung von Bauteilen und Kranbahnen, um sie zu bewegen.

Paulicks Penthouse auf Block C der Stalinallee

Lebensläufe: Richard Paulick - Architekt der DDR
Blick auf die Karl-Marx-Allee und die Penthouse-Terasse. Mit dem Boulevard hat sich Berlin inzwischen um den Welterbe-Titel beworben. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sich selbst richtete Paulick später ein Penthouse auf seinem Block C der Ost-Berliner Stalin-, später Karl-Marx-Allee, ein. Kaum einer weiß heute noch, dass er die Federführung für das ganze Nachkriegs-Prestigeprojekt der 50er hatte, als noch von Palästen für die Arbeiter an Deutschlands erstem sozialistischen Boulevard die Rede war.

Den großzügigen Wohnkomfort dort genießt heute Paulicks Enkelin Natascha, die erst das ganze Inventar in der Familie verteilte, "um atmen zu können", dann aber alles wieder zusammenfügte zum originalen Gesamtkunstwerk. Unverrückbar Paulicks Stuhl am Esstisch, auf dem niemand außer dem Großvater Platz nehmen durfte, wie sie sagt. Unvergesslich ein Satz, der oft fiel und Natascha Paulick, die Schauspielerin und Fotografin ist, prägte:

Was du im Kopf hast, kann dir keiner nehmen.

Richard Paulick

Lebensläufe: Richard Paulick im Porträt
Der Architekt Richard Paulick (1903-1979) Bildrechte: Natascha Paulick

Exil in China: Dekorateur und Stadtplaner für Groß-Shanghai

Vielmehr als seine Ideen hatte Paulick nicht, als er im Mai 1933 Nazi-Deutschland fluchtartig in Richtung China verließ. Die Auftragslage war prekär, auch fühlte er sich als linker Intellektueller und bekannter Sozialist nicht mehr sicher. Seine Konten waren bereits gesperrt. Ein Freund bezahlte ihm das Ticket nach Shanghai, damals eine westlich geprägte Metropole, in der Paulick nun seine eigene soziale Frage lösen musste.

Der begabte Generalist hatte Erfolg als Designer von Nachtbars und Luxuswohnungen, kam aber dann auf sein Thema zurück. An der amerikanischen Universität wurde er erst Professor für Innendekoration, um dann das Fach Stadtplanung einzuführen und schließlich als Exil-Deutscher am Konzept für die Großregion Schanghai mitzuarbeiten, das nicht auf die Megacity, sondern auf Dezentralisierung durch Satellitenstädte setzte. Nichts davon wurde Realität, als die Kommunisten unter Mao an die Macht kamen und er seine neue Heimat nach 17 Jahren wieder verlassen musste.

Neustart in der DDR: Stalinallee, Staatsoper, Sozialistische Stadt

Lebensläufe: Richard Paulick - Architekt der DDR
Paulick-Biograf Dr. Eduard Kögel Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nach einer Odyssee durch Europa landete er 1950 in einem Land, das gerade aus Ruinen auferstehen wollte. Pläne, in die USA zu gehen, hatten sich zerschlagen. Dort hatte Gropius gerade eine Vereingung junger Architekten gegründet, um zu betonen, wie wichtig Kreativität und Teamarbeit im Dienste der Gesellschaft sind. Paulick war nicht mehr jung. Sein Vater, einst SPD-Mann, dann SED-Funktionär, ermutigte ihn, in die DDR zu kommen. Tatsächlich machte er schnell Karriere, seine Arbeit in Shanghai beeindruckte Hans Scharoun, den Direktor des Instituts für Bauwesen, der die DDR allerdings bald verließ.

Es gab niemand, der so große Projekte koordinieren und gleichzeitig konzeptionell auch durchdenken konnte.

Eduard Kögel Paulick-Biograf

Auch wenn Paulicks Emigrationsgeschichte und Bauhaus-Prägung in stalinistischen Zeiten manchem Funktionär suspekt erschienen: Er wurde der Mann für die Großprojekte, der sich zunächst noch Kritik am historisierenden Zuckerbäcker-Stil in Moskau erlaubte, um dann einzulenken.

Vor den Weltfestspielen 1951 verantwortete er den Bau der "Deutschen Sporthalle" für 5.000 Besucher, die in nur 148 Tagen entstand. Er plante den Neubau des kriegszerstörten Dresdner Zentrums und der Verkehrshochschule. Als Glanzleistung gilt bis heute der Wiederaufbau der Staatsoper Unter den Linden, wo er auch barocke Pracht zu rekonstruieren wusste. Er war als Chefarchitekt verantwortlichen für die ersten sozialistischen Planstädte in Hoyerswerda und Schwedt. Über 50 Messe- und Ausstellungsbauten errichtete Paulick für die DDR in aller Welt.

Lebensläufe: Richard Paulick - Architekt der DDR
In Hoyerswerda war Paulick Chefarchitekt. Die Kleinstadt wuchs durch das nahe Braunkohleveredlungswerk Schwarze Pumpe von 7.000 auf 70.000 Einwohner. Hier wurde der industrielle Wohnungsbau zwischen 1957 und 1965 erstmals im großen Maßstab durchexerziert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Vom Superstar zum Komplexprojektanten

Aus Zeiten seiner Emigration wusste Paulick, wie wichtig Netzwerke sind, um zu überleben. Offenbar nutzte er sie so gut, dass dem Lebemann, der so arbeitswütig wie feierfreudig war, auch Stasi-Schnüffelei vorerst nichts anhaben konnte. Paulick sei als Organisator und Manager einfach unersetzlich gewesen, so sieht es Biograf Eduard Kögel.

Bis die Architektur in der DDR ohne Architekten auszukommen schien. In Halle-Neustadt wurde aus dem Superstar der Komplexprojektant. Die Leistungspalette der Betonplattenwerke bestimmte immer mehr die Planungen. Paulick, der auf einen kreativen Umgang mit den Fertigteilen pochte, junge Architeken mit progressiven Ideen einbezog, wurde schließlich an die Seite gedrängt. Aus seiner Vision wurde vielerorts Monotonie in Beton, und in einer neuen Ära nicht die Wohnungsnot, sondern "die Platte" zum Problem.

Lebensläufe: Richard Paulick - Architekt der DDR
Kreativer Umgang mit der Platte. Blick aufs Dach des Rundkindergarten Burratino in Halle-Neustadt Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Lange vergessen und wiederentdeckt

Die sozialistische Chemiearbeiterstadt ist nie fertig geworden. Die unter Paulicks Ägide geplanten Kultur- bzw. Erholungsräume entstanden nicht mehr. Der Partei gilt "HaNeu" trotzdem als Erfolg und Blaupause. 3,8 Millionen Neubauwohnungen entstanden bis 1989 im Land. Für sein Wohnungsprogramm ließ sich Partei- und Staatschef Erich Honecker bis zum Ende der DDR feiern. Richard Paulick wurde 1974 aus allen Ämtern entfernt, 1979 starb er in Ost-Berlin, weitgehend vergessen und unbemerkt von der Öffentlichkeit. Nun - in Zeiten neuer Wohnungsnot - wird er wiederentdeckt, wie zuletzt in einer Ausstellung am Bauhaus Dessau.

Buchtipp Bauhaus, Shanghai, Stalinallee, Ha-Neu:
Der Lebensweg des Architekten Richard Paulick
1903-1979
Lukas Verlag

"Die Platte" gestern und heute

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Lebensläufe | 07. Oktober 2021 | 23:10 Uhr