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Erneutes RichtfestUmgang mit DDR-Moderne: Debatte um Weimarer Mensa am Park hält an

von Mareike Wiemann, MDR KULTUR-Landeskorrespondentin Thüringen

Stand: 10. März 2021, 04:00 Uhr

Vor 15 Jahren sorgte der Abriss des Palasts der Republik in Berlin für eine heftige Debatte. Damals kochte eine Grundsatzfrage hoch, die nach der Wende verdrängt worden war: Wie umgehen mit Bauwerken der DDR-Moderne? In Weimar hatte diese Debatte ganz konkrete Folgen – für die Uni-Mensa am Park. Anders als in Berlin war der Widerstand gegen den Abriss so groß, dass die Mensa stehen blieb. Jetzt durfte die Öffentlichkeit beim Richtfest am Dienstag schauen, wie die ebenfalls nicht unumstrittene, denkmalgerechte Sanierung vonstatten geht.

Die Weimarer Mensa am Park ist noch eine Baustelle: Der Original-Boden ist mit OSB-Platten versiegelt, die Platten an der Decke fehlen und geben den Blick auf die Stahlträgerkonstruktion frei.

"Zielführender Kompromiss"

Wirtschaftsminister Tiefensee beim Richtfest Bildrechte: MDR/Conny Mauroner

Trotz Pandemie hat das Studierendenwerk Thüringen es sich nicht nehmen lassen, nun in großem Stil Richtfest zu feiern. Vielleicht, weil der Weg bis da hin ein sehr langer war. Es gab zähe Aushandlungsprozesse zur Frage, wie der Funktionsbau denkmalgerecht saniert werden könnte. Ralf Schmidt-Röh, Geschäftsführer des Studierendenwerks, ist mit dem sich anbahnenden Ergebnis nun ziemlich zufrieden: "Zum Anfang waren die Standpunkte diametral verschieden. Dann gab es einen intensiven Austausch. Letzten Endes haben wir einen zielführenden Kompromiss gefunden."

Auch Hans-Rudolf Meier, Professor für Denkmalpflege in Weimar, ist vor Ort. Er ringt seit Jahren um eine respektvolle Sanierung der Mensa. Für ihn ist das Gebäude aus dem Jahr 1982 besonders, weil es einst vergleichsweise behutsam in seine Umgebung eingefügt wurde: Um das benachbarte historische Gärtner-Haus nicht abreißen zu müssen, wurde die Mensa vom Grundriss her verkleinert, die große Fensterfassade fällt gestuft nach hinten ab.

Die Mensa mit ihren besonderen Leuchten Bildrechte: Gilbert Weise

Auch die Inneneinrichtung ist für Meier erhaltenswert, vor allem das Leuchtensystem, das es genau so auch einst im Ost-Berliner Palast der Republik gegeben hat. Doch genau die Leuchten sorgten monatelang für Diskussionen, wie sich Meier erinnert: "Das wichtigste Argument dagegen war: 'Die sind einfach zu aufwändig zu reinigen, zu putzen, zu ersetzen.' Gleichzeitig sagten sowohl die institutionalisierte Denkmalpflege als auch die Interessierten hier an der Uni: 'Das ist so ein wesentliches Charakteristikum dieser Mensa, dass das in irgendeiner Form bleiben muss.'"

Rückblende: Mensa-Bewegung gegen den Abriss

Die alte, gestufte Fassade Bildrechte: Gilbert Weise

In den vergangenen zwei Jahren polarisierten die Leuchten – davor das Gebäude an sich. 2008 wollte es der damalige Rektor der Weimarer Bauhaus-Universität eigentlich abreißen lassen, um Platz für ein neues Museum zu schaffen. Doch Studierende und junge Uni-Mitarbeiterinnen und -mitarbeiter gingen auf die Barrikaden – und formierten durch die sogenannte Mensa-Debatte eine Gegenbewegung. Mit-Initiator Florian Kirfel erinnert sich: "Die Bauhaus-Uni hatte ja auch damals den Anspruch, Vorreiterin der Architektur zu sein und Debatten anzuführen. Gleichzeitig kam man aber mit solch einer hinterwäldlerischen, aus der Zeit gefallenen Position zum Abriss. Für uns war dieser Widerspruch eine Flanke, in die wir relativ gnadenlos – und erfolgreich – reingegrätscht sind."

Stimmungsumschwung pro Ost-Moderne

Innerhalb weniger Wochen sorgte die Mensa-Debatte in Weimar damals für einen Stimmungsumschwung in Sachen DDR-Moderne: Bürgerinnen und Bürger entdeckten den Wert des Gebäudes, die Politik wurde aufmerksam. Kurze Zeit später bekam die Mensa als erstes Gebäude der Spätmoderne in Thüringen den Denkmalstatus.

Neue Kontroverse um Sanierung und "Magerquark-Architektur"

Entwurf für die sanierte Fassade der Mensa in Weimar Bildrechte: Studierendenwerk Thüringen

Doch für die Akteure der Mensa-Debatte war die Geschichte damit nicht zuende: Es begannen die Streitigkeiten um die Sanierung. Kirfel, der heute als Architekt im Denkmalbereich tätig ist, zog sich irgendwann zurück. Frustriert vom Gebahren des Studierendenwerks Thüringen: "Da wird mit harter Hand regiert, die interessieren sich Null für Architektur. Alles, was Qualität verspricht, wird unter einem Bourgeoisie-Verdacht abgeschnitten. Und das betrifft nicht nur die Mensa, sondern auch Projekte wie 'Das Hundert' (ein Studierendenwohnheim, das im Rahmen der Internationalen Bauausstellung in Weimar gebaut werden sollte, Anm. d. Red.), das kurz und klein gesäbelt worden ist. Da wird mit harter Hand absolute Magerquark-Architektur gemacht – das ist echt nicht gut, was da läuft."

Beim Richtfest, zu dem Kirfel nicht eingeladen wurde, hört sich das ganz anders an. Geschäftsführer Schmidt-Röh betont, wie sehr man auf die Belange des Denkmalschutzes eingegangen sei. Auch das erste Fazit von Professor Hans-Rudolf Meier fällt nicht unbedingt harsch aus. Viel Originalsubstanz des Gebäudes sei erhalten geblieben, sagt er. Zwei Drittel der historischen Leuchten würden etwa wieder eingebaut.

Das jahrelange Streiten habe sich durchaus gelohnt. In einem halben Jahr soll sie wiedereröffnet werden, die Mensa am Park in Weimar.

Denkmalgeschütztes DDR-Gebäude Sanierung: Mensa am Park in Weimar feiert Richtfest

Am Dienstag ist in der Mensa am Park in Weimar zum Abschluss der Rohbauarbeiten das Richtfest gefeiert worden. Wissenschaftsminister Wolfgang Tiefensee sprach dazu im Speisesaal. Bildrechte: MDR/Conny Mauroner
Die Alurahmen sind noch die alten, doch das Fensterglas ist neu: Während der letzten Monate wurden die Fenster ausgebaut, gereinigt und mit mehrfach verglasten Scheiben versehen. Bildrechte: MDR/Conny Mauroner
Hier stehen normalerweise die Studentinnen und Studenten sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Schlange, doch momentan lässt sich nur erahnen, dass an dieser Stelle sonst Essen ausgegeben wird. Bildrechte: MDR/Conny Mauroner
Der Speisesaal als Rohbau. Nach dem Richtfest soll hier, wie in der gesamten Mensa, der Ausbau beginnen. Bildrechte: Studierendenwerk Thüringen
Vor der Sanierung sah der Speisesaal noch so aus. Bildrechte: Gilbert Weise
Und das ist geplant: Das Bild zeigt den Entwurf des Speisesaals für nach der Sanierung. Bildrechte: Studierendenwerk Thüringen
Das sind die Pläne für das Erdgeschoss nach der Sanierung. Bildrechte: Studierendenwerk Thüringen
Auch im Erdgeschoss sind die Sanierungsarbeiten im vollen Gange. Bildrechte: MDR/Conny Mauroner
Die Fassade ist eingerüstet. Bildrechte: Studierendenwerk Thüringen
So sah die Fassade früher aus ... Bildrechte: Gilbert Weise
... und so soll die Fassade der Mensa nach den Sanierungsarbeiten aussehen. Bildrechte: Studierendenwerk Thüringen
Die Mensa wurde 1982 in der damaligen DDR von einem Team um die Architektur-Professorin Anita Bach an der Hochschule für Architektur und Bauwesen (heute Bauhaus-Universität Weimar) geplant und mithilfe von Arbeitseinsätzen gebaut. Bildrechte: Gilbert Weise

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 10. März 2021 | 07:40 Uhr