"Der bewahrte Blick" Dresdner Ausstellung zeigt alte private Filmschätze

Beim Filmfest Dresden haben historische Filme traditionell ihren Platz – in Retrospektiven und alljährlichen Programmen mit Archiv-Schätzen. Dieses Mal zeigt das Programm "Familienangelegenheiten" Amateuraufnahmen aus Wohnzimmern der 1920er- bis 1940er-Jahre. Entstanden ist es zusammen mit einem Projekt der Sächsischen Landes- Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB). Deshalb zeigt die SLUB eine Ausstellung mit alten Filmen und Tondokumenten aus Sachsen. Die Ausstellung ist bis zum 6. Januar 2024 zu sehen.

Ausstellung "Der bewahrte Blick" in der SLUB Dresden: Schwarzweiß-Foto auf einem Ausstellungsmonitor
Die Ausstellung "Der bewahrte Blick" in der SLUB Dresden präsentiert alte Film- und Tondokumente aus privaten Mitschnitten. Bildrechte: SLUB Dresden, Anne Lippert

Kino auf Augenhöhe – so kann man die lebensgroße, sich endlos fortsetzende Projektion entlang einer Wand verstehen: Junge Frauen, in sorbischer Tracht, gehen durch Bautzen. Wobei dieser Zusammenschnitt von Aufnahmen vom Sorbenfestival 1956 gleichzeitig die Besucherinnen und Besucher auf ihrem Weg durch die Ausstellung begleitet.

Für Kino auf Augenhöhe steht aber auch ein 8-mm-Film von 1958 über den Schwimmbadbau in Marienberg. "Der Film ist nicht irgendwie narrativ geschnitten, es geht nicht darum, eine Handlung zu erzählen", erklärt Kurator André Eckardt während eines Rundgangs. "Es wurde gedreht von Leuten, die auch selber auf der Baustelle waren."

Oliver (Wieland Kahlert, re.) schließt Bekanntschaft mit der magischen Kammerjägerin Fiona (Jessica Trocha).
Oliver (Wieland Kahlert, re.) schließt Bekanntschaft mit der magischen Kammerjägerin Fiona (Jessica Trocha). Bildrechte: MDR/Kai Zwettler

SLUB Dresden zeigt private Filmaufnahmen aus dem Alltag von damals

Man sieht Männer und Frauen auf einer Waldlichtung, wie sie in ihrer Freizeit mit Spaten und Schaufel graben, die Erde mit Schubkarren abtransportieren. Heutzutage kaum vorstellbar, und da das Freibad vor einigen Jahren abgerissen wurde, ist der Film allemal ein beeindruckendes Zeitdokument. Wie auch alle anderen, die man sich auf Monitoren ansehen kann: etwa private Filmaufnahmen des Solobratschisten Alfred Schindler während eines Gastspiels der Sächsischen Staatskapelle 1973 in Japan oder auch das monatliche Kino-Magazin "Geithainer Rundblick" aus den 60ern – ein Vorläufer des Lokalfernsehens, wenn man so will.  

"Amateurfilmmaterial gibt es schon sehr lange, und man kann sagen, dass der Amateurfilm über viele Jahrzehnte nicht so wirklich Forschungsgegenstand war", sagt Kurator Eckardt. Doch das habe sich in den vergangenen 10, 15 Jahren geändert. Damit unterstreicht Eckardt, Referatsleiter für das audiovisuelle Erbe an der Sächsischen Landes-, Staats- und Universitätsbibliothek (SLUB) in Dresden, die Bedeutung des Digitalisierungsprojekts von historischen Film-, Video- und Tonaufnahmen. In das Projekt ist er seit der Pilotphase 2016 involviert.

Die SLUB digitalisiert massenweise alte Filmsammlungen

Seither wurden im Rahmen einer Kooperation von SLUB und Sächsischem Filmverband über 85.000 Spielminuten bearbeitet – Material, das aus rund 40 Sammlungen im Freistaat stammt. Dazu gehören das Archiv der Technischen Sammlungen in Dresden, aber auch die kleiner Stadtmuseen wie in Borna. Eine repräsentative Auswahl wird jetzt in der Ausstellung gezeigt.

Ausstellung "Der bewahrte Blick" in der SLUB Dresden: Exponat: Scheibe "Saxolith"
Die Ausstellung entführt die Besucher*innen in den sächsischen Alltag vergangener Zeiten Bildrechte: SLUB Dresden, Anne Lippert

Dort gibt es unter anderem eine Ecke, wo drei Amateurfilme von verschiedenen Familien aus verschiedenen Jahrzehnten nebeneinander platziert wurden. Dort sehe man zum Beispiel parallel Weihnachten 1920 in Dresden und 1950 in Zwickau, erzählt Eckardt.

Dresdner Ausstellung zeigt einige der ersten privaten Tonaufnahmen Sachsens

Drei mehr oder weniger prunkvolle Bilderrahmen, sprich Bildschirme an einer edel tapezierten Wand liefern die passende Atmosphäre zu diesen Blicken in private Wohnzimmer. Für die Inszenierung in der Galerie an sich stand die Idee eines Kinosaals Pate. Die darin befindliche Schatzkammer der SLUB, in der sonst seltene Handschriften präsentiert werden, kommt hingegen dem Vorführraum gleich und lässt hinter die Kulissen des so genannten "SAVE"-Projekts blicken – das steht für "Sicherung des audiovisuellen Erbes in Sachsen". Hier steht die Materialität der Film- und auch der Tonschätze im Mittelpunkt.

Eine alte Schallplatte, daneben die Hülle mit der Aufschrift "Sprechbrief - Die eigene Stimme auf der Schallplatte".
Mit Selbstschnittplatten waren private Tonaufnahmen schon in dern 30er-Jahren möglich. Zu sehen in der Ausstellung "Der bewahrte Blick" in der SLUB Dresden. Bildrechte: SLUB Dresden, Ramona Ahlers-Bergner

Eine Besonderheit sind Selbstschnittfolien und Selbstschnittplatten aus den 30er- und 40er-Jahren. Laut André Eckardt war das eine der ersten Möglichkeiten überhaupt, im privaten oder semiprofessionellen Bereich Tonaufzeichnungen zu machen. In der Sammlung gebe es einige Beispiele, bei denen Familien ihr Umfeld aufgenommen hätten. Andere Menschen wiederum seien "in den 30er-Jahren in Sprechkabinen gegangen und haben ihrer Mutter auf einer Sprechplatte, die sie dann verschickt haben, einen klanglichen Geburtstagsgruß geschickt".

Recherche und Digitalisierung sind aufwändig

Angesichts dieser Raritäten betont Eckardt, dass es mit der Digitalisierung der Medien längst nicht getan sei, sondern dass dann auch mit den zum Teil marginalen Überlieferungen und Informationen zu Filminhalten und Hintergründen der Entstehung recherchiert werden müsse.  

"Das ist ein bisschen detektivische Arbeit", so Eckardt, "und genau das wollten wir in der Ausstellung vermitteln." Zugleich habe man ein Gefühl dafür, dass das Material ein Schatz sei. Es gehe immer ums Geschichtenerzählen: "Die Leute, die gefilmt haben, erzählen Geschichte. Und wir müssen ja einen Bezug dazu finden, und das sind sozusagen die neuen Geschichten."

Informationen zur Ausstellung

"Der bewahrte Blick. Film- und Tonschätze aus Sachsen"
zu sehen bis zum 6. Januar 2024
Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
Corty-Galerie und Schatzkammer
Zellescher Weg 18
01069 Dresden

Öffnungszeiten:
Montag bis Freitag: 10 bis 18 Uhr
Samstag: 14 bis 18 Uhr

Ausstellung "Der bewahrte Blick" in der SLUB Dresden: Blick in einen Ausstellungsraum
Die Ausstellung "Der bewahrte Blick" in der SLUB Dresden Bildrechte: SLUB Dresden, Anne Lippert

Redaktionelle Bearbeitung: hk

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. April 2023 | 18:20 Uhr