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Die ursprüngliche Trauerhalle für den Steintorfriedhof steht seit der Wende leer. Nun wird sie – in unmittelbarer Nachbarschaft zum historischen Steintor – zum Glockenmuseum ausgebaut. Bildrechte: Katharina Häckl

Tradition GlockengießenWarum Salzwedel jetzt ein Glockenmuseum bekommt

17. April 2023, 15:31 Uhr

In Salzwedel im Norden Sachsen-Anhalts wurde eine große Tradition wiederentdeckt. Jahrhunderte lang war das Städtchen Lebens- und Wirkungsstätte von Glockengießern. Damit das nicht wieder in Vergessenheit gerät, baut ein Verein jetzt ein Glockenmuseum. Noch in diesem Jahr soll es fertig sein.

von Katharina Häckl, MDR KULTUR

Im 17. und 18. Jahrhundert lebten und arbeiteten in Salzwedel Glockengießer, teilweise über Familiengenerationen hinweg. Mehr als 200 Jahre lang war dieses Wissen in Vergessenheit geraten; sämtliche Akten über die Glockengießer wie Geburten- und Sterberegister, Heiratseinträge verbrannten im 19. Jahrhundert.

Dr. Gerhard Ruff musste deshalb ganz von vorn anfangen mit seiner Recherche. Vor etwa 15 Jahren bedauerte er, dass im Turm der Salzwedeler Heiliggeistkapelle keine Glocken hingen. Er tauschte kurzerhand seinen Chirurgenkittel gegen einen Blaumann, mauerte die Hinterwand des Glockengiebels neu und beschaffte neue Glocken für die Kapelle.

Standort Salzwedel mit Hanse, Salzstraße und Schifffahrt

Ruffs Neugier war geweckt: Den heimatverliebten Mann reizen Themen, die erst entdeckt werden müssen. Er ließ sich drei Jahre lang zum Glockensachverständigen ausbilden, fuhr dafür an den Wochenenden in die Evangelische Hochschule für Kirchenmusik nach Halle. Zu Hause in der Altmark bestieg er 90 Kirchtürme und entdeckte dort wahre Glocken-Raritäten, oft made in Salzwedel.

"Sie sind voller schöner Dekors, mit Inschriften in Latein, in großen Buchstaben, in kleinen Buchstaben, in Platt, mit Glockensprüchen drauf, mit Reliefs. Und so war das eben sehr spannend zu erfahren: Was sind das für Menschen gewesen, die Glocken gegossen haben? Die mussten ja was verstehen vom Metallhandwerk, die mussten lesen und schreiben können. Die mussten musikalisches Gehör haben, sie waren auch Künstler – und Geschäftsleute!"

Dr. Gerhard Ruff hat die Glockengießer-Tradition in Salzwedel wiederentdeckt und eine neue Chronik geschrieben. Er ist Initiator des Glockenmuseums. Bildrechte: Katharina Häckl

Glocken für 500 Kirchen in der Altmark

Dass sich die Glockengießer Salzwedel als Unternehmensstandort und Lebensmittelpunkt erwählten, erscheint Gerhard Ruff heute nur zu logisch. Die Altmark hatte bereits im Mittelalter etwa 500 Kirchen; alle brauchten ein, zwei Glocken. Die Wege zu den Einsatzorten waren kurz, die Salzwedeler Glockengießer waren mit die ersten im mitteldeutschen Raum, die sesshaft wurden. Ihre Vorgänger waren fahrende Handwerker. Doch Salzwedel bot einfach zu viele Vorteile, unter anderem den der Hanse. Da gab es, um an Material wie Bronze zu kommen, die Salzstraße, außerdem die Jeetze-Schifffahrt Richtung Hamburg und die Schiffsverbindung nach Berlin.

Chronik und Museum für die Glockengießer

Seit etwa zwei Jahren hat Salzwedel wieder eine Glockengießer-Chronik, natürlich aus der Feder von Gerhard Ruff. Wer aber nicht nur lesen will, sondern Schwingungen als Kribbeln im Bauch spüren, Glockenklänge hören, Metall fühlen will, für den wird das Glockenmuseum am Steintor ein perfekter Ort. Gerade wird die ehemalige Trauerhalle des Steintorfriedhofs zur "Dokumentationsstätte" umgebaut. Das langgestreckte Gebäude mit den großen Bogenfenstern und dem original erhaltenen zweiflügligen Holztor stand seit der Wende leer, diente zumeist Jugendlichen als Treffpunkt. Jetzt laufen die Bauarbeiten: Im Inneren der Halle soll die Dauerausstellung einziehen. Im 1.100 Quadratmeter großen Garten dahinter laden später Bänke, Tische und Stühle zum Verweilen und Genießen ein.

Ein Glockenguss für das Monument im Museumsgarten

Mittelpunkt des Gartens wird ein eigens für das Glockenmuseum entworfenes Monument. Stolz macht Gerhard Ruff darauf aufmerksam, dass die Betonskulptur dem Konstruktivismus entlehnt ist und als Glockenstuhl dienen wird. Die zugehörige so genannte Erinnerungsglocke wird am 1. Juli vor Ort gegossen. Dazu kommt der niederländische Glockengießer Simon Laudy mit fünfköpfigem Team und großer Gussform nach Salzwedel. Längst sind er und Gerhard Ruff gute Freunde geworden.

Ruff berichtet ausführlich: "Er (Simon Laudy) wird früh um 10 Uhr hier seinen Gießerofen aufbauen, seine Hütte, und die Vorbereitungen treffen zum Anfeuern – wie in alten Zeiten mit Gebläse, sodass wir um 16, 17 Uhr die Feuerung beginnen und damit rechnen, dass wir gegen 21, 22 Uhr dann die Bronze bei 1100 Grad haben. Dann kann der Guss erfolgen – oberirdisch. Dadurch kann sie auch schnell abkühlen, damit wir sie am nächsten Tag mittags schon um zwölf aus der Form geschlagen bekommen. Gegen 14 Uhr, 14.30 Uhr könnte schon eine Klanganalyse erfolgen. Wenn alles in Ordnung ist und wir sagen 'ok, sie klingt' – dann wird sie sofort eingehängt in den neuen Glockenstuhl, also in diese Betonskulptur."

Hier entsteht das zukünftige Glockenmuseum in Salzwedel – es handelt sich um die ehemalige Trauerhalle der Steintorfriedhofs. Durch die Bogenfenster lässt sich schon der schöne Garten erahnen, der hier entstehen soll. Bildrechte: Katharina Häckl

Einheimische Wirtschaft unterstützt Museumsprojekt

Die Herstellung des Monuments nach Entwürfen des Bildhauers Waldemar Nottbohm übernimmt das Apenburger Betonwerk – aus Begeisterung für das Projekt. Für das Glockenmuseum, das Gerhard Ruff als sein Lebenswerk bezeichnet, ist der Chirurg und Glockensachverständige Klinken putzen gegangen. Bei Salzwedeler Geschäftsleuten fand er Unterstützung. Im Stadtrat hingegen musste er sich Diskussionen stellen, die er teilweise als unwürdig empfand. Manchen Kommunalpolitiker musste Ruff von der Tragweite des Museumsvorhabens überzeugen. Es sei, sagt er, eine Bereicherung der Kulturlandschaft Salzwedel und der ganzen Altmark.

Mit dem Glockenguss, der hier stattfand, ist ja auch der Name schon in die Gegend getragen worden – bis hoch ins Brandenburgische, in die Prignitz, wo auch heute noch eine ganze Reihe von Salzwedeler Glocken hängen.

Dr. Gerhard Ruff, Glockensachverständiger

Von den Gesamtkosten von 230.000 Euro übernimmt die Stadt nun doch einen Anteil. Drei Viertel der Summe zahlt das Land. Denn die Fachleute vom Landesamt für Denkmalschutz, die sind erstaunt und dankbar für das, was Gerhard Ruff nicht nur für die Salzwedeler, sondern für Sachsen-Anhalts Geschichtsschreibung insgesamt geleistet hat.

Ein Bauschild informiert zur Entstehung der Erlebnis- und Dokumentatiosstätte der Glockengießertradition Salzwedel. Auf dem Schild ist auch das zukünftige Monument zu sehen. Bildrechte: Katharina Häckl

Kultur aus der Region Altmark

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 17. April 2023 | 12:10 Uhr