"Keine leichte Sehnsucht" Ausstellung in Leipzig ergründet jüdische Sehnsucht

Was bedeutet es, jüdisch und deutsch zu sein, israelisch und in Deutschland zu leben oder sich mit dem Land verbunden zu fühlen? Was macht diese Sehnsucht aus und wie spiegelt sie sich in der Kunst? Diesen Fragen geht die Ausstellung "Keine leichte Sehnsucht" auf dem Leipziger Spinnereigelände nach. Die Schau nähert sich dem Thema in Form von Geschichten und Kunstwerken, die acht jüdische Kunst- und Literaturschaffende im Dialog miteinander entworfen haben.

Hebräische Leuchtschrift - Darling we have reached Europe 4 min
Bildrechte: Ole Steffen / Mitteldeutscher Rundfunk

Die Ausstellung "Keine leichte Sehnsucht" auf dem Leipziger Spinnereigelände findet im Rahmen des Themenjahres "1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" statt. In der Ausstellung geht es um eine Verarbeitung von Erinnerungen, Erfahrungen und Erlebtem in Form der künstlerischen und schriftstellerischen Auseinandersetzung mit dem Thema Sehnsucht. Die Idee dazu hatte die Autorin und Projektleiterin Katharina Höftmann Ciobotaru.

Ausstellung erkundet Formen von Sehnsucht

Höftmann schreibt dazu, dass für viele deutsche Juden Israel ein Sehnsuchtsort sei. Für viele jüdische Israelis sei Deutschland das ebenfalls. Dabei kann es im ersten Fall um die Sehnsucht nach Freiheit in Israel gehen - fernab vom wabernden Antisemitismus in Deutschland. In die andere Richtung kann es um eine Sehnsucht nach der eigenen Geschichte, nach den Wurzeln gehen. Aber auch um eine Sehnsucht, in einem Land fernab von Krieg zu leben.

Projektleiterin Katharina Höftmann Ciobotaru
Projektleiterin Katharina Höftmann Ciobotaru Bildrechte: Ole Steffen / Mitteldeutscher Rundfunk

Katharina Höftmann Ciobotaru stellt zur Debatte, ob man in einem solchen Leben jemals ganz irgendwo sein kann. Ob man irgendwo dazugehören könne? Oder ob es die Sehnsucht selbst ist, die immer Teil der eigenen Identität bleibt. "Eine der Hauptarbeiten ist von Alona Harpaz, eine Neon-Installation 'Darling, we have reached Europe', und das hat sie damals in der Flüchtlingskrise angefertigt. Und ich glaube, dass dieses 'Einen Ort finden wollen' auch was sehr Jüdisches ist, weil kein Volk so verstreut war auf der Welt", sagt die Schriftstellerin.

Acht jüdische Kunst- und Literaturschaffende

Eine Verarbeitung der Erinnerung. Eine Verarbeitung der Sehnsucht. Das zu schaffen, eint die acht Künstler und Schriftstellerinnen, die ihre Werke in Leipzig ausstellen. Der Text stammt aus der Feder der Projektleiterin. Sie hat ihn nach dem Dialog mit der in Tel Aviv ansässigen Künstlerin Dana Yoeli geschrieben. Der Text ist inspiriert von der Porzellankunst Yoelis, deren filigrane Blumen, Schleifen und Blüten in porzellanweiß sich kaum von der hellen Ausstellungswand absetzen.

Das Booklet zur Ausstellung bringt Text und Kunstwerk zusammen
Das Booklet zur Ausstellung bringt Text und Kunstwerk zusammen Bildrechte: Ole Steffen / Mitteldeutscher Rundfunk

Dass sich geschriebene Geschichte und Kunstwerk gegenseitig inspirieren, ist die Idee der Ausstellung. So haben sich paarweise Künstler und Schriftstellerin verabredet und sich über Sehnsucht, Jüdischsein und Kunst ausgetauscht. "Alexander Iskin und Lana Lux haben per Zoom miteinander gesprochen und da zwei Stunden wirklich reingehauen und sich ganz viele verschiedene Fragen an den Kopf geworfen. Ich glaube ja, das war ein ganz schöner Austausch."

Ich wurde uralt geboren. Vielleicht bin ich deshalb Künstlerin geworden. Es gibt nicht viele Berufe, die das Grauen, das man nicht selbst erlebt hat, aber das in einem steckt, diese DNA des Traumas, diese unerbetene weitergegebene Erinnerung, konstruktiv verarbeiten können.

Katharina Höftmann Ciobotaru, Projektleiterin

Obere Reihe, von links nach rechts:  Linda Rachel Sabiers, Anna Nero, Katharina Höftmann Ciobotaru, Alexander Iskin  Untere Reihe, von links nach rechts:  Mirna Funk, Dana Yoeli, Alona Harpaz, Lana Lux
Die acht beteiligten Kunst- und Literaturschaffenden: Von oben links nach unten rechts: Linda Rachel Sabiers, Anna Nero, Katharina Höftmann Ciobotaru, Alexander Iskin; Mirna Funk, Dana Yoeli, Alona Harpaz, Lana Lux Bildrechte: Eda Temucin/Kat Kaufmann/Julija Goyd/Amira Fritz/Roni Cnaan/Katja Harbi/Joachim Gerne

Kunst soll fühlbar werden

"Keine leichte Sehnsucht", so der Titel der Ausstellung, wird durch das Hin und Her zwischen Schriftlichem und Bildlichem immer verständlicher. Man beginnt zu verstehen, warum diese Sehnsucht keine leichte ist. Das ist das Besondere an dieser Ausstellung. Sie regt an zum gegenseitigen Verständnis, zum Nachvollziehen von Biografien und Erlebtem. Doch die Zuschauer sollen sich nicht nur intellektuell mit dem Thema beschäftigen, erhofft sich Katharina Höftmann Ciobotaru.

"Da wäre es sehr schön, wenn die einfach die Kunst genießen, die Texte lesen und es sie berührt. Und, dass Jüdischsein erstmal gar nicht so im Vordergrund steht, sondern einfach gute Kunst, gute Texte", sagt die Schriftstellerin und ergänzt, "das wäre, was mich glücklich machen würde, wenn Leute einfach durchlaufen und was fühlen." Denn nur durchs Fühlen kann Empathie erst entstehen: Für die eigene Geschichte und die des Gegenübers.

Informationen zur Ausstellung Ausstellungsort:
Galerie Spinnerei archiv massiv,
Spinnereistraße 7, 04179 Leipzig

Ausstellungsdauer:
23. Oktober bis 12. November 2021

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Samstag: 11 bis 18 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. Oktober 2021 | 17:45 Uhr