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Auf dem Leipziger Markt soll im Sommer eine Kunstinstallation aus Zucker entstehen. (Symbolbild/Collage) Bildrechte: MDR/IMAGO/imagebroker/Arkivi

Reichsgründung vor 150 Jahren

Warum auf dem Leipziger Marktplatz ein Denkmal aus Zucker entstehen soll

von Ole Steffen, MDR KULTUR

Stand: 15. Januar 2021, 04:00 Uhr

In diesem Jahr jähren sich die Gründung des Deutschen Reiches sowie das Ende des Deutsch-Französischen Krieges zum 150. Mal. Wie umgehen mit diesen Jahrestagen? In Leipzig ist zu diesem Anlass nun Kunst auf dem Markt geplant unter dem Titel: "Zucker. Rausch. Germania." Dahinter steckt die Schaubühne Lindenfels.

Die zwei großen Kriege des 20. Jahrhunderts hatte das Siegesdenkmal auf dem Leipziger Markt seit seiner Fertigstellung im Jahr 1888 überdauert. Entworfen vom Berliner Bildhauer Rudolf Siemering sollte das Siegesdenkmal den Sieg Deutschlands über Frankreich im Deutsch-Französischen Krieg würdigen. 58 Jahre lang stand es schließlich vorm Nordende des Alten Rathauses auf dem Marktplatz von Leipzig.

Nach Kriegsende fast unbeschadet

Das Siegesdenkmal überstand den Zweiten Weltkrieg fast unbeschadet. Bildrechte: Karl Heinz Mai / Fotothek Mai

Es war im Jahr 1945, als in der Nachkriegszeit die Leipziger Innenstadt völlig zerstört, das Siegesdenkmal aber fast unbeschadet geblieben war. Eine gegensätzliche Szenerie, die der damalige SPD-Stadtbaurat Walther Beyer offenbar nicht mehr ertragen konnte. Auf Treiben der SPD hin wurde das Siegesdenkmal als "Versinnbildlichung des Militarismus" von Juni bis Dezember 1946 demontiert und eingeschmolzen.

Kunst zu historischen Jahrestagen

Den Ort, an dem das Siegesdenkmal einst stand, will nun René Reinhardt von der Schaubühne Lindenfels gemeinsam mit der Künstlerin Lisa Schiller-Witzman sowie den Künstlern Thadeusz Tischbein und Robert Frenzel nutzen, um mit ihrer Arbeit zwei historische Jahrestage zu kommentieren: Den 150. Jahrestag der Gründung des Deutschen Kaiserreichs und den 150. Jahrestag des Endes des Deutsch-Französischen Krieges.

Es ist ein großes Glück, dass aus der Erbfeindschaft mit Frankreich eine Freundschaft entstanden ist.

René Reinhardt, künstlerischer Leiter der Schaubühne Lindenfels

Er sei auf die Stadt zugekommen "und wir haben dem Rathaus vorgeschlagen, dass man genau mit diesem Schmerzpunkt dieses seltsamen Denkmals was machen kann", so Reinhardt weiter.

150. Jahrestag Deutsches Kaiserreich

Am 18. Januar 1871 wurde mit der Kaiserproklamation im Spiegelsaal von Versailles das Deutsche Reich gegründet. Im Original sagte der Reichsgründer Otto von Bismarck:

"Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden König von Preußen, nachdem die deutschen Fürsten und freien Städte den einmütigen Ruf an Uns gerichtet haben, mit Herstellung des Deutschen Reichs die seit mehr denn sechzig Jahren ruhende deutsche Kaiserwürde zu erneuern und zu übernehmen, und nachdem in der Verfassung des Deutschen Bundes die entsprechenden Bestimmungen vorgesehen sind, bekunden hiermit, dass Wir es als eine Pflicht gegen das gemeinsame Vaterland betrachtet haben, diesem Ruf der verbündeten deutschen Fürsten und Städte Folge zu leisten und die deutsche Kaiserwürde anzunehmen."

Die Reichsgründung war eine Folge des Ausgangs des Deutsch-Französischen Krieges.

150. Jahrestag Ende des Deutsch-Französischen Krieges

Der Deutsch-Französische Krieg vom 19. Juli 1870 bis 10. Mai 1871 war ein Krieg zwischen Frankreich und dem Norddeutschen Bund unter der Führung Preußens. Während des Krieges traten die vier süddeutschen Staaten Bayern, Württemberg, Baden und Hessen-Darmstadt dem norddeutschen Bund bei.

Rekonstruktion und Dekonstruktion – "Zucker. Rausch. Germania."

René Reinhardt, Schaubühne Lindenfels Bildrechte: Christian Hüller

Es könne jedoch nicht darum gehen, ein "vielleicht auch aus guten Gründen abgerissenes, kriegsverherrlichendes Denkmal" genauso wieder hinzustellen, so René Reinhardt. "Es geht um einen Prozess, wo die Rekonstruktion letztlich eine Dekonstruktion der Motive sein muss, die die Leute dazu geführt haben, das Denkmal zu errichten", ergänzt er.

Noch stehe die Planung dazu ganz am Anfang. Ein paar Details aber konnte der Leiter der Schaubühne Lindenfels MDR KULTUR bereits verraten. Zum einen den Namen der geplanten Installation: "Zucker. Rausch. Germania." Dahinter verbirgt sich der Gedanke, dass Denkmäler der vergangenen Jahrhunderte bei ihrer Errichtung ursprünglich für die Ewigkeit geplant waren – durch Materialien wie Bronze, Granit oder Kupfer.

"Was kann es sein, was kann so was ersetzen? Und da sind wir auf etwas gekommen, dass ganz und gar vergänglich ist", so Reinhardt. Zucker! Aus einem Zuckergemisch soll die Kunstinstallation nun errichtet werden. Man könne an die Textur vom geformten Hochzeitspaar auf der Torte denken, erläutert Reinhardt.

Doch ein weiteres Argument sprach für Zucker. Im Jahr 1801 ließ der Naturwissenschaftler Franz Carl Acherd in Kunern und damit in Preußen die erste funktionsfähige Rübenzuckerfabrik der Welt errichten. So wurde der industriell hergestellte Zucker auch zum Treibstoff für Preußens Eroberungsfeldzüge.

Der Marktplatz von Leipzig als Postkartenmotiv um etwa 1935 mit dem Siegesdenkmal. Bildrechte: imago/Arkivi

Ein Pferd aus Zucker

Über mehrere Wochen soll der Prozess der Rekonstruktion und Dekonstruktion auf dem Markt vonstatten gehen. Dabei wird im Mittelpunkt ein überlebensgroßes, voraussichtlich weißes Pferd aus Zucker stehen. Die Installation werde nicht die Ästhetik und Geschichte des Originals erzählen, so Reinhardt. "Es tut uns weh, Pferde leiden zu sehen im Krieg. Und da ist so ein Pferd – ein sterbendes womöglich, nicht das in Siegerpose unter dem Po eines Feldherrn – etwas, das uns vielleicht noch berühren kann“, deutet er an. Dabei sei es auch möglich, dass das Pferd nicht steht, sondern hängt. Zudem ist neben Informationstafeln rund um die Kunstinstallation zum historischen Grund auch eine Zusammenarbeit mit europäischen Künstlerinnen und Künstlern geplant.

Europäischer Austausch – Zeitplan

Anfang Mai (Rund um den 8. Mai 2021)
Auftaktaktion an der Siegessäule in Berlin
Mit dem Reenactment des historischen Fotos von 1946: "Pferd & Pflug vor Kriegsdenkmal"
Bezug zur Nachkriegszeit und zur Pflanzaktion gegen den Hunger im zerstörten Tiergarten 1946

Ende Mai
Einladung zum Festival "Meeting Brno"
Zucker-Skulptur "Fallendes Pferd" und Schüleraustausch-Projekt Leipzig-Brno

18. August bis 20. Septemer 2021
"Zucker. Rausch. Germania." – Rekonstruktion/Dekonstruktion auf dem Leipziger Markt

September 2021
Korrespondierendes Projekt in Straßburg
Tableaus Vivants / Symposium
Universität Strasbourg und Goethe Denkmal in Strasbourg
Bezug dt-franz. Kriege – Aussöhnung – Freundschaft – Europa

Quelle: Stadt Leipzig

Dabei geht es zum einen um ein korrespondierendes Projekt in Straßburg, bei dem es auch um performative Kunst geht. Zum anderen ist eine ähnliche Kunstinstallation im tschechischen Brno (Brünn) geplant. Das "Fallende Pferd" werde dort bereits Ende Mai im Rahmen des Festivals "Meeting Brno" auftauchen. Der Auftakt für die Kunstaktionen ist jedoch schon Anfang Mai in Berlin. Details dazu sollen jedoch erst im Laufe des Jahres bekannt gegeben werden.

Debatte über Kunstinstallation im Leipziger Stadtrat

Mandy Gehrt, Die Linke Bildrechte: MDR/Ole Steffen

Schon im August 2019 wurde im Stadtrat darüber diskutiert, welche Jahrestage im Jahr 2021 welche Würdigung erhalten könnten. Dass die Schaubühne Lindenfels überhaupt den Zuschlag für das Projekt bekommen hat, war ein langwieriger Prozess. Diskutiert wurde dies als Teil des Themenjahres 2021 "Leipzig – Stadt der sozialen Bewegungen". Bedenken kamen unter anderem von der kulturpolitischen Sprecherin der Fraktion Die Linke, Mandy Gehrt. Ihre Frage: Warum gibt es im Rahmen des Themenjahres Geld für die Erinnerung an die Gründung des Deutschen Kaiserreichs und gleichzeitig zu wenig Würdigung der besonderen Rolle von Frauen aus der Zeit? "Es blieben einfach viele Fragen offen – also besonders im Hinblick darauf, wie wird der Bogen zur sozialen Bewegung geschaffen", so Mandy Gehrt im Gespräch mit MDR KULTUR.

Vom Kulturdezernat der Stadt Leipzig heißt es dazu: "Soziale Bewegungen in Deutschland konnten sich durch die Reichsgründung wirkungsvoller entfalten, was sich konfliktreich im Kulturkampf oder in den Sozialistengesetzen darstellte." Somit sei das Sujet absolut passfähig zum Themenjahr. Auch für René Reinhardt ist der Bezug seines Projektes zu sozialen Bewegungen klar: "Wenn man von sozialen Bewegungen reden will, da kann man natürlich eine Antikriegsbewegung, eine Friedensbewegung oder die sozialen Zerwürfnisse, die Kriege eben bedeuten für die Zivilgesellschaft – dann kann man die nicht ausblenden und ich glaube, das ist inzwischen auch angekommen."

Der Vorlage Themenjahr 2021, in dem das Projekt "Zucker. Rausch. Germania." ein Bestandteil ist, wurde schließlich am 15. Juli 2020 im Stadtrat von Leipzig beschlossen. Änderungsanträge der Linken und der AfD wurden abgelehnt.

Auftakt an der Siegessäule in Berlin

Bevor aber das sterbende Pferd aus Zucker auf dem Markt in Leipzig zu sehen sein wird, gibt es bereits Anfang Mai den Auftakt der Erinnerung an der Siegessäule in Berlin mit dem Reenactment des historischen Fotos von 1946: "Pferd & Pflug vor Kriegsdenkmal". Dabei wird Bezug genommen zur Nachkriegszeit und zur Pflanzaktion gegen den Hunger im zerstörten Tiergarten.

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 15. Januar 2021 | 18:05 Uhr