Zum 80. Geburtstag Sighard Gille: Der Erschaffer von Leipzigs berühmtestem Deckenfresko

Der Maler Sighard Gille gehört ohne Frage zu den wichtigen Vertretern der berühmten Leipziger Schule. Der 1941 geborene Maler, Grafiker und Fotograf hat bei Bernhard Heising an der Hochschule für Grafik und Buchkunst studiert. In den 1990er Jahren wurde er dort auch zum Professor berufen. Bekannt wurde er aber vor allem durch sein monumentales Deckengemälde, das er Anfang der 1980er Jahre für das Gewandhaus in Leipzig geschaffen hat. Ein Besuch in seinem Atelier.

Sighard Gille steht vor einem Gemälde in seinem Atelier
Bildrechte: MDR/Andreas Höll

Seine neuesten Arbeiten hat Sighard Gille in dem geräumigen Atelier verteilt. Sie stehen auf Staffeleien von unterschiedlicher Größe. Doch das jüngste Gemälde ist zugleich das traurigste. Es ist ein Erinnerungsbild an seine älteren Schwestern Almut und Hedda – und die sind kürzlich gestorben. Man sieht die eine Schwester – wie sie aufgebahrt im offenen Sarg liegt – und daneben sitzt die andere mit gefalteten Händen und geschlossenen Augen. Und über beiden schwebt ein menschliches Skelett.

Erinnerungsbild der Schwestern Almut und Hedda
In diesem Gemälde verarbeitet Sighard Gille den Tod seiner Schwestern Almut und Hedda. Bildrechte: MDR/Andreas Höll

Man sieht über den beiden den Tod durch das Fenster reinrauschen. Es war ziemlich hart, innerhalb von vier Wochen zwei Schwestern zu verlieren.

Sighard Gille

Der Schmerz über den Tod seiner Geschwister – er scheint wie eingefroren in dem melancholischen Bild mit seinen blauen und violetten Farben.

Selbst-Porträts mit expressivem Strich

Selbstporträt
Ein Selbstporträt Sighard Gilles. Bildrechte: MDR/Andreas Höll

Ganz anders verfährt der Maler dagegen bei seinen aktuellen Selbst-Porträts. Mit expressivem Strich und in leuchtenden Farben betreibt er die Erkundung des eigenen Ich – und daraus ist ein 15-teiliger Zyklus entstanden – mit ganz eigenen Spielregeln: "In diesem Fall habe ich jeden Tag ein Selbstbildnis machen müssen und das musste fertig werden, am gleichen Tag." Die Betrachtung der gesammelten Selbstbildnisse sei dementsprechend sehr aufschlussreich, sagt Gille, da sie wiedergeben hätten, "wie man sich so fühlt jeden Tag". Außerdem sollte jedes Bildnis sich von dem am Vortag gemalten unterscheiden.

Ich bin ein divers arbeitender Mensch.

Sighard Gille

Mit feiner Ironie verweist Sighard Gille auf die Bandbreite seiner Interessen und seiner Themen – und dazu gehört auch die Landschaftsmalerei und sein Faible für allegorische Bilder zum Zeitgeschehen.

Leipziger Maler Sighard Gille feiert 80. Geburtstag

Der Maler Sighard Gille, Leipzig, DDR, historische Aufnahme, 1978
Sighard Gille im Jahr 1978 in Leipzig Bildrechte: IMAGO / imagebroker
Der Maler Sighard Gille, Leipzig, DDR, historische Aufnahme, 1978
Sighard Gille im Jahr 1978 in Leipzig Bildrechte: IMAGO / imagebroker
Der Maler Sighard Gille, Leipzig, DDR, historische Aufnahme, 1978
Sighard Gille zählt zu den wichtigsten Vertretern der Leipziger Schule. Bildrechte: IMAGO / imagebroker
Gewandhaus am Leipziger Augustusplatz
Bekannt geworden ist der heute 80-jährige Künstler für sein monumentales Deckengemälde im Leipziger Gewandhaus. Bildrechte: IMAGO / F. Berger
Selbstporträt
Ein aktuelles Selbst-Porträt Sighard Gilles mit expressivem Strich und in leuchtenden Farben. Bildrechte: MDR/Andreas Höll
Atelierszene mit den Lochkamera-Fotos aus der New York Serie 1996
Ein Einblick in Sighard Gilles Atelier mit den Lochkamera-Fotos aus der New York Serie, 1996 Bildrechte: MDR/Andreas Höll
Das allegorische Gemälde, Der Fund
Sighard Gilles allegorisches Gemälde mit dem Titel "Der Fund" Bildrechte: MDR/Andreas Höll
Werkzeug im Atelier
Sighard Gilles Atelier befindet sich im Leipziger Westen, unweit der Baumwollspinnerei. Bildrechte: MDR/Andreas Höll
Erinnerungsbild der Schwestern Almut und Hedda
Innerhalb von nur vier Wochen verstarben Sighard Gilles Schwestern Almut und Hedda – seinen Schmerz über denTod seiner Geschwister verarbeitet er in diesem Gemälde. Bildrechte: MDR/Andreas Höll
Kleinskulptur im Atelier
Eine Kleinskulptur in Sighard Gilles Atelier. Bildrechte: MDR/Andreas Höll
Porträt Bernd-Lutz Lange
Sighard Gilles Porträt dens Leipziger Kabarettisten Bernd-Lutz Lange. Bildrechte: MDR/Andreas Höll
Sighard Gille steht vor einem Gemälde in seinem Atelier
Der 1941 in Eilenburg geborene Künstler feiert am 25. Februar seinen 80. Geburtstag. Bildrechte: MDR/Andreas Höll
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Sighard Gille steht vor einem Gemälde in seinem Atelier
Sighard Gille: "Ich bin ein divers arbeitender Mensch." Bildrechte: MDR/Andreas Höll

Ein Deckengemälde von gewaltiger Dimension

Bekannt geworden ist der heute 80-jährige Künstler für sein monumentales Deckengemälde für das Leipziger Gewandhaus. Und das war allein schon von den Dimensionen her eine gewaltige Herausforderung für den Maler.

Ein Jahr für 714 Quadratmeter ist schon sehr wenig – Michelangelo hatte 500 Quadratmeter und sechs Jahre Zeit gehabt. Ich will mich da gar nicht vergleichen, aber ich musste ziemlich ran und das war eine Baustelle.

Sighard Gille

Auf dieser Baustelle im Gewandhaus ließ sich der Künstler von Gustav Mahlers "Lied von der Erde" inspirieren. Und so schuf er seinen gemalten "Gesang vom Leben" – und dieses vielschichtige  Monumentalwerk – das können die Besucher des Gewandhauses immer wieder neu entdecken.

Das Gewandhaus zu Leipzig
1980-1981 fertigt Sighard Gille das Deckengemälde für die Foyers des Gewandhauses Leipzig. Bildrechte: dpa

Fotografien vom menschenleeren New York

Eine ganz andere Ästhetik verfolgt der Künstler dagegen beim Fotografieren. Er selbst hat aus DDR-Zeiten einen Facharbeiter-Brief als Fotograf in der Tasche – doch statt neuester Technik interessiert ihn seit langem die gute alte Lochkamera. Und damit entstand Mitte der 1990er Jahre ein wichtiger Foto-Zyklus von Sighard Gille – und zwar inmitten der Millionenmetropole New York. Sighard Gille erinnert sich an die Menschenmassen, die die Straßen der Metropole im Jahr 1996 bevölkerten: "Meine Lochkamera blendete das alles aus. [...] Alles, was sich bewegt, ist nicht zu sehen auf diesem Film. Insofern interessiert mich, dass der Mensch ausgeklammert wird."

Atelierszene mit den Lochkamera-Fotos aus der New York Serie 1996
Sighard Gilles Fotografien vom New York der 1990er Jahre, aufgenommen mit einer Lochkamera. Bildrechte: MDR/Andreas Höll

Auf den Schwarz-Weiß-Fotografien verschwanden damals die Menschen – sagt Sighard Gille – und diese  Bilder vom menschenleeren New York – die wurden nun in der Corona-Pandemie zeitweise Wirklichkeit. Und genau das sind jene Überraschungen, die der quicklebendige Künstler immer wieder liebt.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 25. Februar 2021 | 08:40 Uhr

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